Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 12 - Dezember II
- Date
- 1908-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4864325-6028974-6074184--1400-4865532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(Gebiete des sozialen Lebens verheerend gewirkt hat. sodass unsere Armen und Bedürftigen von der Wohlfahrt der allgemeinen Fürsorgeeinfichtungen fast ausgeschlossen sind, hat uns gezwungen, auch auf diesem Gebiete unseren eigenen "Weg zu gehen. An vielen Logenplätzen sind teils durch die Logen selbst, teils mit Hilfe der Logen Arbeitsnachweise und Komitees entstanden, die, sich bewährten. So hat z. B. der Berliner Arbeitsnachweis in den letzten 5 Jahren if>737 Personen Stellungen verschafft. Diese Zahl führt eine beredte Sprache und liefert den Beweis für das Bedürfnis sowie für die erfolgreiche Wirksamkeit dieser Institution. Der Berliner Arbeitsnachweis sowie die anderen' .Vachweise unserer Logen hätten aber noch mit grösserem Erfolge wirken können, wenn ein Netz von jüdischen gut organisierten Arbeitsnachweisen über das ganze Reich ausgebreitet wäre, und wenn die einzelnen Arbeitsnachweise in Verbindung miteinander gestanden hätten. Dadurch wäre die Ableitung des Stromes von Arbeitslosen, der sich zumeist in grosse Städte ergiesst. mit Leichtigkeit zu bewerkstelligen und Arbeitsangebot und Nachfrage hätten besser ge- regelt werden können. Das Probien), wie man dem ebenso massenhaften wie planlosen Zuströmen von Arbeitskräften nach den grössern Städten steuern könne, beschäftigte 'unsern Bruder Kxpr. Dr. Ginsberg seit Jahren', und als Frucht seines Nachdenkens, seiner Bemühungen und seiner langjährigen Erfahrung hat er vor kurzem ein Referat, das er wegen vorgerückter Zeit bei der Tagung des General-Komitees nicht halten konnte, in der Ausschusssitzung vom 21. November & J. erstattet, das geradezu begeisternd gewirkt hat Auf Beschluss des Ausschusses ist dieses Referat den - Logen zugegangen. Mit Rücksicht aber auf die überaus grosse Wichtigkeit dieser Angelegenheit wollen wir die Ausführungen des Br. Ginsberg auszugsweise auch in unserm Logenorgan wiedergeben, um so jedem einzelnen Bruder die Möglichkeit zu bieten, sich mit dieser Materie zu beschäftigen. Auszug aus dem Referate des Br. Expr. Dr. Ginsberg. Ueber die Notwendigkeit von Arbeitsnachweisen auf humanitärer sozialer Grundlage gegenüber den gewerblichen Stellenvermittelungen kann wöhl kein Zweifel bestehen. Die gewerbsmässig betriebenen Stellennachweise, deren Zahl in Deutschland nach vielen tausenden gerechnet wird, soll den Inhabern selbst den Lebensunterhalt bestreiten. Sie nehmen daher von den sich an sie wendenden Arbeitnehmern und Arbeitgebern eine materielle Entschädigung für ihre Bemühungen, und haben im eigenen Geschäftsinteresse naturgemäss einen grossen Vorteil davon, wenn die in Stellung Gebrachten die Stellung oft wechseln, da sie selbst dadurch von Arbeitnehmern und Arbeitgebern möglichst oft in Ansprach genommen und honoriert werden. Anders verhält es sich m«t den humanitären Arbeitsnachweisen, die unentgeltlich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeden sich meldenden Bewerber unter persönlicher Fürsorge individuell behandeln und das grösste Interesse daran haben, dass der Bewerber in der Stellung möglichst dauernd .sich seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Dass humanitäre Arbeitsnachweise in den Logen-Städten des deutschen Distriktes dringend 'notwendig sind, beweist auch der Umstand, dass beispielsweise Hunderte von stellungslosen Juden aus allen Teilen des Reiches nach den grossen Städten kommen, weil sie glauben, hier leichter zu einer - Existenz zu gelangen , als in ihrer engeren Vaterstadt. An den hiesigen Arbeitsnachweis der Berliner Logen wenden sie sich beispielsweise zu Scharen: aber die Wünsche eines grossen Teiles dieser Zu Wanderer können nicht befriedigt werden, weil bei der Konzentration die Zahl derselben eine zu grosse ist, und weil diesen Leuten die örtlichen Verhält nisse oft völlig fremd bleiben. So mancher muss also, wenn er nicht zum Almosenempfänger herabgedrückt werden will, wieder von hier fort, nachdem er häufig durch die Reise hierher seine an sich schon nicht bedeutenden Mittel verbraucht h^t. Wäre an dem Wohnsitz dieser Leute ein humanitärer Arbeitsnachweis, an den sie sich wenden könnten, so -würde die Hin- und Herreise eingeschränkt und dadurch den Leuten Geld gespart werden; vor allem aber könnte ihnen dann viel leichter eine Stelle an ihrem Wohnsitz selbst verschafft werden. Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse bei den aus Russland, Galizien und Rumänien strömenden Massen der Einwanderer und Rückwanderer. Viele