Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1914-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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meines eigenen Standpunktes, und bei der Formulierung meiner Differenzen von dem entgegengesetzten, mir immer die Einheit lebendig erhalten, die unter uns und für uns unerschütterlich besteht Mein eigener Standpunkt wird zu einer Einseitigkeit und Halbheit, wenn ich ihn nicht erfülle durch diese ihn ergänzende Bezugnahme. Und es genügt nicht, in trockener, steifer Abstraktion, wie einen notgedrungenen Akt der Duldsamkeit, diese Rücksicht auszuüben, sondern ich muß diese politische Logik meines religiösen Gemeinschaftslebens mit der' Wärme des Gefühls ausstatten, mit dem Affekt der Einsicht, daß es mein Glaubensbruder ist, mit dem ich zwar kämpfen muß, aber nur, um mit ihm vereint zu siegen: da ich allein und ohne ihn nicht siegen kann, nicht siegen will. , Unser Orden ist das natürliche Asyl für diese Schulung und Erziehung, unserer religiösen Politik. Der Orthodoxe sitzt neben mir, erkennt mich trotz der Energie seiner eingewurzelten Vorliebe für das traditionelle Schutzleben unserer Religion, dennoch tatsächlich —.mehr darf ich nicht von ihm verlangen wollen — als Mitbekenner an. Er geht also auf den freimütigen Satz des Talmud ein, der der Grund aller religiösen-Toleranz ist Was bin ich dagegen ihm' schuldig? Ich bin immer in meinem Lebenslaufe mehr zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir freie Juden in einem Punkte unseren Strenggläubigen ein Entgegenkommen schuldig sind. Und es trifft sich gut, daß wir hierin nur dem Grundzuge unserer Kulturgesinnung zu folgen brauchen. Worin besteht dieser Grundzug? Unstreitig in der allgemeinen Forderung der Bildung, die für alle Kulturfragen anzustreben ist. Auch unter uns wird sie für alle Interessen angestrebt: nur vor derReligion machen wir Halt. Da sollen die Brocken genügen, die uns allenfalls die jüdischen Zeitungen und die Predigten spärlich genug zufallen lassen. Da wollen wir nicht unsere Kinder mit neuem Wissensstoff belasten lassen: als ob es Bildung geben könnte ohne ein Fundament des Wissens. Die Gelehrsamkeit ist den breiten Massen unsererüemeinde verloren gegangen; die Gelehrsamkeit, welche einst den Unterschied zwischen Glauben und Wissen unter uns nicht aufkommen ließ. In den anderen Bildungskreisen des Vaterlandes aber pflegt man die religiöse Bildung mit weiser Einsicht und mit Herzenseifer. Wieviele von unserer eigenen Jugend werden von diesem fremden Reize angezogen und dadurch hinübergelockt. Es. ist nicht durchzuführen, nach menschlichem Ermessen, daß wir mit der modernen Abbreviatur des Kultus allein eine lebenskräftige, kampfesmutige, widerstandsfähige Religiosität pflegen, hochhalten und fortentwickeln könnten, wenn wir nicht für alle Schichten unseres f re i en J u d en t u m s das Bildungsniveau erhöhen, den r e I i gi'öse rt"W i ss'en ss t of f erweitern und vertiefen. Religiöse Literaturkenntnis ist die unerläßliche Grundlage für f o rt w i r k e n d e freie R e I i g i os i tä t. Hier bildet nun ein Vorurteil der Zeit ein schweres Hemmnis. Die Verschlechterung unserer gelehrtenSchulbildun g, über die allmählich wohl sehr energisch den Menschen die Augen aufgehen werden, läßt dieUebersetzung aus fremden Sprachen als ein gleichwertiges Mittel der geistigen Ausbildung erscheinen. Das ist auf allen Gebieten ein großer Irrtum, verhängnisvoll aber wird er auf dem" religiösen Gebiete. Ohne eine Blumenlese von Kernsätzen im hebräischen Original läßt sich nicht nur das Gebet nicht in der Vollkraft des jüdischen Gefühls ausrichten, sondern, selbst abgesehen von dieser rituellen Frage, die geistige Kraft der religiösen Gesinnung läßt sich nicht wurzelhaft erfassen und vertiefen ohne diese Aufnahme des jüdisch religiösen Genius in der Urkraft der hebräischen Spra cn e. Mit diesen wenigen Worten läßt sich dieses schwierige Prpblem nicht lösen; aber ich wollte die Gelegenheit nicht verpassen, es ebensosehr als meine literar-ästhetische, sprachpsychologische, wie praktisch religiöse Ueberzeugung auszusprechen: daß wir in unseren Logen uns darüber verständigen sollten, wie wir unter den Schwierigkeiten der Zeitlage dennoch es zustande bringen können, die Grundgedanken unserer Religiosität in der ursprünglichen Sprachseele uns anzueignen und lebendig zu erhalten. Wenn wir dies in unserem. Religionsunterricht immer zielbewußter, und demgemäß auch in unserem Kultus danach zu verfahren uns zur Aufgabe machen, so wird, ohne Abkommen, ganz von selbst der Streit der Parteien unter uns sich mildern und die Erkenntnis der .Einheit immer mehr die Leitung erlangen. Am zweiten Punkte muß ich noch kürzer sein, obwohl auch er bei seinen praktischen Komplikationen ausführlichere Erörterung fordern würde. Denken wir nur an die Trennung, die im bürgerlichen Leben unseres Vaterlahdes über uns-hereingebrochen