Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 8 - September
- Date
- 1914-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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i* zu können. Einige Anregungen zu einer solchen Betrachtung sollen die nachfolgenden Auseinandersetzungen den gel. Brüdern unseres Ordens bieten. Wie kaum eine andere Zeit hat das letzte Jahrhundertgewaltige Umwälzungen auf den verschiedensten Gebieten des geistigen und wirtschaftlichen Lebens hervorgerufen und damit eine Veränderung unserer gesamten Lebensweise herbeigeführt. Tiefer und eindringlicher als bei den übrigen Bewohnern unseres Vaterlandes vollzog sich diese Veränderung bei uns, den deutschen Juden, da diese Umwälzungen mit oder kurz nach unserem Eintritt in die moderne Kultur vor sich gingen. Im staatlichen Leben zeigt das letzte Jahrhundert den Uebergang aus der absoluten zur konstitutionellen Regierungsform und als Folgeerscheinung die aktive Betätigung zunächst des, Bürgerstandes, später aller Kreise an der Gestaltung der äußeren und „inneren Politik. Das rege staatsbürgerliche Interesse, das aus dieser Betätigung erwuchs, ergriff besonders nachhaltig die jüdische Bevölkerung, die in der napoleonischen Zeit die sehnlichst erwartete Gemeinbürgerschafterhalten hatteundsich durch den Verlauf desWiener Kongresses um diese Errungenschaft ganz oder teilweise gebracht sah. Der Kampf um die Wiedergewinnung der politischen. Rechte stand s-jitdem und steht heute noch im Vordergrund der Bestrebungen, ja bildet für viele unter uns, die sich in ihrer Denkweise von uns entfernt haben, das einzige Band, das sie an ihre Slammesgenossen kettet. Namentlich das Wiederaufleben des Antisemitismus, den man längst durch die gesteigerte Kultur abgetan wähnte, sodann die Proklamierung einer, öden Rassentheorie, die eigens zu dem Zwecke aufgestellt wurde, die deutschen Juden aus sog. „wissenschaftlichen" Ursachen zu minderwertigen Bürgetal zu stempeln, hat das Hauptinteresse eines beträchtlichen Teils unserer Glaubensgenossen auf Abwehrbestrebungen gelenkt und viele so völlig in Anspruch genommen, daß sie anderen Betätigungen keine oder nur geringe Beachtung zuzuwenden vermögen. Der politische Kampf ist ferner naturgemäß nicht ohne \V rkungen nach den verschiedensten Seiten hin, vor allem nach der sozialen, geblieben; unleugbar hat sich in allen, namentlich den oberen Schichten eine gewisse Entfremdung zwischen dem jüdischen und christlichen Teil der Bevölkerung aufgetan und in vielen unter uns Gefühle des Zornes und der Verbittjerung geweckt, zumat die Gegner den Streit mit unehrlichen Waffen, unter denen die Verleumdungen unserer Glaubenslehre obenan stehen, führen. — Wie jeder Kampf, hat aber auch dieser für uns etwas Gesundes gehabt: er hat uns die Selbstachtung und die Besinnung auf unser ureigenstes Gut wieder gebracht, das wir, geblendet durch die Kultur, in die wir eingetreten waren, leichtfertig aufgegeben, oder wenigstens nicht nach seinem Wert anzuschlagen uns gewöhnt hatten. Ein nicht minderer Wandel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten im w i r t sch a f 11 i ch e n Leben vollzogen und wieder auf uns seine besondere Wirkung geübt. Kaum hatten wir uns den Wirtschaftsformen angepaßt, die uns dieAera der Emanzipation ermöglichte, und waren hier mit unseren Nachbarn bestrebt die Kulturgüter zu mehren, da gaben die gewaltigen Erfindungen und Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen diesen Formen eine folgenschwere Wendung und führten zu immer wechselnden wirtschaftlichen Wegen, die sorglich beachtet und sogleich betreten werden mußten, wollte man nicht ins Hintertreffen geraten und die wirtschaftliche Existenz einbüßen. Vor allem galt es, den neuen Raum» und Zeitbegriff zu erfassen, der durch die Einführung von Eisenbahnen, die Anwendung der elektrischen Kraft in der Telegraphie und Telephonie entstanden war, mit den kleinsten Zeitabschnitten rechnen zu lernen, die großen Entfernungen in möglichst geringer Zeit zu überwinden, von den in den entferntesten Teilen der Erde bestehenden augenblicklichen Zuständen sich in kürzester Frist zu unterrichten — die frühere-Behaglichkeit in der Abwicklung der Geschäfte wich einem Hasten und Jagen, um die durch irgendwelche Veränderungen gebotenen Anordnungen sogleich treffen und zu bestem Nutzen verwerten zu können. Zu diesem Wechsel in der Verkehrs form kam, und zwar zumeist als Folge derselben, ein solcher in der Verkehrs a r t, der wiederum besonders einschneidend die jüdische Bevölkerungsschicht traf. Der Zwischenhandel, dem sich die Juden zu allen Zeiten mit Vorliebe gewidmet hatten, und den sie in einer den neuen Verhältnissen angepaßten Weise auch nach der Emanzipation pflegten, wurde durch die Verbesserung der Verkehrsmittel, die unschwer einen direkten Verkehr zwischen Produzenten und Konsumenten ermöglichte, immer mehr und mehr zurückgedrängt; beide Teile schlössen sich bald zur besseren Wahrung ihrer Interessen in Verbänden und Genossenschaften ab, und als Folge dieser Vereinigungen zeigt das wirtschaftliche Leben der Gegenwart eine Konzentration auf allen Gebieten, die die Selbständigkeit derfinzelexistenzen immer schwieriger und unhaltbarer macht. Gerade diese Selbständigkeit war aber für die — 124 —