Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1917
- Issue
- Nr. 4 - April
- Date
- 1917-04-01
- Page
- Seite 56 (sequence 12)
- Language
- German
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punkt ihres Lebens: die Chassidim. Sie unterscheiden sich von den anderen strenggläubigen Juden, den Misnagdin, welche Anhänger des altera talmudischen Schrifttums sind, durch ihre mehr optimistische Lebensauffassung und ihre etwas freiere religiöse Lehre, welche die inbrünstige Frömmigkeit höher bewertet als rabbinische Gelehrsamkeit. Diese Lehre mußte naturgemäß zum Glauben an den Wunderrabbi (Zaddik, guter Jid, RebbcJ führen, der die Fähigkeit besitzt, daß sein inbrünstiges Gebet ah Mitller zwischen Gott und dem Menschen diene. Ist auch der Ciassidjsmus jeder modernen Üiidung abhold, da er in ihm ehe Feindin seiner Lehre ero-'icktt,—und dies vielleicht nicht mit Unrecht—so ist doch über ihn ein gewisser Zauber der Mystik und Poesie ausgegossen, der inn \jerehrungswürdig macht. Der Cbeder, in dem bisher das Studium von Bibel undTalmud als einz'gerUnterr chtsgegenstand 'galt, ist die eigentliche B Idungsstätte dt j chassiüschen Jugend. Die deutsche Regierung hat iie( Institution des Cheders aufrecht erhalten, nur ließ s:e den Unterricht systematischer gestalten und hat in den Lehrplan auch die Kenntnis der deutschen hipd polnischen Sprache sowie Rechnen aufgenommen;. 1 ><e Unterrichts- und Verkehrssprache der Cnassid m ist der Jargon, die jidd sehe Sprache. Der Cnassid smu; bildet aber keinesfalls eine einheitliche, zasamnanhängende Masse; es besteht vielmehr iuihm eine ganze Reitie von Richtungen, j? nachdem dieser oder jener Wunderrabbi als Autorität anerkannt wird, zu dem man anläßlich der Festage fäirt, Richtungen,-welche sich oft scharf »efehien. Durch den kri«g hat der Chassidismus einen schweren Schlag, der ihn schließlich in seiner Existenz bedrohen kann, erlitten. Die Vernichtung vieler jüdischen Gemeinden [ durch die Russen hat die angesehensten Wunderraoois, s» den von Gura-Kal warya, den Gerer Rebbe, den von Radzyn den von Rädzymin heimatlos gemacht, so d*rt sie ihre Zuflucht in -grötteren|Säien, zumeist ii nehmen mußten und dadurch nictit mehr in der Lage sind, ihren Anhang zusammenzuhalten und zu beeinflussen. Dazu kom nt, daß die chassidische Jagend, durch d» Unterricht in profanen Fächern aufgeklärter und, wenn auch oberflächlich, von moderner Kultur beleckt mit dem langen Rock den Chassidismus, wenn nicht gar die Religiosität ablegt und dem Chaisidismus den Rucken kehrt Auch der von den Chassidim so sehr verpönte Zianismus hat in den Reihen der chassidischen Jugend Eingang gefunden und . in der jüngsten Zeit] sogar zur Bildung einer eigenen zionistischen Gruppe geführt. In scharfen Worten wurwVichau wie sonst den in einem öffentlichen Anschlage in den Bethäusern der Chassidim die Mitglieder dieses Vereins als Ketzer und Gottesleugner gebrandmarkt. Dieser geistige und religiöse Wid erstreit zwischen der älteren und jüngeren Generation, zwischen Vätern und Kindern, der nicht selten den Frieden der Familie stöt, zeugt von dem bereits erwachten und jetzt nur noch stärker entfachten Kampfe der alten und neuen Zeit und ist ein warnendes Symptom für den Verfall des Chassidismus. Das mögen wohl seine Führer gefühlt haben, als sie sich zum Schutze und zur Wahrung des althergebrachten traditionellen Judentums zusammenschlössen. Im Gegensatz zu den Chassidim stehen die polnisch nationalen Juden auf dem Boden des allgemeinen Parteiprogramms der Polen; sie betonen einzig und allein ihren nationalen Standpunkt als Polen und verhalten sich als Partei zu allen Fragen, die das Judentum betreffen, völlig indifferent. Mit einem gewissen Recht werden sie darum als die assimilatorische Richtung im polnischen Judentum bezeichnet Aus ihrer Trennung zwischen Polentum und Judentum kommt es in der Tat vor, wie erst letzthin im Warschauer Ratskollegium, daß Juden jüdischen Interessen geradezu entgegenhandeln. Sich zumeist aus der Oberschicht rekrutierend, aus reichen Kaufleuten und Industriellen, aus Akademikern, spielen sie vermöge ihres Einflusses im ö:fentlichen Leben eine große Rolle,, trotzdem ihre Partei nicht sehr groß ist. So sitzen mehrere Anhäiger im Warschauer Stadtrat —es gehören demselben auch Juden aus andern Parteien an—und der einzige Jude, der in den polnischen Staatsrat gewählt wurde, gehört dieser Partei an. Polnischer Patriotismus hat viele jüdische Jünglinge gerade aus diesen Kreiden in die Reihen der polnischen Legionäre geführt. Eine etwas abweichende Stellung nehmen die sogenannten Neo - Assimilanten ein; sie sind zwar auch polnisch national gesinnt, bringen aber gleichzeitig den politischen und sozialen Fragen des Judentums ein reges Interesse entgegen. Durch die Boykottbewegung und die noch jetzt andauernde judenfeindlicke Haltung der Polen sind sich viele Juden ihres Judentums erst bewußt geworden und aus dem polnischen Lager ausgeschieden. Es ist paradox—und im polnischen Judentum ist gar vieles paradox—dal die Chassidim bei öffentlichen Wahlen ihren eigentlichen Antipoden, den polnisch nationalen Juden, Gefolgschaft leisten. Ist dies ein Zeichen für die politische Unreife der Chassidim, so spielt doch hierbei auch