Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1917
- Issue
- Nr. 8 - September
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4864325-6029093-6074404--2260-4866352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
in dieser widerspruchsvollen Welt verknüpft sind. Nicht Hochmut, sondern tiefste Demut ist vielmehr das Wahrzeichen der richtig verstandenen Auserwähltheit. Oder, was ist es anderes, wenn Tausende und Abertausende; unserer Glaubensgenossen zur „Heiligung des göttlichen Namens" mit dem Rufe: „Hör*, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig" in den1 Tod gingen? Bezeugt doch diese Hingebung der Prophet Jeremia in einem wunderschönen, dichterischen Wort, das auch in die Neujahrsgebete übergegangen ist, schon aus der Frühzeit Israels: „Ich gedenke Dir die Huld Deiner Jugend, die Liebe Deiner . Brautzeit, wie Du mir nachgingst in der Wüste, in einen Lande, da nicht gesäet ward!" Und wer hätte geglaubt, diß noch nach Jahrtausenden der wirklichen Wüstenwanderung die ganze Menschheit in einer zu eigen machen und ohne Aufdringlichkeit verbreiten, ist ein Wunsch, der bei der Rückschau auf das verflossene Jahr und seine nicht endenwollenden Schrecken zugleich ein.Oebot der Stunde,Ist. Und es ist keine Ueberhebung zu sagen i hätlen sich die Völker wirklich und wahr an den Lehren des Judentums orientiert, diese furchtbare Katastrophe wäre der Wdt erspart geblieben. t \ . ' Wenn wir aber, soviel a!n uns .ist, an der Versöhnung und Eintracht der Völker mitarbeiten wollen und sollen, so müssen wir vor allem bet uns selbst anfangen. Nicht als ob der Kjuiipf der Meinungen aufhören solle. Denn geistigen Kampf ist geistiges Leben, und ohne ihn wird rungen. Aber dieser Kampf ohne persönliche Gereiztheit, moralischen Wüste zu wandern haben würde, da all«—-gung, lediglich um der Siehe/ um der Wahrheit Kultur, alle Wahrhaftigkeit, alle Humanität geschwunden zu sein scheint und die Welt ven glühendem Haß, von Lüge, Verleumdung unjd Heuchelei erfüllt ist! Dennoch — und das führt uns dieser Krieg auch unverkennbar vor die Seele — ist das Entscheidende in der Wdt nicht die rohe Gewalt, nicht der Mechanismus, nicht die Masse, nicht das knechtische Gesetz der S:hwere, sondern der Geist, die Idee. Sind wir Juden selber nicht das lebendige Zeugnis von der Macht der Idee? Das Neujahrsgebet um Errichtung des Menschheitsbundes gibt als seinen Zweck an, „den Willen Gottes zu vollbringen mit vollkommenem Herzen". Das mit „vollkommen" wiedergegebene hebräische Wort hat denselben Stamm wie das Wort für „Frieden". Dies ist eins der zahlreichen schönen Beispiele, wie das starke Empfinden des Volkes in ein einziges Wort die Wahrheit nicht ermuß ohne Gehässigkeit, . ohne falsche Verdachtiwillen geführt werden. Bei allem,' was uns trennt, müssen wir uns um so stärker dessen bewußt sein, was uns eint, Baß Einigkeit' stark macht, ist eine Binsenwahrheit, die leider gerade von uns Juden recht wenig beachtet wird. Niemand aber, der nicht vor dei bitteren Tatsachen die Auge» verschließt, der an die' schmachvolle Unbill denkt, die uns selbst in dieser ungeheuren Weltnoit, in der, was ja selbstverständlich ist, Gut und Blut der Juden gleichwie das unserer andersgläubigen Volksgenossen für das Vaterland geopfert wird, zugefügt wordenist,' kann im Zweifel sdp, wie sehr es uns not tut, im .Innern einig zu sein, um uns nach außen stark zu machen. Und wo wäre der Boden zur Arbeit an dieser Einigkeit besser vorbereitet als in den Logen, die alle Parteien, alle Richtungen in sich vereinigen.) Unsere Thora hat zuerst .das Gebot der Nächstengelegt und somit der Frieden als das höchste Gut' liebe, der Menschenliebe verkündet. Die biblischen betrachtet wird. Und was kann Gottes Wille anderes sein, als daß das Gute in der Wdt zur Herrschaft gelange! Wie diese Herrschaft herbeigeführt werden könne, das lehrt uns einer unserer alten Weisen in den Sprüchen der Väter: „Auf drei Dingen ist der Bestand der Welt gegründet, auf der Wahrheit, auf dem Recht und auf dem Frieden." Mit gutem Bedacht ist die Reihenfolge dieser drei Weltsäulen gewählt. Zuerst muß die Wahrheit ermittelt und festgestellt werden, auf ihr ruht das Recht und durch ' diese beiden ist als die Vollendung der Frieden verbürgt. sowie die talmudischen Schriften sind überdies erfüllt von den umfassendsten, schönsten sozialethischen Lehren, von Gesetzen zum Schutz der Armen und / wirtschaftlich Schwachen, die ein Ausfluß des tiefsten Mitleidens sind. Gar vieles, was erst die soziale Gesetzgebung der Neuzeit ins Leben gerufen hat, ist im allgemeinen vorgezeichnet in den Büchern des Judentums. Aber ein weit sichereres Fundament der staatlichen Gemeinschaft als die Liebe, zu der man niemanden zwingen kann, ist die Gerechtigkeit, die nicht von Gefühlen bedingt, sondern zugleich eine Forde- * rung'der Vernunft ist. '„Der Gerechtigkeit, ,der Gerech- Daß wir alle uns solche Gedanken, wie sie hier tigkeit sollst Du nachjagen" verlangt-ein Wortumserer an der Hand der Geschichte und der uralten litera- Thora. Und fischen Zeugnisse des Judentums geäußert wurden, Religion der \ * ■ — 111 — wir dürfen das Judentum auch als die 1 ' -* - «*.. *: ■; unbedingten Gerechtigkeit bezeichnen.