Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 7 - Juli
- Date
- 1914-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Kinder besuchen die öffentlichen Volksschulen. Ihr Deutsch ist mangelhaft; zuerst reden und verstehen sie überhaupt kein einziges deutsches Wort. Der Lehrer kann bei der großen Anzahl von Schülern sich eines solchen Kindes nicht besonders annehmen; so sitzt es, als stummer Gast dabei, wird von Lehrern und Schülern übersehen, wenn nicht gar verspottet. Die Kleidung ist zerrissen und verschmutzt (ein buntes Band oder eine Kette fehlen zwar fast nie). Kameradscaft mit deutschen Kindern kennen sie meist nicht. Diesen sKindern zu helfen und ihnen aus ihrer scheuen und geduckten Zurückhaltung das Bewußtsein ihrer Menschenwürde und ihrer Menschenpflichten zu geben, sah ich als erste Aufgabe an. Diese Aufgabe ließ sich nur durch einen jüdischen Kinderhort lösen, denn, abgesehen von allem andern, ist schon die Zahl der Kinder zu groß, um 'sie den bestehenden nur schwach finanzierten interkonfessionellen Horten einzuverleiben. Außerdem ist es in diesen, andern Kinderhorten unmöglich, auf rituelle Kost, Feiertage u. dergl. Rücksicht zu nehmen. Bei den Vorbereitungen zur Gründung, die sich in zirka drei Wochen vollzog, hat die Starkenburg-Loge mich in ideeller und materieller Weise bestens beraten. Sie hatte sich selbst früher schon mit ähnlichen Gedanken beschäftigt und war daher meinen Plänen sehr gewogen. Ich erhielt aus ihrem Kreise treueHelferinnen, und wir konnten einen Vorstand, der sich zum größten Teile aus Logenschwestern zusammensetzte, bilden. Auch viele den Logenkreisen nicht zugehörige Frauen beider Darmstädter Gemeinden schlössen sich als Mitarbeiterinnen und Mitglieder uns an, und ihnen allen verdanke ich die gedeihliche Arbeit unseres Hortes. Wir sammelten Jahresbeiträge und Spenden und hatten in sechs Tagen nahezu 1800 M. zusammen. Die Stadt zeigte uns allergrößtes Entgegenkommen und hat es uns bis heute bewahrt, denn sie erkennt die wohltätige Wirkung des Hortes auf die Kinder gernev^. an und hat großes Interesse an dem Fortschritt unserer Arbeit. (Ich möchte hier bemerken, daß wir als einziger jüdischer Verein dem Verband für Jugendfürsorge der Stadt Darmstadt angehören und somit der Berliner Zentrale für Jugendfürsorge angeschlossen sind.)*) Die Stadt stellte uns einen Schulsaal mit ') Auch der Schwesternverein der Fraternitas-Loge zu Dresden hat genau aus den gleichen Gründen und mit gleich gutem Erfolg schon im Jahre 1(04 seinen jüdischen Kinderhort, auf die Anregung seiner damaligen Vorsitzenden hin, et richtet und ist gleichfalls dem Dresdner Verband für Jugendhilfe angeschlossen. (Anmerk. der bchriftl.) Heizung und Beleuchtung sowie eine Milchküche unentgeltlich zur Verfügung, und so konnten wir am <).Mai 1912 unsern Hort mit 25 Knaben ünd 30 Mädchen beginnen. Die Zahl ist seitdem konstant geblieben. Wir haben neben den ausländischen, vier hiesige arme jüdische Kinder aufgenommen. Der Hort ist an den vier ersten Tagen, der Woche in Tätigkeit. Wir beabsichtigen jedoch, im Sommerhalbjahr auch noch den Freitag hinzuzunehmen. Im Winter ist dies wegen des frühen Sabbatbeginnes unmöglich. Eine geprüfte Lehrerin hat gegen Vergütung. die Leitung übernommen; sie wird täglich von vier jungen Mädchen, die freiwillig mithelfen, unterstützt. Die Kinder kommen nachmittags nach Schulschluß um vier Uhr in den Hott. Sie tummeln und spielen eine Stunde im Hofe herum und begeben sich dann geordnet in die Milchküche, wo jedes Kind ein bis zwei Tassen Milch und einige Stücke Schwarzbrot erhält. Danach waschen die größeren Mädchen die Tassen und Tische wieder sauber. Dann geht es froh und erfrischt an die. Arbeit. Da werden Schularbeiten gemacht und Handarbeiten verfertigt. Die Knaben machen Laubsägearbeiten, schnitzen, kleben, zeichnen und malen. Wir hoffen, auf diese Weise die Freude am Handwerk zu fördern und haben" auch schon manch kleines Talent gefunden und geweckt Die Mädchen stricken, sticken, nähen und häkeln. Zuletzt werden noch Gedichte aufgesagt, ein gemeinsames Lied wird gesungen, und um sieben Uhr trabt die kleine Schar vergnügt nach Hause. - Wie anders sehen die. Kinder heute schon aus als vor zwei |ahren! Vor allem heben sie sich nicht mehr von den übrigen Volksschülern unangenehm ab. Sie kommen heute nicht mehr zerlumpt und schmutzig zu uns. Ihr Ehrgefühl ist geweckt, und die großen Schwestern würden sich schämen, dje kleinen Geschwister, die sjehr zahlreich mitkommen, in zerrissener Kleidung gehen zu lassen. Denn es ist Vorschrift, daß in diesem Fall die große Schwester , im Hort das zerrissene Kleidchen flickt, und das wird als Schande empfunden. Auch der Gesundheitszustand ist ein wesentlich besserer geworden. Verschiedene, meist der Loge angehörend^ Aerzte (Augenärzte, Ohrenärzte, Orthopäden und prakt. Aerzte) besichtigen und untersuchen von Zeit,zu Zeit in uneigennützigster Wejse die Kinder, und so haben wir scjhon viele Kinder von Hals-' und Augenleiden oder Rückgratverkrümmung heilen oder davor bewahren können. — Unterernährte Kinder bekommen in einem jüdischen Speisehaus ein einfaches, kräftiges Mittagessen. Einmal wöchentlich