Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1914
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1914-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Einsicht von der naturlichen Notwendigkeit des Kampfes für das innerste Leben, Streben und Hoffen des Menschen bedarf nun aber der einschränkenden Ergänzung. Der Kampf kann nur dadurch als Symptom des Lebens gelten, daß dieses Leben ihm als sein Ziel und Zweck beständig vorschwebt. Nicht ein blinder Kampf ist der Lebenskampf des Geistes zumal, sondern dadurch allein wird er zum geschichtlichen Kampfe, daß die Geschichte des Geistes als sein Ziel gilt. Für alle geistigen Kämpfe lebendiger Menschen ist es daher die unerläßliche Voraussetzung, daß sie immerfort ihr gemeinschaftliches Ziel sich gegenwärtig halten; daß sie nicht etwa den Kampf selbst in seinem Wechselreiz und seiner Mächtigkeit zur Hauptsache machen und darüber den geschichtlichen Zweck, den eigentlichen Sinn und Gegenstand des Kampfes zurücktreten, unklar und unlebendig werden lassen. . * ' In aller Hitze und allem Eifer für den eigenen Standpunkt muß demnach jeder Gegner immer das gemeinsame Ziel im Auge behalten, und immer behutsam prüfen, inwieweit, bei der objektiven Unzulänglichkeit jedes einseitigen Standpunktes, der eigene sich doch nicht gänzlich, klar und zuverlässig mit dem vorgesetzten Ziele decken möchte; wiefern aber etwa eine Seite, ein Moment in dem Stmdpunkte des Gegners anerkannt und gebilligt werden muß, weil es, wenn vielleicht auch nicht durchaus dem Endziel, so doch dem unumgänglichen Durchgangsmittel, dasselbe zu erreichen, zulänglicher und gerechter wird. Verliert man so in dem Eifer für die eigene Parteisache nicht den objektiven Blick für die Gegenpartei und ihren Wert, so bewahrt der Kampf stets die richtige Orientierung, und es bleibt unverrückbar fest die Gemeinsamkeit des Zieles, die Gemeinschaft der Sache. Das ist die ideale Methodik in allen geistigen Kämpfen der Gegenwart. Und es verlohnt sich wohl,' für unsere Sonderkämpfe diese natürliche, aber freilich nicht leicht durchzuführende Methodik in genauere Erwägung zu ziehen. Wo die Einsicht sich erschließt, da kann keine Schwierigkeit vor der Anwendung abschrecken; wenn nur der gute Wille da ist. Die Kämpfe, welche wir heutzutage in unserem Gemeinde leben führen, dürfen nicht aus dem Gesichtspunkte der Kirchturmpolitik im letzten Grunde betrachtet werden. Sie sind vielmehr die sinnvollen Symptome von dem inneren Leben unserer Religiosität. Eine moderne Religiosität kann sich niemals und nirgends für festgelegt und verankert halten: sie muß sich die Urgründe und die Bürgschaften ihres Glaubens selbständig und gleichsam neu schaffen. Dabei sind Fehler und Irrungen ebenso unvermeidlich, wie Reibungen und Verstöße. Es hilft nichts, dagegen Anklagen zu erheben, noch auch nur darüber Klage zu führen. So ist iiun einmal der Gang der menschlichen Dinge. Kein Leben ohne Kampf. Keine Religiosität ohne Entwicklung. Aber das Ziel der Religiosität ist wahrlich nicht allein die Geborgenheit des Individuums in ■ seinem persönlichen Glauben, sondern gewiß zugleich die Sicherung, erneute Begründung und Befestigung der Religion selbst für die G e m e i n s c h a f t, in deren Einheit auch das Individuum selbst zu seiner religiösen Einheit erst gelangen kann. Als Bekenner einer freien Religiosität muß ich daher stets bedenken, daß ich auf einen traditionellen, einen geschichtlichen Untergrund von Lehren'und Satzungen angewiesen bin, auf den ich niemals die Beziehung verlieren darf, so wenig als auf. die Gemeinde, mit der ich verbunden bleiben muß und will. Wenngleich ich es mir zu meiner religiösen Aufgabe mache, diesen Untergrund mir stefs von neuem lebendig zu machen, mithin auch, was unvermeidlich ist bei aller geistigen Arbeit, seine einzelnen Bestandstücke zu verändern, in ihrer Wertung und in ihrer praktischen Wirksamkeit, so bleibe ich dennoch an die ideale Einheit des Untergrundes gebunden. Demnach bin ich in aller meiner religiösen Freiheit auf das Bekenntnis der Gemeinde hingewiesen, als an den unerschütterlichen, aber auch unerschöpflichen Untergrund einer Gemeinschaft, in welchem ich den Brennpunkt meiner eigenen Religiosität anerkennen und fest im Auge behalten muß. Das ist ja das nicht genug zu bewundernde Wort unserer talmudischen Weisheit: „Wer das Sch'ma ruft, wird jehudi genannt." Nicht die 613 Ge- und Verbote stehen diesem Weisen im Vordergrunde seines geschichtlichen Bewußtseins, geschweige, was alles noch zum jüdischen Wesen hinzugekommen ist, sondern die Einheit Gottes allein ist es, die alles, was Jude ist, zur Einheit verbindet Dieser Satz gilt nach beiden Seiten. Ich darf nicht nur von dem Orthodoxen verlangen, daß er mich als Juden anerkenne, rückhaltslos, wenngleich nicht dogmatisch ausdrücklich, und daß er in allen seinen Kämpfen mit mir dieser Gemeinsamkeit, die uns unzertrennlich verbindet, stets eingedenk bleibe, sondern ich muß selbst auch, bei der Formulierung