Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 7 - Juni
- Date
- 1908-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4864325-6028974-6074173--1307-4865445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wird den sämtlichen hieber kommenden Juden andnrch ausdrücklich befohlen, dass sie sich in Zukunft aller Spiele, wie solche Namen haben mögen, sowohl in Kaifeeals sonstigen Privathäusern vollkommen enthalten, im Betretungsfall aber das erstemal mit 10 Rthlr. unnachlässiger Strafe, wovon ein Drittheil dem Anzeiger zukommen soll, angesehen, bey mehrmaliger Vergehung gegen diese Verordnung aber eine empfindlichere schälfere Bestrafung xu gewärtigen haben: die Kaffee- und andere Wirt he auch Privatleute dieses verbothene Spielen unter gleichmässig willkühriger Bestrafung bey ihnen nicht gestatten sollen. Wornach also ein jeder vor Strafe und Schaden sich zu hüten wissen wird. Decretum: Würzburg. den 16. März 1775. H. W. R. Wohlfahrtseinrichtungen der Logen. Frankfurt-Loge (Mädchenheim). Aus Anlass des 25jährigen Ordensjubiläums haben die BBr. der w. Frankfurt-Loge einen .Jubiläumsfonds von ca.SOOOOM. gesammelt mit der Bestimmung, ein Mädchenheim zu gründen, in welchem jüdische junge Mädchen, die in hiesigen Geschäften tätig sind, zu sehr billigen Preisen ein angenehmes Logis und gute Verpflegung erhalten sollen. Da die verfügbaren Mittel zum Kaufe und zur Einrichtung eines eigenen Hauses nicht ausreichten, wurde von der Loge ein von drei Brüdern bestehendes Komitee eingesetzt mit der Autgabe, im Verein mit dem sozialen Ausschusse unserer Frauenvereinigung das „Heim für jüdische weibliche Angestellte" in zunächst gemieteten Räumen zu errichten. Das Komitee, dem unser Vizegrosspräs. Br. Joseph Wisloch angehört, hat in aller Stille gearbeitet und es ist ihm die Freude beschieden gewesen, am 10. Mai d. J., ein Jahr nach dem Ordensfeste, diese neue Wohlfahrtseinrichtung, die sich im Hause Nene K r äm e 27 befindet, mit 12 jungen Mädchen zu eröffnen. Bei der kleinen, aber äusserst würdigen Eröffnungsfeier hielt die Vorsitzende der Frauenvereinigung, Fr. Ella S e 1 i g m a n n . die Gattin unseres Br. Rabb. Dr. Seligmann, eine Ansprache, die wegen ihrer Eigenartigkeit und des herzlichen Tones, die sie auszeichnen, hier im Wortlaut wiedergegeben zu werden verdient. ' „Geehrte Anwesende! Wir haben uns heute Abend hier versammelt, im kleinen, intimen Kreise, um unsere lieben, jungen Freundinnen zu begrüssen, die sich dem Schutze unseres Heimes gerne anvertraut haben und um eine Stunde der weihevollen Freude zu verleben, in dem Bewusstsein, dass das lang geplante Werk nun seiner Verwirklichung entgegengereift, wenn auch noch nicht ganz so, wie wir es erhofft und erträumt haben. Die Schöpfungsgeschichte dieses vorläufigen Heims, die Rückschau auf den weiten, schwierigen Weg, den wir zurückgelegt, bat sich mir in das Gewand eines Märchens gehüllt. t Es war einmal eine Schar edler Ritter, die alle einem hohen Orden angehörten. Sie waren bestrebt, das Edle und Gute in der Welt zu fördern, Tränen zu trocknen und Not zn lindern. Es geschah, dass der König, dem alle die Ritter huldigten, ein hohes Fest feierte, das Fest seiner Thronbesteigung vor 25 Jahren, da wollten alle Ritter wetteifern zu zeigen, wie sehr sie den König liebten und verehrten und wollten ihm kostbare Geschenke darbringen. \ Da sprachen die Weisesten unier ihnen: Lasst ab, o Freunde, nicht nach Geschenken steht des Königs Sinn, lasst ihn uns anders ehren, lasst ihm uns widmen ein Werk der edelsten Menschenliebe, lasst uns ein Haus erbauen für die, die einsam sind inmitten der grossen Stadt, fremd,unter fremden Menschen, die ihr Elternhaus verlassen mussten und in der Fremde sich das Brot verdienen. Und alle die Ritter jubelten begeistert den Worten der Redner Beifall, Und viele Gaben flössen aus vollen Händen, aber immer noch wollte es; nicht reichen, das grosse Haus zu erbauen für alle die Mädchen, die ein Heim finden sollten in der grossen Stadt. Das betrübte die Ritter gar sehr. Aber noch mehr betrübte es die Hausfrauen der Ritter» die noch tiefer hineingeschaut in das oft so öde, freudlose Dasein der Mädchen, die fremd ohne Anscliluss, ohne Schulz dein Getriebe der Grossstadt preisgegeben. Und sie sprachen also zu den Rittern: »Lasst doch nicht länger uns warten, bis wir ein grosses Haus bauen können, lasst uns mit einem kleinen Haus beginnen! Wenn Ihr uns Euren Beistand leiht, dann fühlen wir Frauen die Kraft in uns, das kleine Werk zu beginnen und zu vollenden, bis Ihr das grosse Werk schaffen könnt Und die Ritter taten nach dem Willen ihrer Hausfrauen. — Und nun ist mein kleines Märchen zu Ende, das ja eigentlich gar kein Märchen ist, denn aus dem Märchen ist gegenwartsfrohe Wirklichkeit geworden. Wir wollen freilich heute nicht sagen: „Wir sind am Ziel", wir wollen lieber sagen: „Wir stehen am Anfang*. Am Anfang einer schönen, will's Gott, segenbringenden Einrichtung, aus der etwas Grösseres und Vollkommeneres entstehen soll. Viele von Ihnen, meine Heben jungen Freundinnen, haben eine liebe Heimstätte verlassen,, wo zärtliche Mutterhände für Sie gesorgt und sich gemüht. ■ Jetzt sollen Sie auf sich selbst gestellt sein. Sie haben den unerbittlichen Kampf ums Dasein aufgenommen; aber da es Ihnen bang ums Herz werden wollte, da haben sich die gastlichen Pforten unseres Heims für Sie geöffnet; hier finden Sie. was Sie verlassen mussten, eine neue Heimat, in "der Sie Wohlbehütet, wie unter dem Schutz des Elternhauses.leben; hier finden Sie neue Liebe und freundlichen Anscbluss, und Sie sind nicht fremd unter fremden Menschen. Nichts weckt mehr das. Gefühl der Vereinsamung, als allein sich zu fühlen in dem Wirren und Hasten einer grossen Stadt; „denn hier ist keine Heimat, jeder treibt sich an dem andern rasch nnd fremd vorüber und traget nicht nach seinem Schmerz." - Das ist es, was wir Ihnen ersparen möchten, dieses bange, wehe Fremdsichfüblen in der grossen Stadt. Das Frohgefühl soll Sie tagsüber bei Ihrer Arbeit nicht verlassen: „Ich weiss eine Stätte, da bin ich wohlgeborgen, da finde ich gleichgestimmte Genossinnen, eine liebe sorgende