Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1913
- Issue
- Nr. 8 - August
- Date
- 1913-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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und es wurde als Ehre angesehen, den Dahingeschiedenen den letzten Dienst erzeigen zu dürfen. Alle diese werkheiligen Liebesbetätigungen ließen den Armen seine Dürftigkeit weniger fühlen, der Vermögende hatte vor den anderen in seiner Lebensführung nicht viel voraus. Das feste Zusammenhalten der jüdischen Bewohner machte den Druck von außen, den Hali der Andersgläubigen weniger fühlbar, die innige Anhänglichkeit zur angestammten Religion ließ das Band der Zusammengehörigkeit in wahrhaft poetischem Lichte erscheinen. Nur etwas fehlte - und das führt mich von der Vergangenheit in die in dieser Hinsicht schönere Gegenwart. Mit der Hilfeleistung für die im Orte geborenen Bewohner hatte das jüdische Gemüt sich ganz ausgegeben und die große Zusammengehörigkeit unserer Stammesbrüder schien fast verloren gegangen. Konnte es bei der Fülle von deutschen Vaterländern denn auch anders sein? Das hat sich mir der im Jahre 1S70 vollzogenen Einigung Deutschlands und der damit verbundenen Freizügigkeit mit einem Schlage geändert. Die Jugend strebte nach Verbesserung ihrer Lebenshaltung, und hiermit begann der große Zuzug der Landbevölkerung in die bessere Zukunftschancen bietenden Städte. Die gewonnene Freiheit gab Gelegenheit, die besseren Schulen zu besuchen, sich höhere Bildung anzueignen und damit einen jüdischen Kaufmannsstand zu begründen, der auch in unseren Reihen Großhandel und industrielle Betätigung ins Leben rief. Der Wohlstand konnte wachsen, und dadurch war auch die Möglichkeit gegeben, daß die Söhne der aufwärts Strebenden die akademische Laufbahn ergriffen und sich hauptsächlich als Ärzte und Anwälte betätigen konnten. Es war ein großer Schritt nach vorwärts getan, aber damit auch die Lockerung der alten patriarchalischen Verhältnisse zur Tatsache geworden. Jedermann rührte seine Hände, ja ich darf es um der Wahrheit die Ehre zu geben, nicht verschweigen, manchmal gar seine Ellbogen, und in die Judenheit kam ein scharfer Zug von Egoismus, der zu seinem Wesen paßt, wenn ich mich populär ausdrücken darf, wie die Faust aufs Auge. Die jüdische Volksseele wurde in die Irre geführt, einmal durch Überhebung des Bildungsdünkels, zum andern durch Überschätzung der allzu rasch erworbenen irdischen Güter. Es bildeten sich Koterien, die nicht nur mit unserem Fühlen in Widerspruch stehen, sondern auch den striktesten Gegensatz bilden zu unserer demokratischen Denkungsart. Die ungewohnten Klassenunterschiede trugen wesentlich zur Verbitterung der schwerarbeitenden, weaig bemittelten jüdischen Bevölkerung bei, und die am Anfang meiner Ausführungen gestellte Frage, ob die' jüdischen Tugenden verschwunden seien,, bilden das Ceterüm censro der israelitischen Jungfrauen und jüirglinge von heute. Da erhoben sich anfangs der 8Öer Jahre* Männer von hoher Einsicht und idealem Streben, die diesen unedlen Zug des krassen Realismus ajs Gefahr für Sein und Wesen unseres Volkstums erkannten; die jüdischen Logen wurJeii begründet, die auf ihrer Fahne das Panier für Wohltätigkeit, " Bruderliebe und Eintracht flattern lielien. Seit dieser* Zeit Jiaben sich teils an die Logen anschließend, teils mit' gesonderte Grundlage basierend, eine Fülle von Wohltätigkeitsvereinigungen gebildet, die geistig und sittlich wirkend, wieder, ein. festes Band geschlössen haben. Ich brauche nur die Unterstützungskorporatiönen, die jegliche Stadt ihr eigen nennt, anzuführen; die Handwerkervereine, den Hilfsverein der Deutschen Juden, die Literaturvereine, der sich auch' die Toynbeehalleti würdig anschließen, um Sie zu überzeugen, daß da-* jüdische Gemüt nicht ausgestorben ist, daß sich nur die Formen geändert haben, in denen es sich zu betätigen sucht. ' / : Und weil dem so ist, haben Sie keine Bange vor der Zukunft. Die Kräfte unseres jüdischen'Volkstums wogen und wallen, wir' sind in-e'inem 'Übcrgangsstadium begriffen, das noch manchen Fehlschriti machen, noch manchen falschen Weg einschlagen kann, immer aber werden .wir zurückkehren aur strahlenden sonnigen Höhe des alle beglückenden jüdischen Gemütslebens. Ueber Wander- und Grenzarmenfürsorge. Vortrag, gehalten auf dem Nordostdeutscheo Logenverbandstage in Allenstein am 24. März 191'i von Br. Dr. R o m m - Johannisburg (Östpr.i. Ich hatte bereits vor kurzem die Ehre, in der Kant Lbge in Königsberg und in der Ostpreußischen Loge in Alienstein über Wanderarmerifürsorge zu sprechen. Es ist ein Verdienst der Ostpreußischen Loge, durch Annahme der in meinem Vortrage aufgestellten Leitsätze die Frage der Wänderarmenfürsorge auf die Tagesordnung des Nordostdeutschen Logeiiverbandstages gebracht zu haben. Dadurch wird es möglich werden, vor einem größeren Forum in die ganze Angelegenheit hineinzuleuchten, die von immenser Bedeutung für unser jüdisches Leben und Wirken überhaupt, wie aber auch ein hervorragendes Arbeitsgebiet für unseren geliebten Orden ist. Ich habe nicht die Absicht, meinen früher gehaltenen Vortrag hier zu wiederholen, sondern ich will m. gedrängter Kürze noch einmal zusammenfassen, welche