Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1914-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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stehenden Mädchen in Frankfurt untergebracht waren. Für verhältnismäßig teures Geld bewohnten sie unfreundliche, unhygienische Räume und waren oft gesundheitlich gefährdet durch Zusammenwohnen mit leidenden Hausbewohnern. Licht, Beheizung, Bäder, warmes Wasser u. dergl. wurden stets extra und teuer berechnet. Am ungünstigsten waren die jungen Lehrmädchen gestellt, die wenig oder gar nichts verdienten. Gerade sie, die in den Entwicklungsjahren standen und besonderer körperlicher und geistiger Pflege bedurften, gerade sie mußten mit den schlechtesten Quarptren, mit der unzulänglichsten Beköstigung, meist bei ungebildeten Leuten oder solchen, die selbst mit der Not des Tages zu kämpfen hatten, vorlieb nehmen. Doppelt kalt und doppelt liebeleer fanden sie des Abends ihre einsame, ungemütliche Stube. Was Wunder, wenn sie sich außerhalb des Hauses,, leider auch manchmal auf der Straße, ihr Vergnügen, ihre Zerstreuung und Anregung suchten? Die Idee der Gründung von Isr. Mädchenheimen lag nahe und überall, wo diese soziale Einrichtung bisher geschaffen wurde, hat sie sich bestens bewährt, ist sie nach kurzer Zeit zur Notwendigkeit geworden. Sind die fleime doch in erster Linie dazu da, gegen einen geringen Pensionsbeitrag jungen alleinstehenden Mädchen Schutz, Unterkunft und vollständigen Ersatz für das Elternhaus zu bieten Man bestreitet heute gar nicht mehr den prinzipiellen Wert dieser Einrichtung. Man ist zur Ueberzeugung gelangt, daß eine Gruppe gleichaltriger, gleichartiger, auf ähnlicher Bildungsstufe stehender, ähnlichen Werdegang erstrebender Menschen sich durch das Zusammensein gegenseitig erzieht, fördert, abschleift, und daß der Geist der Ordnung und Pflicht, der gefordert wird, körperliches Wohl und sittliche Kraftentwicklung zur Folge hat. Welche Erziehungsfaktoren sind schon die in solchen Heimen selbstverständlich von den Insassinnen verlangte Selbstzucht, Selbstbeschränkung und Unterordnung. Nicht unterdrückt soll dadurch die Individualität werden, diese Eigenschaften sollen vielmehr jede einzelne über sich selbst erheben und die höchsten geistigen, sittlichen und körperlichen Werte und Kräfte in ihnen zur Entfaltung bringen und auslösen. Welche Traulichkeit herrscht in solchem Heime! Vom frühen Morgen an wickelt sich alles in regelmäßiger Ordnung ab und doch niemals eintönig, weil jede einzelne die eigene persönliche Note zum klingen bringen kann. Und in der Person der Leiterin ist eine liebevolle Gärtnerin, die die jüngeren und älteren Bäumchen hegt und pflegt, und allen gleichmäßig beratende und helfende Freundin ist. Da gibt es gemütliche Abende, wo sich die frohe Jugend bei einer Näh- oder Flickarbeit, bei einem guten Buche, Zeitungslektüre, bei Spiel und Tanz vereint, oder auch zu ernstem Studium zusammenkommt Hier ist eine Stunde dem Erlernen einer fremden Sprache gewidmet, dort wird Kalligraphie, Stenographie, Korrespondenz oder Rechnen geübt, an einem anderen Abend gibt's eine Literaturstunde, oder es wird von berufener Seite ein wissenschaftlicher Vortrag geboten. Daß neben der geistigen Kost, besonderer Wert auf gute, kräftige und ausreichende Verpflegung gelegt wird, ist selbstverständlch, zumal die jugendlichen Insassinnen derselben dringend bedürfen. Alle diese günstigen Umstände bewirken, daß die jungen Mädchen in der Regel tüchtiger, strebsamer, pflichttreuer werden, im Berufsleben besseres leisten und daher rascher vorwärtskommen, wobei sich außerdem noch der Wert des moralischen Rückhaltes, den das Heim gewährt, geltend macht. Die Heiminsassinnen haben weniger das Bedürfnis nach Verkehr mit außenstehenden Kreisen, da sie das gemütliche Familienleben des Heims immer mehr schätzen lernen. Denn die „Heimchen" bilden eigentlich eine große Familie, die Leiden und Freuden gemeinsam teilt und gruppenweise in inniger Kameradschaft und treuer Freundschaft zusammenhält. Mannigfach sind auch -die Vorteile und Wirkungen eines Heims in ethischer Beziehung. Gerade in der Gegenwart sieht ein großer Teil der jüdischen Angestellten sich gezwungen, im Berufsleben die Vorschriften der Religion unbeachtet zu lassen. In jugendlich leichtfertiger Urteilsweise könnten sie, haben sie erst einmal begonnen mit den althergebrachten Traditionen ihrer Familie zu brechen, leicht zur vollständigen üngläubigkeit gelangen und sich die Verletzung der Gesetze der Moral und Sitte als weitere natürliche Konsequenz außerdem zugestehen. Welch mächtiges Bollwerk dagegen ist der jüdische Geist, der in solchem Heime herrscht, der mit seinem Freitagabendzauber die dunkeln, aufrührerischen Gedanken des Alltags verscheucht und die Seele wieder licht und freudig werden läßt Wollen, müssen wir nicht darnach streben, daß möglichst in jeder größeren Stadt ein „Isr. Mädchenheim" entstehe? .In welcher Weise es einzurichten ist, wie es bestehen kann, soll ein folgender Artikel dartun.*) •) Vergl. zu dieser Frage Jas Referat: Organisation der weiblichen Jugend, in den Monatsberichten 1909 Nr. 11, S. 157. ä I