Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1913
- Issue
- Nr. 9 - September
- Date
- 1913-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die Mädchen im heiligen Lande Gelegenheit hätten, sich in den landwirtschaftlichen Betrieben auszubilden. Diese Brüder, die über diese Idee nachdachten, gingen von der richtigen Erkenntnis aus, daß der jüdische Bauer am besten vorwärts kommen könne, wenn ihm eine mit der Landwirtschaft vertraute Gefährtin zur Seite stehe, die imstande ist, durch Sachkenntnis und ordnenden Sinn den Ertrag des Mannes zu mehren. JDer überaus praktische Plan zur Begründung einer Mädchenfarm von Seiten der Großloge, ist — vermutlich -aus Mangel an Mitteln — nicht verwirklicht worden und als man an uns vor wenigen Monaten mit einem Gesuche herantrat, für die infolge der Bedrückung in Südarabien nach Palästina ausgewanderten yemehiti sehen Juden eine größere Unterstützung zu gewähren, da man für sie Kolonistenhäuser erbauen wollte, da wurde mit Mühe und Not von uns der Betrag von 200.— M. bewilligt. — Der Referent und die Diskussionsredner, die bei dieser Erage in der Sitzung des Generalkomitees zu Worte kamen, zeigten große Vertrautheit mit der Materie. Mit überaus anerkennenden und warmen Worten schilderten sie die Entwicklung des Kolonisationswerkes in Palästina, wie unsere Glaubensgenossen trotz der schwierigen Verhältnisse Staunenswertes geleistet, wie sie durch unermüdlichen Fleiß und rastlose Ausdauer Einöden und Wüsteneien in prangende Gärten und lachende- Fluren verwandelt und aller Welt gezeigt haben, daß der Jude wohl produktiv sein kann. Es wurde hervorgehoben, daß das Kolonisationswerk durch die yemenitischen Juden, die sich für die Landwirtschaft ganz, besonders eignen, große Fortschritte machen werde. Allein trotz der warmen Befürwortung fiel die Gabe der Großloge sehr gering aus, und aus dem gefaßten Beschlüsse hörte man die bekannten stereotypen Worte heraus: „Wir möchten schon, aber wir können nicht." Wenn das Amtsgeheimnis mir nicht eine gewisse Reserve auferlegen würde, so könnte ich noch andere interessante Fälle vorführen. Ich würde z. B. hier von den L'nterstützungsgesuchen sprechen, die an uns gerichtet werden, und die uns gar oft Verlegenheit bereiten. Denn es handeU sich nicht, immer in diesen Bittschriften um Außenstehende; es sind zuweilen Angehörige von Logenmitgliedern, vson verstorbenen Brüdern, die sich an die Großloge um ein größeres Darlehen zur Begründung einer Existenz wenden. Gern würden wir hier und dort helfend eingreifen, da wir dadurch unermeßlichen Segen in die betreffenden Familien bringen könnten--- Wir möchten schon, aber wir können nicht. * Man könnte mir einwenden und sagen: Du stellst allzu hohe Forderungen an den Orden und deshalb gelangst du in deinem Gedankengange zu einer Tragik, die aber in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Du wünschest, daß der Orden und insbesondere unsere Großloge gleich der Berliner Feuerwehr ein Mädchen für alles wäre, die überall ihre Hand im Spiele hat; darum empfindest du einen gewissen Schmerz darüber, daß der Orden diesen zu hochgespannten Ansprüchen nicht enspricht. Muß denn aber die Großolge überall dabei sein? Ist es ihre Aufgabe auch, die vielen Unterstützungsgesuche von Einzelpersonen und dergl. zu berücksichtigen? Darauf möchte ich erwidern: Wer den Werdegang und die Entwickelung unseres Ordens in Deutschland kennt, weiß, daß wie jeder Einzelmensch auch unsere Organisation mit den größeren Zwecken gewachsen ist. Von dem Zeitpunkt an, da wir aus unserem engeren Kreise der persönlichen Unterstützungen an Bruder und der lokalen Wohltätigkeit herausgetreten sind, um ins volle Menschenleben einzugreifen, von dem Augenblick an, da wir, um „den Opfern der Verfolgung zu Hilfe zu eilen", ein Zusammenarbeiten mit den großen Hilfsorganisationen angebahnt haben, da ist unsere Bedeutung gestiegen und der Name unseres Bundes innerhalb und außerhalb Deutschlands rühmlich bekannt geworden. Hervorragende Persönlichkeiten der Judenheit schlössen sich unseren Reihen an, um mit uns in innigster Verbindung zusammenarbeiten zu können. Zögen wir uns jetzt unter der ^Parole: „die Großloge braucht nicht überall dabei zu sein", zurück oder zwängten uns mit Rücksicht auf unsere Finanzlage in ein Prokrustesbett ein, so könnten die Folgen für uns sehr unliebsam werden. Unser' Glanz würde rasch verblassen; wir würden die mühevoll errungene achtunggebietende Stellung in der deutschen Judenheit einbüßen und rapid von der durch rastlose Arbeit erklommenen Höhe herabsteigen. Aber selbst die Berücksichtigung der vielen Unterstützungsgesuche von Einzelpersonen, übef die man sich in unserer Zeit hinwegsetzen zu können glaubt, möchte ich nur ungern missen. Diese unzähligen Bittschriften, die an unsere Logen und an unsere Großloge gerichtet werden, sind nach meiner Auffassung ein Ehren zeugnis für uns. Unser Orden genießt nämlich einen sehr gutlen Ruf; man hat von den — 130 -