Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 5 - Mai
- Date
- 1914-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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zu leisten, auf welehen, wie oben hervorgehoben, die ersten und eigentlichen Ziele der Loge lagen, alleirr unsere jahrzehntelange Arbeit ist ja nicht vergebens gewesen und wir dürfen ohne Ueberhebung sagen, daß in dieser Zeit eine ganze Generation aufrechter, selbstbewußter, edeldenkender Juden im wahren und besten Sinne des Wortes durch die Loge herangezogen wurde. Die gröbste Arbeitest sicherlich verrichtet und die Loge hat innerhalb der modeinen Judenheit ein ethischreligiöses Niveau geschaffen, das als sicheres Besitztum angesehen werden muß. Damit ist aber zugleich gesagt, daß iler Arbeitsstoff der Logen kleiner geworden ist, umsomehr als auch auf dem /Gebiet der Wohltätigkeit gerade durch die Arbeit der Logen fast überall eine mehr oder weniger von selbst arbeitende "ausreichendet )ruanisation vorhanden ist. Ist somit insoweit ein gewisser Beharrurgszustand erreicht, so ergibt sich auf der anderen Seite für unser Logenleben das Bedürfnis nach Erweiterung des. Stoft- und Arbeitsfeldes. Am nächsten für dieBefriedigung dieses Bedürfnisses liegen naturgemäß die einen jeden bewegenden Fragen, welche durch die geistigen Strömungen der Gegenwart hervorgebracht w erden, und während früher, wiegezeigt, das Bedürfnis nach Beschäftigung mit den Gegenwartsfragen innerhalb der Loge weniger vorhanden war. brachte es-1 die Entwicklung unseres Ordenslebens mit sich, daß dies heute anders ist und die Logen zur Beschäftigung mit den Gegenwartsfragen und unter diesen, mit den das Interesse am meisten erweckenden Fragen politischer und religiöser Art, geradezu gedrängt werden. Zu demselben Lrgebnis führt noch ein anderes Moment, nämlich das größere Interessp, das unsere Zeit überhaupt Fragen politischer und religiöser Art entgegenbringt. Weit über die zünftigen Philosophen hinaus geht das Streben nach einer „Weltanschauung-', deren praktischer Niederschlag die religiöse Auffassung einerseits und 'die politische Ansicht anderseits ist. Nicht zum mindesten trifft dies auch für die Juden zu und es ist insbesondere wohl gerade der Loge und ihrer Arbeit zu danken, daß unverkennbare Vennnerliehung und Vertiefung die Ideenwelt weiter jüdischer Kreise beeinflussen, die speziell in religiöser Hinsicht in wahren Sinn des Wortes früher „Gott einen guten Mann sein ließen". ' Diese verinnerlichten Interessen auf religiösem und auch politischem Gebiete haben naturgemäß auch eine geistige Differenzierung der Ansichten und ein überaus lebhaftes Bekennen derselben zur Folge. Die regen Geistesströmungen, die erfreulicherweise zu verzeichnen sind, zeugen einen lebhaften Kampf der Meinungen und damit auch notwendigerweise mehr oder minder starke Parteiungen. Wir müssen heute davon ausgehen, daß unser früherer schlimmster Feind, der Indifferentismus, gründlich überwunden ist, und daß speziell die unserer Loge angehörenden Kreise, wenn auch nicht im'abgeklärten Besitz gefestigter religiöser und politischer Ansichten sind, so doch sich um deren Erwerb strebend bemühen. Das alles aber drängt zur Aussprache. Das Werden und Wachsen der Ideen will sich nicht verbergen, sondern strebt gerade dort sich zu zeigen, wo ein Brennpunkt des geistigen Lebens unserer Judenheit ist: in .den Logen. Daß dem so ist, muß nicht allein tatsächlich festgestellt werden, sondern es ist auch das Natürliche. Wie sollen wir in der Loge die höchsten Ideale der A\enschhcit und des Judentums in einträchtigem, brüderlichem Zusammenwirken zu erreichen streben, wenn der einzelne der Hilfe und Mitwirkung der Lo^e gerade dann entbehren soll, wenn sich in ihm die höchsten und tiefsten Ideen regen? Wie soll gerade die Loge bei der Bildung der Ideale des einzelnen ausschlaggebender Faktor sein, wenn über die wichtigsten Fragen des Menschentums, über religiöse und politische Weltanschauungsfragen in der Loge nicht gesprochen werden darf? Dies ist eine Unmöglichkeit, und wie wenig das strikte Verbot der Erörterung politischer und religiöser Fragen in der Loge bei einer solchen Sachlage zurzeit aufrecht erhalten werden kann, zeigen die Durchbrechungen in der Praxis, die der Br. Expräsident Dr. Cohn in seinem obengenannten Vortrag bereits^ erwähnt hat. Es wird sich auch in der Praxis kaum durchführen lassen, gerade diejenigen Fragen, weicht die Btüder am meisten bewegen, von der Erörterung auszuschließen. Das Logenleben würde bei strikter Beobachtung des Verbots der Gefahr der Verkümmerung, anheimfallen, da es einerseits mit abnehmendem Interesse und ständiger Stoffarmut zu kämpfen hätte, andererseits sein Dasein sozusagen in einem geistig luftleeren Raum und ohne die ständige Fühlungnahme mit den lebendigen Geistesströmungen der Gegenwart führen müßte. Allein der Zustand, daß eines der grundlegenden Logengesetze ständig und mit offizieller Billigung übertreten wird, ist kein erfreulicher. Auf der anderen Seite sind auch jetzt noch die Gefahren, die der Erörterung religiöser und politischer Fragen in der Loge entspringen können, nicht sp gering, daß nicht auch.