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Bericht der Großloge für Deutschland · 1914-11-01 · Nr. 9 - November · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1914
Issue
Nr. 9 - November
Date
1914-11-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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nur die Zeit, sondern weit mehr noch den Sinn unserer eigenen Vergangenheit und die rechte Art des Optimismus verstehen wollten. Zu den vielen Paradoxen dieser gewaltigen und doch so seltsamen Tage gehört es, daß 6s des Unfriedens in der Welt, des furchtbaren Krieges unter den Völkern bedurfte, um die kleinen Verhältnisse des Alltagslebens friedlich zu gestalten. Dieser innere Friede, die große Versöhnung, ist aber wirklich eingekehrt. Der Kaiser sprach das Wort, daß er Parteien und Konfessionen nicht mehr kenne. Ein feierliches Versprechen', an dem nie mehr zu rütteln sein wird, ist uns gegeblen worden. Der Kaiser hat den Willen kundgetan, die Schranken zu beseitigen, die böse Absicht und verwerfliche Tradition aufgerichtet haben. Wir Juden wähnen uns plötzlich herausgerissen aus dem kleinlichen Elend, mit dem wir uns herumschlagen mußten. Der Staat .schreitet hier und da mit seinen .Machtmitteln gegen den Judenhaß ein, viele Hände strecken sich uns entgegen, überall weiß man unsere Kraft zu schätzen, und wir schlagen1 freudig ein, vielleicht ein weniig von dem Glänze geblendet. In weit höherem Maße offenbart sich der Umschwung der Verhältnisse den Juden Polens und Galizietis. Der arme polnische-Jude, der gestern noch von den Russen geschlagen, von den Polen boykottiert, von den Deutschen verachtet wurde, ist übet Nacht eine hochansehnliche, vielumworbene Persönlichkeit geworden. Der Blutzar sucht durch hoch-, tönende Versprechungen die Anhänglichkeit seines „lieben" Juden zu erkaufen Unser deutsches Vaterland und sein Bundesgenosse haben in seiner eigenen Sprache zu ihm - geredet und haben ihm für seine Ergebenheit so viel Glaubensfreiheit und bürgerliche Rechte in Aussicht gestellt, daß wjr einheimischen Juden ordentlich neidisch zu werden beginnen. Man kann es wirklich verstehen, wenn so viel Licht den Juden blendet, wenn er, wie schon so oft, die Morgenröte einer neuen Zeit herandämmern sieht,. wenn er die Erfüllung seiner uralten Sehnsucht nach Freiheit und Licht nunmehi greifbar vor sich sieht! Man kann es auch ohne den Hinblick auf seinen besonders starken jüdischen Optimismus begreifen, daß er willenlos in die Arme sinkt, die sich ihm öffnen, daß er innerlich fast um Verzeihung bittet, weil er überhaupt jemals an der Ergebenheit, der Liebe und der Gerechtigkeit der Vielen gezweifelt hat, die jetzt plötzlich seine Freunde geworden sind. Der alte jüdische Optimismus feiert in' diesen Tagen wieder einmal seine Triumphe, aber warnend erheben sich vor unserem geistigen Auge tausende von Episoden aus unserer Geschichte, die verschieden- . sein mögen in ihrem Inhalt und sich völlig gleichen in ihrem Sinn. Wir gedenken mif einer gewissen Wehmut, in der eine leise Selbstverspottung liegt, der Tausende von Malen, da die „Morgenröte der neuen Zeit" herandämmerte, um sich schließlich als das grelle Rot eines grausamen, zerstörenden Schadenfeuers zu entpuppen. Nicht den Optimismus an sich wollen wir anklagen,»nicht vor ihm wollen Vir zu fliehen trachten, aber vor dem Fehler unserer Väter, die den Hau der Zukunft aufführten, ohne sidh um Vergangenheit und Gegenwart zu kümmern! Vor"dem Optimismus'wollen wir weit abrücken, dem die Ergänzung durch Vorsicht und Wille fehlt. •' Vorsicht ist Gedächtnis! Wir wollen keineswegs an einem Kaiserworte drehen und deuteln. Wir kennen das edleFlerz unseres Herrschers viel zu gut, als daß wir nicht wisset! sollten, wie ehrlich er es meint und wie bitterernst es ihm um die Erfüllung seines kaiserlichen Wortes zu tun ist. Aber schon einmal hat ein deutscher Kaiser den Judenhaß; viel unzweifelhafter verdammt und ihn eine „Schmach des Jajjrhunderts" genannt, ohne daß er gegen, die Gesinnung der in Deutschland herrschenden Kreise etwas hätte ausrichten können. Nur zu oft haben russische Zaren ihren juden in der Zeit der Not I reiheit und Gerechtigkeit feierlich versprochen, um sie dann nur umso stärker zu bedrücken und zu quälen. Wir wollen nicht mißverstanden sein. Unsere vaterländische Haltung, unsere deutsch-nationale Gesinnung, die in der Stunde der Gefahr in allen Kreisen des deutschen Judentums siegreich durchbrach, unsere Opferwilligkeit, unsere Liebe zu Kaiser und Reich sind keine Tauschobjekte, mit denen wir künftige Rechne erhandeln!. Sie sind nur der selbstverständliche Ausdrüc,k unserer Herzensgesinnungen! Aber nach anderer Richtung ist Vorsicht vonnöten. Erst in der Zeit des Friede n s wird es sich herausstellen, db wirklich in unserem Geschick eine Wendung eingetreten ist. Wir erhoffen es, aber wir wollen uns nicht selber betrügen. Wir werden zunächst so manche bittere Enttäuschung erleben, und wenn ein Rückschlag kommt, dann wollen wir wenigstens gewappnet sein! In vielen Jahren mühseliger Arbeit ist ein großer, fester Bau von Organisationen und Vereinen errichtet worden, die der Erhaltung des Judentums, der Förderung seiner Wissenschaft, der Herstellung seiner Emigkeit, der Erkämpfung seiner Rechte dienen. Sie allein haben alt das errungen

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