Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 7 - Juli
- Date
- 1914-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4864325-6029080-6074259--1763-4865874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wachen. Sie sollen entscheiden, ob der Vortrag und die Debatten sich in dem Rahmen des Gesetzes halten. Und dazu soll ihre Autorität, ihre Machtbefugnis durch ein besonderes Gesetz gestärkt werben. Das ist der Gedankengang des Verfassers. Es ist verstandlich und zeugt von großem Interesse für den Orden, wenn gleichlautende Stimmen sich hier «. und da vernehmen lassen. Man will allenthalben eine intensive Belebung unserer Tätigkeit im Orden, man fürchtet eine allmählich eintretende Erstarrung und Abnahme der Ordensfreudigkeit: Die Arbeiten des Sonderausschusses für die geistigen Interessen scheinen doch noch nicht die genügende Abhilfe für so manche Oede und Leere gebracht zu haben. Oder hat der Senderausschuß nicht das Richtige getroffen? Wir werden nun zu prüfen hrben, ob ein Bedürfnis für eine so tiefgreifende "Umgestaltung unserer Grundsätze vorhanden ist, ob eine Belebung unserer Arbeiten ohne Politik- und Ruigionsdebatten nicht möglich ist. Werden die Vorschläge eine Besserung herbefführen? Wird das Interesse der Brüder an den Verhandlungen ein größeres werden? Werden wir einen stärkeren Zustrom vca Besuchern haben? Das alles müssen wir in Er.väguhg ziehen, ernstlich prüfen, das Für und Wioer sorgsam abwägen, ehe wir eine so gründliche Aenderung beschließen. Daran ist doch nicht zu zweifeln, daß es einen radikalen Umschwung bedeutet, wenn wir den religionslosen und 'politiklösen Boden verlassen. Wir haben uns unter dem Banner der Neutralität vereinigt zum Wohle der Judenheit. Diesen Standpunkt müßten wir aufgeben, wenn wfr der Diskussion über Politik und Religion Eingang in unsere Tempel verstatten. \ Zunächst die Bedürft isf rage. So allgemein ist der Wunsch des Verfassers nicht. Die wenigsten Logen klagenüber Stoffmangel. Und wo das der Fall ist, ist zu untersuchen, ob es nicht an der Leitung oder an anderen Verhältnissen liegt, ob nicht die Unzufriedenheit einzelner Brüder der Vater des Gedankens ist. Und der Verfasser int, wenn er annimmt, daß alle Fragen, Probleme, Aufgaben, denen die Logen nachgehen, bereits erschöpft sind, daß alle Gebiete der geistigen Fortbildung, Erziehung, Soziologie, Jugendbewegung, Kunst, Wissenschaft, Geschichte bereits gelöst sind, oder in den Logen nicht mehr die Beachtung finden, wie ehedem. Möglich, daß diese Fragen nicht anziehend genug behandelt werden, daß die Vorträge darüber zu abstrakt gehalten werden. Sinei denn die Brüder schon in den Vollbesitz aller den Fragen innewohnenden Ideen und Anwendungsmöglichkeiten gelangt? Aber auch da steht die Entwicklung nicht still. Täglich tauchen auf diesen Wissensgebieten neue Fragen auf, neue Probleme für die Menschheit werden aufgestellt Bei jedem Versuch der Lösung einer Frage werden neue Gesichtspunkte aufgedeckt. Die statistische Bearbeitung des jüdischen Gesellschaftskörpers, seine Gliederung, sein Aufbau, die anthropologischen und biologischen Verhältnisse, wie sie in der Zeitschrift für Statistik und Demographie der Juden niedergelegt sind, Biographien bedeutender Glaubensgenossen, Reise- Beschreibungen, allgemein Interessierendes aus Handel und Industrie sind noch nicht in ausgiebiger Weise benutzt worden. Man braucht sich nicht auf rein jüdische Themen zu. beschränken, die gesamte Wissenschaft steht zur Verfügung. Diese Gebiete sind interessant, wirken immer anziehend, so mannigfaltig, daß für den gehörigen Wechsel gesorgt werden kann. Eine unerschöpfliche Fundgrube liegt in diesen Materien, und sie ist noch lange nicht gehoben. Wir fahnden förmlich mit steigender Ungeduld nach Neuerungen, ohne das Alte erschöpft zu haben. Bei einiger Sorgfalt, Umsicht urid Studium können diese Gegenstände in abwechselungsreicher Weise den Brüdern durch Referate und Diskussion immer von neuem interessant und belehrend dargestellt werden. Man muß es sich nicht leicht machen wie bei Politik und Religion, wo die Themen so obenauf liegen. Auch in Erziehungsfragen gibt es noch viel zu tun. Gerade die Beeinflussung der Jugend ist jetzt mehr denn je Gegenstand ernster, andauernder Fürsorge geworden. Wir sind fast alle Städter, die meisten Großstädter, und unsere Jugend leidet unter dem Einfluß der Großstadt. Ihr Intellekt wird belastet, die Ausbildung des Gemüts, dje Stärkung des Willens kommen zu kurz. Das Uebermaß von Reizen wirkt gerade in der Jugend verhängnisvoll. Da muß es die Aufgabe der Logen sein, auf die Familie einzuwirken, daß der Zusammenhalt gestärkt, das Innenleben der Familie gepflegt wird.' Unsere Logenarbeit hat die schöne, aus ihrem Wesen herausspringende Aufgabe, die geistige Arbeit zu beeinflussen und zu befruchten. Es muß durch unsere Zeitschrift und sonstige Organe dahin gewirkt werden, daß unser geistiges Niveau im allgemeinen und im einzelnen gehoben werde. Dafür ist viel Material vorhanden, aber es wird zu wenig benutzt. Da gibt es eine Fülle von Betätigungen. Wir brauchen wirklich nicht uns auf den heißen Boden der Politik und Religion zu begeben.