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Bericht der Großloge für Deutschland · 1914-05-01 · Nr. 5 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1914
Issue
Nr. 5 - Mai
Date
1914-05-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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war die Freude, als die Kinder aus dem Samenkorn das Pflänzchen sprießen und aus dem Pflänzchen sich die Frucht entwickeln sahen. Ohne Zweifel weckt die gärtnerische ^Beschäftigung im Kinde die Liebe zur Natur, die diesen Kindern ganz abging, weil sie aus ihrer engen Gasse nie herauskamen und sie niemals kennen gelernt hatten. Die Anlage eines Schulgartens ist für jeden Kinderhort auf das wärmste zu empfehlen; die Kosten sind nur im ersten Jahre durch die mannigfachen Anschaffungen groß, späterhin ist keine große Summe dafür nötig. Wir hatten eine gute Gemüseernte gehabt und konnten den Kindern keine größere Freude machen als ihnen zu erlauben, daß sie die Erträge mit nach Hause nehmen durften. Bemerken will ich noch, daß die Kinder unter ständiger Aufsicht eines Arztes stehen. Durch schlechte Ernährung und erbliche Belastung sind diese Kinder fast alle schwächlich und kränklich und bedürfen dringend im Sommer - der Erholung. Wir schicken deshalb in der Zeit vom Mai bis Oktober 18 Kinder in das Jüdische Kurhospital in Kolberg und von Anfang Juni bis Ende August schicken wir nacheinander 60 Pfleglinge (Kinder und Erwachsene) nach Unterberg nahe bei Posen in eine Walderholungsstätte., die von der Stadt eingerichtet und unterhalten wird. Wir haben dort mietsweise drei Schlafräume erworben und bringen in drei Kurperioden von 28 Tagen je zwanzig Personen dort unter. Die Küche für unsere Pfleglinge liegt Abgesondert im Erdgeschoß und eine tüchtige jüdische Frau besorgt die streng rituelle Kost und achtet auf die Sauberkeit der Kinder. Die Leitung dieser Ferienkolonie liegt in den Händen eines Herrn und einer Dame, den beiden Vorsitzenden der Ferienkolonie-Kommission, denen einige Hilfsdamen zur Seite stehen. Das Erholungsheim selbst liegt herrlich mitten im Walde und unsere Kolonisten unterstehen wie die städtischen Pfleglinge der Hausordnung des Heims, welches vorzüglich durch eine Oberschwester geleitet wird. Die im Erholungsheim angestellte Kindergärtnerin (Schwester) beschäftigt sich auch mit unseren Kindern und macht mit all', ihren Zöglingen zusammen die Spaziergänge. — Unser Frauenverein stattet vor Ausrücken der Kolonie die Kinder mit Wäsche, Schuhzeug und Kleidungsstücken aus und sorgt für ärztliche Aufsicht. Nach. 28tägiger Kurperiode kehren sie gewöhnlich sehr vergnügt und gekräftigt wieder heim. Nun komme ich zu der seit der Gründung unseres Frauenvereins bestehenden Institution, der Fürsorge für die schulentlassenen Mädchen. Meines Erachtens ist diese Einrichtung so wichtig, daß alle Logenfrauenvereine sie einführen müßten. Das Schulkind wird fast überall von Horten geführt und behütet. Wer behütet das vierzehnjährige Mädchen, das von der Schulbank sofort ins Leben hinein, in den Beruf, meistens als Ladnerin, tritt? Die Eltern denken nicht immer daran, es auf die Gefahren, die ihm drohen, aufmerksam zu machen. Da ist es unsere Pflicht, uns dieser Mädchen anzunehmen. Mit vierzehn Jahren ist ihre unvollkommene Bildung abgeschlossen.. Abends aus der Arbeit kehren sie in das, meist freudlose Elternheim zurück, sie finden dort selten Anregung, kaum Belehrung, weder für ihr Fach, noch für das Leben. Von dieser Erkenntnis ausgehend, versammeln wir die jungen Mädchen am Sonnabend, abend in der Loge. Sie finden dort am gedeckten Tisch, im warmen, heilerleuchteten Raum ihr Abendessen. Es wird ihnen unterhaltende und belehrende Lektüre durch Vorlesen geboten, manchmal werden Volkslieder gesungen. Wir besprechen mit ihnen ihre eigenen Angelegenheiten und gewinnen.dadurch ihr Vertrauen. Sie gewinnen durch das Selbst vorlesen und hören eine bessere Ausdrucksweise, und wir erreichen schließlich, daß wir ihnen auch menschlich nähertreten und imstande sind, mancher Gefahr und mancher Not vorzubeugen. Diese Zusammenkünfte dauern von Anfang November bis Ende April und schließen gewöhnlich mit einem kleinen Fest, dessen Glanzpunkt ein von den Mädchen mit Lust und Liebe einstudiertes Theaterstück bildet. Im Sommer, werden hin und wieder Ausflüge gemacht und alle vier Wochen etwa werden ihnen am Sonntag nachmittag die Vorträge der Volksunterhaltung geboten. Dort werden sie durch Lichtbildervorträge, musikalische und rezitatorische Darbietungen unterhalten. Im Laufe von elf Jahren konnten sich eine große, Anzahl von jungen Mädchen dieser Einrichtung erfreuen und wir haben manchen Erfolg durch diese Heimabende aufzuweisen. Allerdings blieben auch Enttäuschungen nicht aus, doch lassen wir uns dadurch nicht entmutigen und wollen mit immer gleichbleibender Liebe und Ausdauer weiterarbeiten an der Erziehung und Ertüchtigung unserer Jugend. Denn die Jugend ist unsere Zukunft, darum muß auch die Jugend unserer minderbemittelten Glaubensgenossen zu einem an Geist und Körper gesunden Geschlecht herangebildet und zu Zucht und Sitte erzogen werden, wenn wir einer besseren Zukunft entgegengehen wollen. Jenny Leichtentritt-Posen.

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