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Bericht der Großloge für Deutschland · 1914-11-01 · Nr. 9 - November · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1914
Issue
Nr. 9 - November
Date
1914-11-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Nun kommt gewiß alles darauf an, daß diese Gegengewichte richtig erkannt werden. Sind' es falsche, sind sie zu schwer, so können sie' leicht nach der anderen Seite schaden 'und die Wirksamkeit auch der trefflichsten Eigenschaft gänzlich aufheben oder in das Gegenteil verkehren. Beim Optimismus ist es freilich bald klar, was ihm als Ergänzung an , die Seite zu stellen ist. Die Zukunftstugend bedarf der Stütze durch eine Vergangenheitstiigend un,d eine der'Gegenwart! Die erstere heißt Vorsicht, •die'letztere W"i 11 e!' Vorsicht als Tugend zu preisen, kann allerdings leicht zu Mißverständnissen führen. Sie braucht aber keineswegs djs Krärf.e-ideal darzustelle i, das sorgsam 'einen' kleinen Schritt nach dem anderen tut und nichts unternimmt, ohne des Ausgangs versichert zu ,sein. Unternehmungslust und frisches % ägen s i n d Kennzeichen jüdischer Art und Lehre, und sie sollen es auch bleiben! .Vorsicht als Vergangenhei'stugend ist etwas anderes: diese Vorsieh i ist G e d ä c h t-n i s! . Sie ist das Gedächtnis des gebrannten Kindes, das die Flamme scheut. i * Wenn sie fehlt, so lauert das Verderben vor der Tür, und wer sie mißachtet, datf über sein Schicksal nicht klagen. Die Motte> die immer ,wieder vergißt •und mit ihrem Unvernunft gen Optimismus stets von neuem in das Licht fliegt, verdient ihr Unglück ebenso wie der Bauer,' der sein zehnmal zerstörtes Heim immer wieder ,3111 Fuße des Vulkans aufbaut. Aber etwa-; von diesem Bauern hat das Judentum, besonders das des Mittelatters, an sicii. Möchte es in irgend einem Lande noch so arg geschlagen, noch so oft ausgeraubt und vertrieben worden "Sein, immer kehrte es vertrauensselig wieder, in der optimistischen Hoffnung, es werde das letzte Mal gewesen sein". Bis dannlein neuer Schbg es wieder aus allen freudigen Träumen riß! Wenn ein» Hand sich ihnen entgegenstreckte, haben unsere Väter nie geprüft, ob nicht vergossenes Ju'ienblut noch daran klebte, ob nicht raffinierte Klugheit und bitterste Not aus einem unversöhnlichen Feinde für den Augenblick einen Freund gemacht hatte. Dieser Optimismus hob die Juden so hoch, daß sie den Boden der Wirklichkeit weit unier sich ließen; und wenn der unvermeidliche Rückschlag kam,"war das Fallen in unermeß'iche Tiefe und das Aufschlagen nur umso fürchterlicher! Zu hunderten von Malen hat sich' das würdelose, das törichte Schauspiel wiederholt. Zu hunderten von Malen hat den Juden sein Optjmismus und ,nichts anderes ins Unglück gestürzt, weil ihm die Vergangenheitstugend, das Gedächtnis, die Vorsicht, nicht ratend und helfend zur Seite stand. Das zweite notwendige Gegengewicht ist der Gegenwartswert, der Wille! Gewiss kann es auch hier nicht das Ideal sein, aus unserem Leben dasjenige X auszuschalten, was wir je ijaoli unserer Veranlagung und Erziehung anders bedeuten: den Zufall, das Wunder, das Glück! Das Leben wäre wirklich ,öie und nüchtern, wenn wir nur das erreichten, was wir verdienen und erarbeiten, was wir also voraussehen können. Wir müssen ja dankbar sein, daß tmser Schicksal sich nicht genau nach unseren Gesinnungen' und Taten richtet. ' Aher sichganz auf sein Glück,, auf das bestimmende Wunder des Lebens, nach dem sich mehr oder minder heimlich in aller Menschen Seele die Sehnsucht regt, zu verlassen,'ist nicht einmal die-Art der unverbesserlichsten Träumer. Demi die* harte Weh der Tatsachen vermag'auch gegeii unsere Absicht unseren Willen' zu erwecken Das Judentum jedoch ist dennoch nur zu oft ein solcher unverbesserlicher Träumer gewesen. Es hoffte auf das Golte-reich und auf den ewigen Frieden, hoffte auf Glück und Ruhe für die Juderrhei: und meinte da'-fei, es müsse alles von selber .kommen. Auf vieles und gewichtiges verließen sich unsere Väter., auf die Gerechtigkeit ihrer. Sache, auf die Einsicht-der'Welt und auf, gute Freunde, nur nicht auf das rechte, auf sich selber! Die oft gerühmte Hartnäckigkeit und Zähigkeit des Judentums isi im Grunde stets nur i n s t'i n k t i v e|r L e b e n s w i II e-gewesen, der Widerstand, den es der Vernichtung entgegengesetzt hat, . nre aber der b e w u ß t e, lebendige Wille zur Tat! Und darum ist es ihm immer gleich ergangen. Wenn -die Not herankam, war es verlassen, denn die Welt trieb schon immer Realpolitik und ließ sidi nicht von Liebe, Gerechtigkeit und ähnlichen Sentimentalitäten leiten. Der Jude vergaß in seinem schrankenlosen Optimismus über seiner Zukunft die Forderungen der Gegenwart, und so entstand das paradoxe Bild, über das man lächeln könnte, .wenn es sich nicht um das eigene Schicksal handelte: die Träger der. höchsten Ideen, die Herren einer wunderbaren, glücklichen Zukunft, lebten in der kleinlichsten Not, waren Sklaven des schlimmsten Elends. Das Judentum hatte stets eine Zukunft und nie eine Gegenwart! Heute stehen wir wieder an einem Wendepunkte der Weltgeschichte, der auch für uns Juden der Beginn, eines neuen Schicksals werden könnte, wenn wir nicht

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