Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1916
- Issue
- Nr. 9 - Dezember
- Date
- 1916-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Glücklicherweise kann das unbedingt in Abrede gestellt werden. Es mag zweifelhaft sein, ob nicht einzelne Abgeordnete, die jener Majorität angehören, antisemitisch gesinnt sind; aber die Gerechtigkeit erfordert gleichzeitig zu betonen, daß weder die Zentrums p a r t e i, noch die nationalliberale Partei aus Antisemitismus den entsprechenden Antrag gestellt hat. An dieser Tatsache iit heute' nicht Imehr zu deuteln, und somit war die Annahme de3 Antrages nicht ein Symptom dafür, daß die nätionalljberale Partei und das Zentrum resolut in antisemitische Bahnen abgeschwenkt sind. Die Annahme des Antrages war vielmehr eine recLt bedauerliche politische Entgleisung, und demgemäß gestaltete steh auch das weitere Schicksal dieses Antrages. Dtr Antrag kam im Plenum überhaupt nicht zur Verhandlung. Keine der Parteien, die die Xlajori'at im Ausschuß gebildet halten,.hielt es für zweckmäßig, im Plenum auch nur mit einem Wert auf dejn Antrag zurückzukommen: Infolge der vorangegangenen vertraulichen Erörterungen war der' Antrag, bevor er noch die Vollversammlung der Volksvertretung beschäftigte, aus humanitären, aus politischen und aus wissenschaftlich-statistischen Gründen tctgcscjhlagen und die einzigen, die in der Vollversammlung des Reichstages jenes Vorgangs im Haus^altausschuß Erwähnung taten, waren Gegner des Antrages. Es waren die Abgeordneten Heine und Quarck vbn-der sozialdemokratischen Partei jind unser Bruder Dr. Haas von den Freisinnigen, dessen (aktvolle und vortreffliche Rede in den wesentlichsten* Teilen auf diesen Blättern bereits' veröffentlicht worden ist. Es j waren eindrucksvolle Leichenreden aller drei Abgeordneten, die dem verunglückten Antrag des Haushaltausschusses gewidmet wurden. Der Standpunkt, den der Regierungsvertreter und die Linke von Anfang an in dieser Frage eingenommen hatten, wurde schließlich auch nicht durch ein Wort von irgend einer Seite angefochten. I In der Sitzung des Reichstages vom 3. November kam alsdann ein fernerer Vorgang zur Erörterung, der uns Juden auf das Lebhafteste beschäftigt hat. Es war bekannt geworden, daß Im Heere eine Statistik der Juden nach ihrer „Zahl und Verwendung"; aufgenommen worden ist Diese Zählung ist in antisemitischem Sinne gedeutet worden, und es steht auch fest, daß innerhalb einzelner Heereskörper m Bezug auf die Juden Verschiebungen stattgefunden haben, die eine Bestätigung der antisemitischen Ausstreuungen darzutun schienen, ■ ■■ : . « I " S-i *.:;<:- 'Iv.. . -136- In Bezug auf diese Vorgänge erklärte in Vertretung des Kriegsministers, der Oberst v. Wrisberg im Reichstage das Folgende: „Ich bepulze die Gelegenheit, wo ich das Wort habe, um hier einen Zweifel aufzuklaren, der durch, eine Verlügung des Kri^g-ministeriums entstanden ist. Vom Kriegsministerium ist eine Verfügung ergangen, nach der die Zahl und die Verwendung der Juden in der Armee festgestellt werden sollte. Diese Verfügung hat nur den Zveck gehabt, statistisches Material zu sammeln, und Vorwürfe, die gegen die Juden erhoben worden sind, diesseits prü'en zu können. Antisemitische Absichten sind durch diese Verfügung selbstvers ändljch in keiner Weise verfolgt worden." Diese Erk ärurtg bestreitet, daß die Verfügung des Kriegsministeriums „antisemitische Absichten" verfolgt habe. Daß aber durch dt^ Verfügung antisemitische Wirkungen ausgelöst worden sind, steht leider fest, und diese Erscheinung ist nicht allein bedauerlich vom S andpunkte des Judentums .aus; sie ist gleich bedauerlich, wemj man die Wirkung unter rein militärischem Gesichtspunkt betrachtet, und wenn man jede! humanitäre Erwägung ausschaltet. Die Tausende von Juden im deutschen Heer mußten durch eine Zählung, wie sie angeordnet worden ist, in ihren Gefühlen tief verletzt werden, und wäre nicht die Disziplin in den deutschen Heeren eine so ausgezeichnete, so hätte die S eilung der jüdischen Unteroffiziere und Offiziere durch jene Maßregel erschüttert werden müssen. Mit welchen Gefühlen aber die Zehntausende von Eltern und Verwandten, deren Angehörige im Felde stehen, eine solche^Statistik daheim beurteilen, ist offensichtlich. Zugegeben, daß der [Verordnung des Kriegsministers, wie Oberst v. wrisberg es behauptete, jede antisemitische Absicht fern lag, so bleibt doch bestehen, daß durch diese Maßregel die Festigung des innern unentbehrlichen Zusammenhaltes unserer Heere gewiß nicht gefördert wurde, wohl aber beeinträchtigt werden konnte, und daß dieses Vorgehen eine günstige Rückwirkung auf die Daheimgebliebenen ausübte, wird man nicht behaupten [ wollen. Schließlich noch eines: Es ist völlig unbewiesen, daß die Juden ihre Pflichten gegen das Vaterland nicht ebenso bereitwillig und nicht ebenso hingebungsvoll erfüllt haben, wie die christliche Bevölkerung Deutschlands. Aber nehme man einmal an, daß die antisemitischen Behauptungen zutreffend sind. Die Folgerungen wären dann gewiß beschämende für die