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Bericht der Großloge für Deutschland · 1914-01-01 · Nr. 1 - Januar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1914
Issue
Nr. 1 - Januar
Date
1914-01-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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geschichtlicher oder auch nur kulturgeschichtlicher Forschung vorhanden ist, wie das unter obigem Titel seit längerer Zeit erscheinende Werk, von dem jetzt der erste „Bibel und Babel" behandelnde Band vollständig vorliegt, während von dem zweiten, das „Rechf" behandelnden Bande das erste Heft herausgekommen ist. Was die Herausgeber mit diesem, grandiosen Werke, einem Monumentalwerke über den Talmud, wie sie es mit Recht nennen, zu leisten beabsichtigen» sagen sie im Vorwort selbst. Danach haben sie sich die Aufgabe gestellt, den Talmud nach Gegenständen geordnet in erschöpfender Auswahl des kultureil Wichtigen punktiert und übersetzt der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Was es aber mit dieser Aufgabe auf sich hat und welche Bedeutung der richtigen Lösung derselben zukommt, wird klar, wenn man das Folgende erwägt: Der Talmud ist nächst der Bibel der bedeutsamste und stärkste Erzieher und Bildner des gesamten israelitischen Volksstammes geworden während des ganzen Mittelalters bis an die Schwelle des 19. Jahrhunderts, und ist es auch heute noch für die grolle Mehrheit des osteuropäischen und einen beträchtlichen Teil des außerenropäischen Judentums. Ihm vornehmlich hat der jüdische Volksstamm seine geistige Regsamkeit, seine Bfldungs- und Entwicklungsfähigkeit zu verdanken. Ohne ihn wäre sein Geist in der stickigen, dumpfen Atmosphäre des Mittelalters erstorben und verdorben. Er hat in erster Reihe bewirkt, was uns wie ein Wunder erscheint, daß die Verfolgten und Unterdrückten fast in allen Jahrhunderten religiös, geistig und sittlich höher standen als ihre Verfolger und Unterdrücker, wie es seine Historiker mit Recht hervorheben. % Doch dieses grandiose Werk hat - für den modernen Leser und Forscher wenigstens den großen., Fehler, dafi es unsystematisch, ungeordnet, ja geradezu verworren zu sein scheint, weil auf jede Frage, jeden Einwurf, wenn sie auch noch so lose mit dem Thema zusammenhängen, sofort geantwortet und des näheren eingegangen wird. Der Talmud ist daher mehr als eine Materialsammlung zu betrachten, allerdings eine von ungeheurer Fülle, von fast unübersehbarem Gedankenreichtum. Die Alten haben mit Recht von dem „Meere des Talmuds" gesprochen. Er ist in der Tat ein Meer an Grolle und Tiefe. Er ist eine unermeßliche Fundgrube von Gedanken, eine Encyclopädie fast aller Wissenschaften, denn er handelt nicht nur \on Religion und Rechtswissenschaft im weitesten Umfange, sondern auch von Medizin und Naturwissenschaft, Mathematik. Astronomie, Volkskunde, Sprachwissenschaft, "Philosophie, Mystik u. s. f.; dazu ist er ein ungeheures Sammelwerk von Legenden und Erzählungen^ Sprüchen u»d Weisheitsiehren. Fabeln und Parabeln in unerschöpflicher Fülle. Den Beweis für die Richtigkeit dieses Urteils, wenn es eines Beweises noch bedarf, erbringt das Tiier besprochene großzügige Werk, das nur das kulturell Wichtigste vorführen will und irr trefflicher Weise vorführt. Der erste Band, von dem bewährten Forscher Rabbiner Dr. Funk in Boskowitz bearbeitet, behandelt „Bibel und Babel" und ist als 'Einführung in die Vorstellungswelt des Talmuds gedacht. Er zeigt uns Babylonien. Land und Leute, Geschichte und Kultur des Landes, das astronomische Weltbild und die auf dem großen Gedanken der Babylonier von der Uebereinstimmung zwischen himmlischer und irdischer Weltordnung ruhende Weltanschauung jener in jüdischer Beleuchtung nach talmudischer Ueberlieferung und bietet damit zugleich eine sehr wertvolle Erweiterung der durch die moderne Keilschriftforschung gewonnenen Resultate der Wissenschaft. Dali wir damit einen ganz neuen, wesentlich vertieften und erweiterten Gesichtspunkt für die Beurteilung des Talmuds und seiner modern-wissenschaftlichen Bedeutung gewinnen, daß wir ihn so erst auf der Höhe der zeitgenössischen Bildung und Forschung erblicken, die wir bislang wöhl bei ihm vorausgesetzt, aber mehr geahnt als klar erkannt hatten, braucht gewiß nicht erst hervorgehoben zu werden. Gleiches, nur noch in erhöhtem und verstärktem Maße gilt von dem Inhalt des zweiten Bandes, der „das Recht" darstellen soll und von dem das erste Heft nunmehr erschienen ist. Ist doch das Recht dasjenige wissenschaftliche Gebiet, das der Talmud selbständig ausgebaut hat, das sowohl an steh juristisch bedeutsam, als auch historisch höchst interessant ist Denn dieses hat nicht nur das Rechtsleben des eigenen Volkes für nahezu anderthalb Jahrtausende hinaus begründet, sondern auch auf das Recht des Islams wie überhaupt die Entwicklung des Orients tiefgehenden Einfluß geübt. Von ihm sagt Kohler, einer der hervorragendsten Gelehrten auf dem Gebiete der vergleichenden Rechtswissenschaft, daß ohne die genaue Kenntnis dieses Rechts die Rechtswissenschaft eine große Lücke hätte. Diese Lücke füllt das vorliegende Werk aus, indem es eine allen Anforderungen moderner historisch-kritischer Methode entsprechende Quellensainmlung und Erläuterung der wichtigsten' einschlägigen Texte des Talmuds bietet, und schafft so die unerläßliche Vorarbeit für eine zusammenfassende Darstellung und Verarbeitung des vielseitigen juristischen Stoffes im Talmud. Die folgenden vier Bände der Monumenta sollen die großen Gebiete der Theologie und Philosophie, Sitten, Legenden, Mythen und Rätsel, die Geschichte sowie die mathematisch-physikalische wie überhaupt die naturwissenschaftliche Erkenntnis des Talmuds nach den oben dargelegten Grundsätzen behandeln. Dieses vortreffliche, für alle weitere Forschung über den Talmud grundlegende Werk darf daher in keiner jüdischen Bibliothek fehlen, die Verständnis und Interesse für Wesen und Geschichte des Judentums erwecken und nachhaltige Anregung zur Beschäftigung mit ihnen bieten will. Dr. H o I z e r - Worms. *^jfffe<^5 — 12 -

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