Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1913
- Issue
- Nr. 10 - Oktober
- Date
- 1913-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Erklärung aus der Abnahme der Ehen trifft nur für einen Teil der Erscheinung zu. Eine Verschlechterung der Rasse, welche ebenfalls für viele Erklärer den Grund für den Geburtenrückgang abgibt, hat nach Wolf nicht stattgefunden, eher das Gegenteil. Die Erklärung aus gestiegener Wohlhabenheit der Masse wird abgelehnt mit Rücksicht darauf, daß der Geburtenrückgang sich sehr deutlich gerade bei Klassen zeigt, die nicht sehr wohlhabend sind (Lehrer, kleine Beamte usw.l Die Verminderung der Geburten, die scheinbar mit zunehmendem Wohlstand (Sparkassenstatistik) wirklich stattfindet, schreibt Verfasser dem größeren Wissen und dem fortgeschrittenen Ordnungssinn, dem Sinne für geordnete Verhältnisse bei den betreffenden Klassen, zu. So wird im gleichen Sinne das Maß des Einflusses, welchen das Verlangen nach reichlicherer Lebensführung, der Wunsch, die Mittel nicht an zu viel Kinder zu verzetteln, die Rücksicht auf besseres Fortkommen der Kinder und auf Bestand des Gutes ausübt, bestimmt, ferner der Einfluß betont, welchen die Rücksicht auf das körperliche Gedeihen der Frau, besonders bei steigender Erwerbstätigkeit derselben, sowie diegesunkene Erwerbsfähigkeit der Kinder durch die Gesetzgebung ausüben* All' diese Vernunftsargumente kommen mehr zur Geltung und zu gesteigerter Anwendung durch den Zug vom Land in die Stadt, durch die allgemeine Kenntnis der Präventivtechnik: Sie kommen weiter zur'gesteigerten Anwendung, durch die fortschreitende Teuerung. Aber all' diese Umstände wären nach Wolf nicht imstande, so stark zu wirken, wie es faktisch geschieht, wenn nicht eine zunehmende A b nähme des Wertes der Tradition vor sich ■ , *> ' gegangen wäre. Hierin sieht Wolf den springenden Punkt, von dem hauptsächlich der Geburtenrückgang und sein Maß abhängig ist, und wo all' die andern erwähnten verursachenden Umstände ihrerseits die grundlegenden Bedingungen ihres Wirkens finden. So zeigt der Verfasser an einem überaus reichen Material, daß bis jetzt den größten Widerstand gegen die moderne Erscheinung des Geburtenrückganges die Völker und Länder katholischen Bekenntnisses zeigen, und daß die Erscheinung im allgemeinen am deutlichsten und ausgeprägtesten in denjenigen Gegenden und Wahlkreisen zu Tage tritt, in denen auch bei den politischen Wahlen die Entfernung von der Tradition und von den alten Anschauungen am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Allerdings habe sich auch bei jenen in der allerletzten Zeit eine Abnahme des bisherigen Widerstandes gezeigt. Auch dem Geburtenrückgang bei den Juden widmet der Verfasser ein Kapitel, und wir wollen dies etwas eingehender besprechen. An Hand des Materials und der vorhandenen Literatur führt Wolf den Nachweis durch, daß auch bei uns eben der erwähnte Umstand, die Abnahme des Wertes der Tradition, das Eingreifen moderner Anschauungen, das Zurücktreten der Religion, am meisten zum Umsichgreifen der verderblichen Erscheinung beigetragen hat. Er führt dazu besonders die Gedankengänge und Zahlen von Wassermann, der die Geburtenziffern der Juden für Preußen und Bayern bringt, und von Regierungsrat K n ö p f e 1 für Hessen an. Wassermann hat ja bereits darauf hingewiesen, daß die Geburtenziffer der Juden in Preußen, welche im Jahre 1885 noch 27.14 betrug, im Jahre 1907 auf 17.08 gesunken war „und damit einen sonst bei keinem V°'ke der Welt vorhandenen Tiefstand erreicht hat". Wolf folgert mit Wassermann, daß es sich bei-der Geburtenabnahme der Juden durchaus nicht um eine Rasseneigentümlichkeit, sondern um eine Teilerscheinung handelt, welche mit der Minderung des Festhaltens an der hergebrachten Satzung zusammenhängt, und welche auch bei den übrigen Zeitgenossen, aber allerdings in geringerem Maße, zu konstatieren ist. Er gibt für das Maß des Unterschiedes bei den Juden und anderen Konfessionen interessante Vergleichsziffern und zeigt an der Hand derselben, in wie schneller Weise sich der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle bei den Juden und ihr prozentualer Anteil an der Gesamtbevölkerung verringert. Interessant ist, daß die Rückbildung ihrer Zahl, die Verminderung ihrer prozentualen Teilnahme an der Gesamtbevölkerung, auch außerhalb Deutschlands, in Oesterreich-Ungarn und in Rumänien, stattfinde», ja daß in Rumänien sogar die Geburtenziffer in der Zeit von 1891 95 auf 1910 von 43 auf 29 gesunken ist. „Es handelt sich also auch bei den Juden um eine international auftretende Tendenz, die aber mit der Rasse nicht das allergeringste zu tun hat. Der Rasse nach wären die Juden sicher immer noch befähigt, so zahlreich zu werden wie der Sand am Meer. Wenn sie gerade jetzt, wo sie in den Kulturstaaten den andern Staatsbürgern gleichgestellt sind und längst nicht mehr durch Verfolgung reduziert werden, sich entgegengesetzt verhalten, so geschieht dies offenbar, weil das rationalistische Argument in allen seinen Teilen bei ihnen besonderes Verständnis und konsequente Anwendung gefunden hat. Darum allein und aus keinem anderen