Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 8 - September
- Date
- 1908-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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jeder einzelne von uns an ihm verloren liat. Aber ungleich grösser war die Bedeutung Albert Joachims für die Grossloge, jene zusammenfassende Körperschaft, die zur Gesetzgebung, Leitung und Verwaltung des ganzen Distrikts berufen ist. Die Grossloge, die,, nach den eigenen Worten des Verblichenen, sich verfassungsmässig aus den bewährtesten Kräften zusammensetzt, soll, auf höherer Warte stehend, der gesamten Tätigkeit im Otden Plan und Richtung geben und dafür sorgen, dass bei aller billigen Berücksichtigung derEinzol'interessen doch immer der Blick auf das Ganze gerichtet bleibt. Als Mitglied einer solchen Gemeinschaft hat der Dahingeschiedene zwei Dezennien hindurch nicht nur mit reichstem Können und scharfem Geiste, sondern auch mit unermüdlichem Floiss und wahrer Freudigkeit gearbeitet. Darwin übertönt das Wehklagen der Grossloge noch die Trauer seiner engeren Brüder um den Verlust dieser unschätzbaren und fast'unersetzlichen Persönlichkeit. I m diesen Empfindungen der Grossloge gebührenden Ausdruck zu verleihen, stehe ich an dieser Stelle. Wiederum spricht ein wahrer Freund des Dahingegangenen zu Ihnen, der seit dreizehn Jahren im engen Verkehr mit ihm gestanden, ein Freund, dem er so manches Mal einen Einblick in die Werkstatt seines Geistes und die Tiefe seiner Seele gestattet hat, ein^ Freund, dem er oft seine Ideen über das Wesen des Ordens, seine Leitung, seine Propaganda und seine Zukunft anvertraut, ein Freund, dem er sich, in seiner wahren Menschengestalt offenbart hat. Und weil ich dem teuren Bruder so nahe gestauden. möchte auch ich zunächst sein < 'harakterbild, wie es meiner Seele vorschwebt, mit wenigen Strichen zeichnen. Es sei fern von mir. nach Römerart 1 nur Gutes von unserem Toten zu sagen; ich will ihn nur in die rechte Beleuchtung stellen, die seiner, schlichten, prunklosen Natur in den Augen der Mitmenschen oft gefehlt haben mag. Das Urteil, das wir unter dem Einflüsse des herben Abschiedsschmerzes fällen, geht zwar liebevoller auf die Eigenart des Entschlafenen ein, enthält aber dennoch mehr Wahrheit als eine aus den wechselnden Stimmungen, der Hast und dem Gleichmut des täglichen Lebens geschöpfte Kritik. Ein Grundzug des Wesens von Albert Joachim war seine grosse Bescheidenheit. Frei von jeder Ueberhebung wirkte ei still und geräuschlos. Aus seinem Mundo hörte man nie eig Wort dos Rühmens über seine Leistungen, nie eine Erzählung, dass andere ihm Anerkennung gezollt haben, und wenn ihm, wie das manchmal geschah, glänzendes Lob ins'Gesicht hiheiii. gesagt wurde, so überzog eine schämhafte Röte sein bei geistiger Arbeit ungemein . fesselndes Antlitz. Mochte er sich auch in solchen Momenten seines Wertes mehr bewusst werden,, als" sonst — die Eitelkeit hat niemals Macht über ihn gewonnen. 1 Was ihn über die breite Masse der Menschen weit emporhob, war seine ganz . ungewöhnliche Klugheit. Ein glänzender Jurist, ein geschickter Anwalt, ein scharfsinniger Denker, ein schneidiger Dialektiker — so befähigt, hat er im beruflichen und sonstigen Wirken die grösvten Erfolge errungen. Nicht die flammende Beredsamkeit, die * mit prunkvollen Worten die Menge begeistert," war ihm eigen, wohl aber 'war er ein Meister der auf strengster Logik aufgebauten, kunstvoll disponierten, oft mit feinem-Humor'durchzogenen Rede, und ihre Wirkung war von durchschlagender Überzeugungskraft. ■"Albert Joachim's Streben erschöpft» sich nicht in seinem Beruf. Auf allen Gebieten des Wassens erfahren, voller Anteünahmo -für alle' Dinge des öffentlichen und sozialen Lebens, war er. ein vielseitig gebildeter Mann. .. Seine grosse Bücherei legt beredtes Zeugnis davon ab, dass er der Wissenschaft um ihrer selbst-willen ergeben war. Dazu kam sein feines Verständnis für Musik, das durch ein ausgezeichnetes musikalisches Gedächtnis* und Gehör unterstützt wurde. .Jede bedeutende Symphonie, jede klassische Oper war ihm so geläutig, dass er sie von Anfang bis zu Ende wiedergeben konnte Er liebte die Musik wie ein Künstler, -der sie zum Lebensberuf erwählt, sie konnte ihn über . alle Eulejisorgen, über manchen (Jram und Kummer hinaustragen in das Reich des Idealen, „in die heiteren Regionen, wo des Jammers, trüber Strom* nicht Fluscht". Auch für die bildende und darstellende Kunst besass er ein reifes I rtpil und reges In- < teresse. Auf seinen zahlreichen -Reisen hat er seinen kunstverständigen Sinn gepflegt und immer mehr ausgebildet. Es war ein seltener Genuas, ihn unter dem frischen Eindrucke des tiesehenen über die Kunstschätze Itäliens reden zu hören.