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Bericht der Großloge für Deutschland · 1917-04-01 · Nr. 4 - April · p. Seite 55

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1917
Issue
Nr. 4 - April
Date
1917-04-01
Page
Seite 55 (sequence 11)
Language
German
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Das Logenleben in und Betrachtungen über das von Dr. P. Münz, ■•'• * •' i ■ ■ n Venn auch das polnische Judentum für denjenigen, der es vorurteilsfrei in seinem eigenartigen Wesen betrachtet und seine Vorzüge auch sehen will, manche erfreuliche Lichtseiten zu bieten vermag, so bedeutet diesi freilich nicht viel gegenüber der entsetzlichen Notlage, in der es schmachtet, gegenüber den Fehlern und Mängeln,,die ihm anhaften: wirtschaftlich zu Gründe gerichtet, politisch geknechtet und kulturell im Rückstände, in seiner Gesamtheit zerfallen und zerl lüftet, blutet es aus tausend Wunden. Vor allem fehlt es der polnischen Judenheit an einer einheitlichen Organisation, an einer Vertretung, welche für ihre gemeinsamen Bedürfnisse sorgen und ihre Interessen nach auß:n hin wahrnehmen könnte. Unter der russischen Regierung freilich wurde ein solcher Zusammenschluß der Juden, weil er eine Stärkuug derselben bedeutet hätte, nicht geduldet Aber auch während der deutschen Okkupationszeit sind alle Versuche welche zumeist von deutschen Juden ausgingen, die pol [tischen Glaubensgenossen zu gemeinsamer, gerade ./jetzt lo lebenswichtiger* Arbeit zu organisieren, an dem Widerstande der unter sich widerstrebenden Parteien gescheitert. Nur die Chassidim und die andern glaubenstreuen Juden hat die Not und die Notwendigkeit, die traditionellen Gesetze zu erhalten und die religiösen Institutionen zu schützen, zu [einer Vereinigung, die fast 23 C00 Mitglieder zählt, zusammengeschweißt — dank den Bemühungen von den bei der Zivil Verwaltung tätigen Herren Dr. Cohn-Ansbach und Dr. Carlebach-Cöln a. Rh., welche sogar für diese Zwecke eine eigene Zeitung in Jargonsprache „das jüdische Wort" ins Leben' gerufen haben. Man muß es jedenfalls anerkennen, daß die deutsche Regiehing diesen Bestrebungen sympathisch gegenübersteht. Sie ging sogar einen entscheidenden Schritt weiter, indem sie am 16. November 1916 eine umfassende „Verordnung, betreffend die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft" publizierte, eine Verordnung, die freilich erst Gesetzeskraft erlangen soll. Durch dieses Statut werden die jüdischen Gemeinden, in deren wichtigste Kompetenz die Fürsorge für religiöse Bedürfnisse, für die Jugenderziehung, das Schulweisen und die Wohlfahrtseinrichfungen fällt, einheit- Warschau Ostjuden problem •) Vergl. Nr. 2 S. 24. Nürnberg-Bad Kissingen. Teil.«) lieh organisiert und mit staatlich anerkannten".Korporationsrechten ausgestattet In dem Öberrat der Juden, der durch Wahl-aus diesen Gemeinden hervorgeht und sicli aus 21 Mitgliedern, 7 Rabbinern und 14 Laien zusammensetz1, von denen 2 geistliche und 4 weltliche Mitglieder voi der Staatsverwaltung ernannt sind, wird die oberste Instanz, .die politische Vertretung der Juden der BehördMi gegenüber geschaffen, Wie das Statut den Gemeinden das Selbstbestimmungsrecht in ihren Angelegenheiten überläßt, * ' - * so nimmt es auch auf di( einzelnen religiösen Richtungen die weitgehendste Rücksicht;x es verschafft d^m orthodoxen Element, das doch im polnischen Judentum am stärksten vertreten ist ein gewisses Uebergewicht, gibt aber anders Denkenden das Recht des Austritts aus der Gemeinde und des Zusammenschlusses zu einer Religionsgesellschaft, die in/er Ueberzeugung entspricht. Wenn die einzelnen Parteien, die Zionisten, die jüdisch Nationalen, die Assimilanten und die Orthodoxen mit dem Judenstatut nicht ganz zufrieden waren, weil ihr Parteiprogramm dabei zu kurz gekommen, so beweist gerade dies, daß es über den Parteien steht, und das ist für eine- Gemeindeordnung, die eben auf alle die gleiche Rücksicht zu nehmen hat, ganz gut. Das neue Gemeindestatut stellt den ersten und wichtigsten Schritt dar, die Juden Polens wieder zu organisieren und dadurch ihr gesamtes Leben günstig zti beeinflussen. Der Schöpfer dieses Statuts Br? Dr. Haas und seine Mitarbeiter haben sich mit diesem hervorragenden Dokument ihres Geistes, aus dem ein tiefes Verständnis für das {Wesen und die Bedürfnisse der polnischen Juden spricht, ein unvergängliches Denkmal in der Geschichte des Judentums gesetzt. Daß eine einheitliche Organisation der polnischen Judenheit, tr»tzdem ihr das Messer an der Kehle sitzt, bisher gescheitert ist, liegt in den großen Gegensätzen, nicht nur auf politischem und religiösem, sondern auch auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete, in der kaum überbrückbaren Kluft, welche die einzelne» Menschen und Parteien trennt Die große Masse der polnischen Juden, die auch das eigentliche Proletariat bildet, ist politisch indifferent; sie stellt die Religion, die Trösterin ihrer Sorgen und Leiden, in den Mittel- — 55 —

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