Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1917
- Issue
- Nr. 7 - August
- Date
- 1917-08-01
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
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zurückgewiesen. Das erscheint uns so selbstverständlich, daß. jedes Wort der Anerkennung, oder des Dankes überflüssig ist Dagegen zwing! uns die Art und Weise, in der Raihenau seine Ablehnung des Glaubenswechsels begründet, zur Erwiderung. Die freimütige Kritik, die er an der christlichen Religion, ihrer kirchlichen I Organisationsform und ihrer Verbindung . mit der Staatsgewalt maßvoll und mit ruhigem Ernst übt, hat .ihren beträchtlichen Wert und wird hoffentlich nicht ohne Wirkung bleiben. Das positive Gegenbild aber, das er vom Judentum entwirrt, entspricht so wenig der [ geschichtlichen Wirklichkeit, daß es berichtigt werden muß, wenn die Unklarheit und Verwirrung in unserer Mitte nicht noch wachsen soll. Der wesentliche Inhalt der jüdischen Religion liegt nach Rathenaus Ansicht in dem Bekenntnis zu dem einen GotL Alles übrige, sowohl die Anerkennung der einzelnen Glaubenslehren, als auch die Teilnahme am religiösen Leben' der Gemeinide und die Beachtung der religiösen Formen ist in das Belieben des einzelnen gestellt Ebenso - selbstständig -und souverän ist auch die Gemeinde „Die Bethäuser, die man Synagogen nennt, sind Schulen oder Andachtss'ätten, in denen nach Belieben der Gemeinde Kulthandlungen vorgenommen werden könnet. Kein Gesetz fordert ihren Besuch." Im Gegensatz zu der dogmatischen Gebundenheit und dem kirchlichen Zwang des Christentums repräsentiert das Judentum demnach die undogmatische und unkirchliche Form der Religion. Mit dieser Anschauung knüpft Rathenau an die Mendelssobn'scbe These an, daß die jüdische Religion kein Dogma kennt, und geht beträchtlich über sie hinaus. Für den Philosophen der Aufklärungszeit war das- Judentum ein System übernatürlich offenbarter Normen," dis nicht einen j vorgeschriebenen Glauben, sondern ein bestimmtes Tun verlangt. Es ruht zwar auf dem Grunde religiöser und sittlicher Wahrheiten, doch es braucht ihre; dogmatische Anerkennung nicht zu fordern, weil es der freiwilligen Zustimmung der Vernrnft gewiß ist. Rathenau aber läßt weder für die Glaubensvorstellungen, noch für das religiöse Handeln eine autoritative Norm bestehen, sondern umkleidet die anarchischen Zustände im religiösen Leben unserer Tage mit'einem Schein des Rechts und mit dem Glanz des Ideals. Solange wir nur an den einen -Gott glauben, können wir nach seiner Meinung in-rdig#ser Hinsicht tun und lassen, was uns beliebt Eine solche Auffassung des Judentums steht jedoch im Widerspruch nicht nur zu dem, was Bibel und Talmud lehren, sondern zur ganzen Geschichte unserer Religion und ihrer Entwicklung bis in unsere Zeit hinein. Die grundlegende Bedeutung des monotheistischen Gedankens hat Rathenau richtig erkannt Er ist Wurzel und Krone des Judentums. Aber ebenso, wie das Fundament eine3 Hauses nicht schon der ganze Bau ist, wie man Wände und Pfeiler und Wölbungen nicht als unwesentlich bezeichnen kann, gehören auch die einzelnen Lehren, in denen der Gedankengehalt der jüdischen Religion sich ausprägt, zu ihrem Wesen. Sie bilden in ihrer Gesamtheit ein geschlossenes System, einje eigenartige und kraftvolle religiöse Weltanschauung, deren einzelne Elemente sich gegenseitig stützen] und tragen. Gerade auf seiner inneren Logik, seiner energischen und durchgreifenden Konsequenz beruht die Kraft und Widerstandsfähigkeit des Judentums. Diher hat selbst der jüdische Liberalismus der Gegenwart mit vof em Recht die Lehre von 'dejr Weltschöpfung, von der sittlichen Kraft und Unsterblichkeit der Menschenseele, der religiösen Sendung Israels und der messianischen Zukunft der Menschheitals notwendige' Glaubenssätze hingestellt. Wer den Messianisnu =, oder 'die sittliche Natur des Menschen leugnet, bat damit den Boden der jüdischen Religion noch rieht verlassen, aber seine religiöse Uebtrzeugung entbehrt der Geschlossenheit und Konsequenz, sein Judentum ist dann nicht mehr ein organisches Ganzes von innerer Notwendigkeit, sondern willkürlich und fragmentarisch. J [ Ebensowenig, wie unsere Religion es dem einzelnen anheimstellt, welche ihrer Lehren er anerkennen will, läßt sie seinem religiösen Handeln unbeschri nkte Freiheit Rathenau irrt, wenn er behauptet, daß kein Gesetz den Besuch des Gotteshauses fordert. Nicht nur Bibel, Talmud und Schulchan Aruch verlangen die Teilnahme des einzelnen am religiösen Leben der Gemeinde, sondern diese Forderung ergibt sich als unvermeidliche Konsequenz aus dem sozial ethischen Charakter unserer Religion. Sie will den Menschen zur reinenj harmonischen und kraftvollen Penönlichkeit bilden, die ihre Kraft in den Dienst der jüdischen Gesamtheit und der menschlichen Kulturentwicklung stellt. Wie könnte sie diese Aufgabe lösen, wenn sie dem einzelnen das Recht zuerkennen wollte, seinen eigenen Weg zu gehen und sich von dem religiösen Leben der Gemeinde fernzuhalten? Sie ist nicht so herrschsüchtig und unnachsichtig, den auszuschließen, der sich ihren — 94 —