Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 10 - Dezember
- Date
- 1914-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr . . . ." handeln werden. Erinnert doch dieser denkwürdige in ernster und bedeutsamer Stunde getane Ausspruch lebhaft an die Worte des kaiserlichen Vaters, des unvergeßlichen Kaiser Friedrich, die er bei seinem Regierungsantritte an den ersten Reichskanzler richtete: „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in Meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner alle Meine Untertanen, welcher Religionsgesellschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutz gereiche. Ein jeglicher unter ihnen steht Meinem Herzen gleich nahe; haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt." Aber nicht bloß Gerechtigkeit seitens des Staates und der Regierung erhoffen wir, sondern auch eine solche seitens unserer Mitbürger. Die judenfeihdliche. Hetze in den letzten Jahrzehnten hat die Köpfe unserer nichtjüdischen Bevölkerung verwirrt. Das antisemitische Gift drang vor allem in die Kreise der Akademiker, Richter, Beamte und Lehrer, und von da in die breitesten Schichten unseres Volkes und verseuchte sie. Alte- und veraltete Vorurteile gegen Juden und Judentum, wurden aufgefrischt, um dadurch lieblose, turmhohe Schranken zwischen uns und unseren Mitbürgern aufzurichten. Und in der Tat gelang es den Hetzern, durch fortwährende und unausgesetzte Wühlereien ihr verderbliches Ziel zu erreichen. Unsere christlichen Mitbürger schlössen sich gesellschaftlich von uns ab und wir Juden mußten als charaktervolle Menschen;:ns zurückziehen, um nicht ungebeten in Kreise einzudringen, in denen man uns nicht mochte. So wurde die Kluft zwischen Juden und Christen immer breiter, wurden die Scheidewände immer höher. Durch den Krieg — so hoffen wir — wird es anders werden. Die gemeinsame Gefahr hat uns zusammengeführt; das gemeinsame für das gleiche Ideal vergossene Blut auf den Schlachtfeldern hat uns zusammengekittet. Die Kameraden verschiedener Bekenntnisse haben sich unter dem Donner der Kanonen und im Regen der Granaten kennen und schätzen gelernt'. Außerdem haben die verwundeten Krieger auf den Schlachtfeldern, in den Kriegs- und, Etappenlazaretten, in den verschiedensten jüdischen Krankenhäusern und Verein?- Lazaretten die Fürsorge und aufopfernde Pflege am eigenen Leibe empfunden, die ihnen jüdische Aerzte, Schwestern, Helferinnen etc, zuteil werden ließen. Diese Taten edhter Hnd wahrer Menschenliebe werden nicht spurlos vorübergehen. Unsere tapferem, braven Wehrmänner, welchen Ranges sie auch sein mögen,, werden — des sind wir sicher — die empfangenen Wohltaten von jüdischer Seite nicht so leicht vergessen. Sie werden sich gern den edlen Männern anderer Religion anschließen, die den Antisemitismus als Verderben für das Vaterland, als Schmach unserer Zeit abwehren und bekämpfen. Vom Sturme •edler Begeisterung werden die Brunnenvergifter, die Adolf Bartels und Hammer-Fritsche hinweggefegt werden, die auch in großer und ernster Zeit ihr schändliches Handwerk trieben, um die verschiedensten Volksstämme unseres Staates gegen einander aufzureizen und dadurch die Stoßkraft unseres Vaterlandes in verbrecherischer Weise zu schwächen. Die Stürme des Krieges werden, nach den bisherigen Erfahrungen auf dem östlichen Kriegsschauplatze zu urteilen, voraussichtlich auch wenigstens einem Teile unserer östlichen Glaubensbrüder Erlösung und Befreiung bringen. Dort im Osten, in dem klassischen Lande des Judenelends, seufzen noch jetzt Millionen Glaubensgenossen unter mittelalterlichem Drucke. Nicht genug, daß man ihnen Gesetz und Recht entzieht, ihnen jed,e Bewegungsfreiheit und Er- 1 werbsmöglichkeit unterbindet und ihren Kindern die Bildungsmöglichkeit raubt, werden sie noch selbsf während der Kriegszeit — durch laute und stille Pogrome verfolgt und gehetzt, gemartert und gequält. Während der KriegsopeTationen im Osten haben die deutsche und die österreichische Heeresleitung in einer bedeutsamen Proklamation den Juden in Russisch- Polen Verbesserung ihrer Lage, Glaubensfreiheit und Rechtsgleichheit, in Aussicht gestellt. Darum hoffen wir, daß durch den Krieg diesen bisher geknechteten und entrechteten Juden die Sonne der Freiheit und der Gerechtigkeit aufgehen und sie zu einem, menschenwürdigen Dasein führen wird.--Wohl haben die Bemitleidenswerten dadurch, daß der Kampf grade im Ansiedlungsrayon^-tdb*, arg gelitten, ihre sonst bekannte Armut isLins Ungeheure gestiegen; sie werden sich abe^dann unter einer milderen und weisen Regierung bald erholen. Uns, ihren Brüdern in Deutschland, wird die heilige Pfljcht zufallen, diese Schwerbetroffenen zu* fördern und ihnen die deutsche" Kultur ganz zu erschließen. Auch dürfen wir erwarten, daß die Beurteilung der russischen Kaftanjuden allenthalben eine günstige und die Gesinnung gegen sie eine mildere werden wird. Selbst die, Kreise in Deutschland, die bisher den russischen juden nicht sehr wohlwollend gegenüberstanden, werden ei nicht vergessen, daß gerade die