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Bericht der Großloge für Deutschland · 1914-09-01 · Nr. 8 - September · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1914
Issue
Nr. 8 - September
Date
1914-09-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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deutschen Juden allezeit von besonderem Wert, da sie bei den'politischen Kämpfen nicht die Gunst der ihnen zumeist abgeneigten Machtgeber besaßen und in den entstehenden konzentrierten Betrieben aus den verschiedensten Ursachen ausgeschaltet wurden oder nicht die gebührende Position erhielten. Mehr wie früher nimmt aus diesen Gründen der Kampf um das Dasein die Kräfte des einzelnen in Anspruch und hält ihn schon im Interesse der eigenen Existenz wie der seiner Familie davon ab, Bestrebungen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, die er unter besseren Verhältnissen schon nach Herkommen und eigenem Trieb sonst so gern .-gefördert und selbst geübt hätte. Dieser Kampf hat aber auch hier nach der guten Seite gewirkt; er hat u. a. zweifellos manches Gut, das früher nicht zur Geltung gekommen war, in das helle Licht treten lassen; manche Charaktereigenschaften, die uns im Laufe der Zeiten abhanden gekommen waren, wie die Beharrlichkeit und Zähigkeit in der Verfolgung des einmal beschrittenen Weges, Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue, sind durch ihn wieder mehr wie früher hervorgetreten An dem großen Wandel im geistigen Leben, der sich im letzten Jahrhundert vollzogen hat, waren wir Juden dagegen weniger als unsere Mitbürger beteilig». Bei diesen hat die gesteigerte Bildungs- ✓ ■ ' ir.öglichkeit durch Schulen, Zeitungen, Bücher, eine Demokratisierung des Denkens herbeigeführt, wie sie früher, wo die Bildung nur bei den Geistlichen — und auch da nur in einseitiger^ Ausprägung — zu finden war, ganz unmöglich war. Bei uns, den Söhnen . der Schrift, dem Voik des Geistes, war diese Bildung aber zu allen Zeiten vorhanden!] die Beschäftigung mit Bibel und Talmud war religiöses Gebot, das für jeden galt; sie erhob die im Ghetto abgesperrte Schicht, auf die die christliche Bevölkerung mit Spott und Hohn herabblickte, hoch über ihre Dränger und Peiniger. Nach dem Eintritt in die moderne Kultur machte sich ein Wandel in unserem Kreise freilich insofern bemerkbar, als wir in törichter Verblendung die alten Kulturwerte, die uns bisher auf der geistigen Höhe gehalten hatten, mit den neuen sich darbietenden vertauschten und jene, als angeblich nicht „zeitgemäß", beiseite ließen. Erst die jüngste Zeit hat uns, belehrt durch die andere Seite, zum alten köstlichen Besifz geführt und uns seine Bedeutung für alle Zeiten klargetan. Welchen Einfluß die geschilderten Wandlungen auf uns geübt haben, darüber kann heut, wo wir noch mitten in den Folgeerscheinungen stehen, ein abschließendes Urteil nicht gefällt werden. Unleugbar haben sie, wie bereits eingangs erwähnt, unsere ganze I ebensweise nach den verschiedensten Seiten hin verändert; ob sie auch ein ^g e i s t i ges Größerwerden der Menschheit im Gefolge haben oder noch herbeiführen werden, darüber herrscht in den Kreisen der hervorragendsten Denker wohlberechtigter Zweifel. Eins ist sicher: die Gegenwart hat durch sie einen fortwährenden Wechsel der Empfindungen als charakteristisches Merkmal erhalten, ein-e.n eigenartigen Zustand der „R e i z s a.in k e i t", wie der Leipziger Historiker Lamprecht sich treffend äußert. Eine Folgedieses Zustandes ist, daß die extremsten Anschauungen sich emporwagen und .von der Menge mit heller Begeisterung als endgültige Lösung der Menschheitsprobleme begrüßt werden; so der Sözialisnjus. mit seiner Forderung der Vergesellschaftung der Produktionsmittel; ihm gegenüber der moderne Subjektivismus eines Nietzsche mit seiner Schöpfung des „Uebermenschen", des extremsten Vertreters eines Idealismus; eine. sog. „Weltanschauung" nach der anderen taucht auf und vergeht: Materialismus, Darwinismus, Evolutionismus, Naturalismus, Monismus, und wie sie alle sonst heißen, ringen üm Anerkennung, halten sich eine Zeitlang auf der Oberfläche und verschwinden wieder, ohne tiefere Spuren im geistigen Leben zu hinterlassen. Den eigentlichen Gründ für diesen foitdauernden Wechsel,, für diese Wirrnis, in der wir uns« in der Gegenwart befinden, für diese Reizsamkeit, sieht unser großer Bruder Hermann Cohen in seinem gedankentiefen Vortrag über die religiösen Bewegungen der Gegenwart in dem Mangel der Einheit, der unsere moderne Kultur kennzeichnet, und in dem Rückfall in philosophische Anschauungen,' die seit dem Erscheinen der Philosophie der .reinen Vernunft für immer 'erledigt galten. Diese Einheit kann nach Cohen nur dann ent- und bestehen, wenn die^Religion, das Verhältnis der Menschen zu Gott, 'nicht, wie es bei so mancher dieser „Weltanschauung" der Fall ist, aus dem Denken-ausgeschaltet wird, wenn Gott vielmehr überall als 'das Urgesetz der S i 111 i c h k e i t a n e r k an n t wird, zu dem hinaufzustreben desMenschen Bestimmung ist. Kurz, aber treffend sind auch die Worte, mit denen unser hervorragender Denker die Folgen des Rückfalls in die Metaphysik des Mittelalters zeichnet-, der äußerlich sich in einem moralischen Widerspruch kundgibt „durch eine Zollspene der Politik auf das Bekennt-

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