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Bericht der Großloge für Deutschland · 1913-08-01 · Nr. 8 - August · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1913
Issue
Nr. 8 - August
Date
1913-08-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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darf's nicht leugnen, dali der schwerer gewordene Kampf ums Dasein, die Macht des Großkapitals und die dadurch erschwerte Möglichkeit des Selbständigwerdens für unsere-jüngere Generation scharfe Risse in Erscheinung treten ließ, die es ihr schwer machen, das dennoch nicht gestorbene jüdische Herz in alter Herrlichkeit strahlen zu sehen. Hier muß fch anfügen, daß ich mir in meinen Ausführungen |tnit Bedacht versagt habe, von dem landläufigen Begriffe des jüdischen Gemüts zu sprechen, das hauptsächlich im Familienleben, im Verhältnis zwischen Kindern und Eltern seine Heimat hat. Ich habe vorgezogen, eine ernstere Saite anzuschlagen, die ich nicht nur für unsere junge Vereinigung passender halte, sondern mir auch Gelegenheit gibt, Gedanken, die ich ein Menschenalter lang in mir trage, Ausdruck zu verleihen. Hoffentlich findet auch diese Saite bei Ihnen, I. Damen und Herren günstigen Resonanzboden. Wenn ich der Vergangenheit gedenke, in der ich meine Jugend, in einem kleinen Städtchen des'hessischen Odenwaldes zubringen durfte, so kann ich Ihnen, die Sie vielleicht in ähnlicher Weise Ihre Kindheitsjahre verbracht, nicht übel nehmen, die Frage aufzuwerfen: Sind denn unsere Glaubensgenossen so ganz anders geworden, haben d;e Tugenden, die unsere Eltern und Großeltern auszeichneten, aufgehört Gemeingut in Israel zu sein? Bevor wir der Beantwortung näher kommen, möchte ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis vor Ihrem geistigen Auge das Bild ertstehen lassen, in welcher Umgebung und in welcher Weise ich das jüdische Gemüt sehen und erfassen durfte. Denken wir uns eine Gemeinde von JO bis 40 Fa- , milien, fasC ausnahmslos ven einer zahlreichen Schar jugendlicher Kinder umgeben; Einer kannte den Anderen, Trauer und Freude wurden gemeinschaftlich getragen. Soziale Unterschiede gab es nicht, der Handel ' mit Vieh oder Textilwaren ernährte fast alle schlecht und recht, zur Ansammlung von Reichtümern war keine Gelegenheit gegeben. In meiner Jugendzeit galt ein Mann, der vielleicht zehntausend Gulden Vermögen besaß, als Krösus und wurde dementsprechend hoch angesehen. Bildungsunterschiede konnte es nicht geben, die Kinder besuchten die Volksschule, lernten lesen und schreiben, und nach dem dreizehnten Jahre mußten die heranwachsenden Mädchen der Mutter im Haushalt oder auf dem Felde, die Knaben dem Vater in seinem Geschäfte helfen. Für besonders begabte Jungen war fast nur eine Möglichkeit gegeben, dem Drange nach Wissen Folge zu leisten, und zwar die damals und vielleicht auch heu:e noch nicht gerade glänzende Karriere, jüdischer Lehrer zu werden. War ein Familienvater gar nicht imstande, seinen r zahlreichen Nachwuchs zu ernähren, so blieb nur ein Ausweg übrig, und zwar der, die Kinder wurden im jugendlichen Alter von 14 bis 1b Jahren, ja die Knaben sogar häufig direkt nach der Barmizwoh- Feier nach dem gelobten Lande Amerika geschickt Zur Bestreitung der Kosten trat nun zum ersten Male für mein Bewußtsein das jüdische Herz in Tätigkeit ■ " ' Sämtliche Glaubensgenossen, auch die weniger begüterten, beteiligten sich an de.i Kosten der Uberfahrt je nach ihrer Kraft, und nach wochenlangen Vorbereitungen zur Herbeischaffung der notwendigen bescheidensten Mittel trat das arme Kind seine große Reise nach dem fernen Weltteile au. Weitere Konzentrationspunkte für Betätigung des jüdischen Herzens sind mir in Erinnerung geblieben durch die Art, wie Unterstützungen an Hilfsbedürftige verabreicht wurden. Entweder in der Frühe vor anbrechendem Tag oder in später Abendstunde wurde der „HängeVorb von der gütigen Mutter mit Speise und Trank, mit Brot, Gemüse und Milch gefüllt und dem besorgenden Kinde als Hauptsache aufgetragen, sich ja von niemand sehen zu lassen, damit der Bedürftige und Leidende nicht beschämt werden sollte, ^uch der Name des Gebers durfte nicht genannt werden, nur „ein Gruß von der Mutter,, und ich soll den Korb gleich wieder mitnehmen", war das einzige, was uns zu sprechen erlaubt war. Vor den Feiertagen stieg die Tätigkeit der unvergeßlichen Mutter, die die Armen in ihr Herz geschlossenen hatte, ins Gigantische, ins Maßlose. Da wurden alle sechs Kinder in Tätigkeit gesetzt — am Purim reichten auch die nicht hin, da griff die Mutter seibst ein, und was ihre Schürze an Schätzen von Kuchen und Fleisch barg, war geradezu rätselhaft zu nennen. Ein weiteres Moment, in weichem das jüdische Herz sicii betätigte, war die Art, wie die von auswärts kommenden jüdischen Armen empfanger. wurden. Niemand ging unbeschenkt von dannen, und es war selbstverständlich, den zufällig zu einer Mahlzeit erschienenen Armen gleich einem nahen Verwandten als Gast zu Tisch zu bitten und dementsprechend zu behandeln. Ebenso brüderlich waren die Kranken des Städtchens als zu eigener Familie zählend angesehen: Nachtwachen bei schwer Leidenden galt als selbstverständliche Pflicht, niemand — ob reich oder arm,— konnte sich ihr entziehen. 1 Bei Sterbefällen gab's keine bezahlten Dienstleistungen. — Jedermann war Mitglied der Chevra, — ll'i —

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