Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1913
- Issue
- Nr. 2 - Februar
- Date
- 1913-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4864325-6029030-6074210--1457-4865586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wachsenden Aufgaben, hervorgerufen durch den grollen Zuzug aus dem Osten, nicht allein aus dem aullerdeutschen, sondern auch aus dem preußischen Osten, machten größere und eingehendere Hilfsaktionen nötig. Man sah ein, daß das Gewähren ,von Geld allein nicht immer die beste Hilfe sei; dem Armen Kopf und Herz erheben, seine Angelegenheiten und Sorgen kennen zu lernen, sicli seiner augenblicklichen Notlage durch Rat und Tat annehmen, das waren Aufgaben, die auf verschiedene Kreise zu verteilen waren und "sie legten den einzelnen Vereinen den Gedanken nahe, sich ein Spezialgebiet zu erwählen, das man nach Möglichkeit bearbeiten konnte. So erwählte der Frauenverein der Logen sich die Wochenpflege als'eine der nötigsten und wichtigsten Aufgaben. Lag es doch gerade dem weiblichen Wesen so nahe, auf diesem Gebiete etwas Vorbildliches leisten zu wollen. — -Es wurde zunächst eine jüdische Ftau angestellt, die für 10 Tage den Haushalt " in der Familie der Wöchnerin führte. Sie hatte alles zu leisten, was die Hausfrau sonst leistete; sie versorgte die Kinder, sie sorgte für die Küche, sie sorgte, daß der heimkehrende Mann alles fand, was er gebrauchte und daß die Wöchnerin gepflegt wurde. So konnte der .Vernachlässigung und dem Verfall des Haushalts vorgebeugt werden. Und wie jede gute Tat die Kraft gibt, eine neue zu vollbringen, und wie das Vorwärtstreiben und das rastlose Leben der Großstadt kein Verbleiben auf einer Stufe gestattet,- sondern Entwicklung auf Entwicklung sich drängt, so schritt auch der Frauenverein allmählich in seiner Fürsorge für diejenigen, denen er seine Bestrebungen widmete, vorwärts. Durch die wachsende Zahl seiner Mitglieder und durch die erhöhten Mittel ward er in den Stand gesetzt, viel mehr leisten zu können. Der Pflege der Wöchnerin wurde hinzugefügt, was dem ärmlichen Haushalt not tat: Milch für die Mutter und das Kind, Fleisch und Lebensmittel für die Dauer der Pflegetage; ebenso als Erweiterung Kinderwäsche, Hemdchen,. Jäckchen und Windeln und im Bedarfsfalle die hygienischen Artikel für die Wochenpflege. Die eigenartigen Verhältnisse der Großstadt zeigten weiter Verhältnisse,'in dejien mancher werdenden Mutter selbst das dürftigste Heim fehlte. Sie wußte nicht, wo sie Aufnahme finden sollte über diese schwere Zeit, und so ergab sich denn als weitere Entwicklungsstufe dieNotwendigkeit.ein Wüchnerinnenheim zu schaffen. Da es dem Verein nicht möglich war, ein solches Heim mit all den weitgehenden Anforderungen, die Hygiene und polizeiliche Vorschriften erfordern, zu erbauen, so gliederte er sich dem bestehenden jüdischen Krankenhause in der Elsasserstraße an. Man mietete zwei Zimmer mit sechs Betten, in denen diejenigen werdenden Mütter aufgenommen wurden, die kein eigenes Heim und niemanden haben, der für sie sorgt. Auch dieses Heim ist zahlreich besucht und ist indirekt die Veranlassung zu einer weiteren Tätigkeit, zur Aufnahme lediger Mütter. Nach vieler Mühe und Arbeit ist es gelungen, die Mittel aufzubringen, ein eigenes Mütterheim einzurichten. Das Haus ist gekauft, und es wird nicht lange währen, so entsteht im Gartenteil des Grundstücks ein schönes, zweckentsprechendes Gebäude. Einstweilen werden wir im Februar interimistisch eine Etagenwohnung des Hauses zu diesem Zweck einrichten und hoffen, sechs oder sieben Mütter mit ihren i r Kindern aufnehmen zu können. Dort finden sie ein .Heim, in dessen Schutz sie entweder auf, Arbeit gehen oder im Hause selbst Arbeit finden ■ können. Sie haben ihr Kind bei sich, verpflegen es, und wenn sie zur Arbeit gehen, sorgt die Hausmutter für alles, was dem Kinde not tut. Mit diesem Mütterheim hoffen wir ein großes ^tück sozialer Hilfe zu leisten, und wenn wir das"Ganze überblicken, so dürfen wir mit Befriedigung auf ein Stück sozialer Hilfstätigkeit sehen, von dem wir hoffen, es erweitern zu können zum Segen derer, für die wir arbeiten. Neben dieser ihrer speziellen Tätigkeit bewähren sich die Frauen im Arbeitsnachweis, den die Logen gegründet haben und der eine ihrer wichtigsten Schöpfungen ist. Die Frauen leiten den weiblichen Arbeitsnachweis und es gelingt in wachsender Zahl, von Jahr zu Jahr mehr, die sachgemäße Unterbringung von weiblichen Angestellten auf den verschiedensten Gebieten. Ganz besonders erfreulich ist die Tätigkeit der Frauen in der Töynbee-Halle. Nach ihrem Stifter, dem englischen Philantropen Arno'd Toynbee genannt, bietet man hier den Ärmsten der Armen ein Heim, in dem sie geistige Erhebung finden. Die Gaben, die geboten werden, sind keine Almosen, sondern sind von dem intellektuellen Besitz der einen der Bildungsfähigkeit der anderen gegeben. Die Besucher, in deren Leben nicht 'viel Erhebendes kommt, die den Abend auf der Straße oder in zweifelhaften Lokalen zu verbringen gewohnt sind, deren Seelen häufig zugrunde gerichtet werden durch körperliche und geistige Not, sie alle finden hier eine Stätte, an der ihnen mit Liebe geboten wird, was der Geist der Zeit und die Bildungsmittel der Gegenwart nur geben können. Aus allen Gebieten der Wissen- - 90 —