Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 7 - Juni
- Date
- 1908-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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- 86 - die Gratulation des Vertreters der w. Frankfurtloge, Br. Rabbiner Dr. Lazarus, der gleichzeitig namens der Familie unseres Namenpatrons in wahrhaft ergreifender Weise den Doppelgefühlen der Wehmut und Freude Ausdruck verlieh und auf alle Anwesenden tiefen Eindruck machte. Und als Br. Hugo Schlesinger, wer wüsste nicht, dass, wie 10 oft, er auch in Göttingen Löwenanteil an der Gründung hat. mit tränenerstickter Stimme das Bild Lazarus' dem ersten Präsidenten als Geschenk überreichte, waren wir alle aufs höchste ergriffen. Zum Schlüsse nahm der neue Präsident, Br. Rechtsanwalt Rosenberg, das Wort, um im Namen sämtlicher Brüder der hochw. Grossloge und den Gästen zu danken und treue Arbeit zu geloben — die Moritz Lazarus-Loge war gegründet. Die sich daran anschliessende Festtafel war eine würdige Fortsetzung des ernsteren ersten Teiles. In seinem j Danktoaste setzte der hochwürdige Grosspräsident' die Gedanken seiner Festrede fort, indem er — wieder an der Hand Lazarus'scher Aussprüche — den neuen Schwestern ihre Pflichten wies. Und war bereits in der Festloge der verehrten Gattin des Meisters, Frau Geh. Regierungsrat Prof. Lazarus gedacht worden, so wurde sie hier, die Autorin des Buches „Das jüdische Weib', unseren Frauen gezeigt als die Verkörperung dessen, dem die Schwestern nachstreben sollen. Frau Geheimrat Lazarus, welche wir um. die Ehre ihres Besuches zu unserem Gründungsfeste gebeten hatten, war zu unser aller grossem Bedauern am Erscheinen verhindert und hatte schriftlich und telegraphisch ihre Glückwünsche übermittelt. — _T ' ' Aus der Fülle telegraphischer Gratulationen sei die des Biographen Lazarus', Herrn Prof. A. Leicht-Meissen, hervorgehoben, der wie folgt drahtete: „Zur Errichtung Ihrer Moritz Lazarus-Loge als Denkmal für den edlen Weisen in der Stadt Herbarts und Lotzes sendet freudigen Glückwunsch Prof. Alfred Leicht. Bis in die Morgenstunden währte der Tanz, gewürzt durch viele schöne Darbietungen. Es war ein in jeder Hinsicht gelungenes Fest, hoffen wir, dass die neue Loge dieses Anfangs würdig sich entfalten, wirken und schaffen wird, zu ihrer eigenen Befriedigung, zum Heile des Ordens, zur Ehre des Grossen, dessen Namen sie trägt. Das walte Gott. Charles L. Hallgarten geb. am 18. Novbr. 1838, gest. am 19. April 1908. Am 4. Mai d. Js. fand in der w. Frankfurt-Loge eine Trauerfeier für den rühmlichst bekannten Philantropen Br. Hallgarten statt, der Mitbegründer dieser Loge and ihr erster Präsident gewesen ist. An dieser Feier nahmen Delegierte der verschiedensten Hilfsorganisationen teil sowie viele Vertreter auswärtiger Logen, die erschienen waren, um der Frankfurt-Loge ihr herzlichstes Beileid auszusprechen zu dem unersetzlichen Verloste, den sie und der Orden durch den Heimgang dieses Bruders erlitten haben. Als Vertreter der Grossloge hielt Br. Expräs. Maximilian Stein aus Berlin folgenden Nachruf: Andächtige Trauerversammlung, werte und liebe Brüder der Frankfurt-Loge! „Rahel weint um ihre Kinder." Es wehklagt die Grossloge mit ihrer 'Lieblingstochter um ihren dahingeschiedenen grossen Sohn, und die Grossloge für Deutschland unseres Unabhängigen Ordens Bnei Briss entsendet mich hierher, um in ihrem Namen dieser unserer tiefinnigsteu Teilnahme Ausdruck zu geben. Von ganzem Herzen bewegt unter dem Eindruck dieser weihevollen Stunde taste ich nach einem Worte, das geeignet wäre auszuschöpfen die Trauer und die Wehmut, die mich bis ins Innerste beherrscht. Angesichts des erhabenen Bildes des grossen Verklärten, das uns heute hier von Freundes und Meisters Hand so rührend vors Auge geführt wurde, verblasst alle Kundgebung und eine zaghafte Scheu muss den Einzelnen sich zu klein fühlen lassen, die letzte Hülle zu zieheu von der bangenden Seele. Allein, ich stehe hier als Dolmetsch einer Gemeinschalt, in der eirre gewaltige Fülle von Liebe zusammenströmt, von Liebe und Dankbarkeit, ein Meer von Tränen, der Weheruf vieler Tausender von Brüdern unseres Ordens. Und wie aus der Teilnahme der Grossloge der Herzschlag einer Gemeinschaft spricht, so gilt diese unsere Trauer auch einem Manne, in dem sich weit über das Mass eines gewöhnlichen menschlichen Einzellebens eine unendliche Summe von Edelsinn und Tatkraft vereinigte. Br. Charles Hallgarten, wie tritt er lebendig aus dem Rahmen hervor, den freundschaftliche Verehrung seinem Bilde hier gezogen, in seiner schlichten prunklosen Grösse, milde und gerecht, gütig und klug, vornehm in der Gewinnung, jugendlich in der Begeisterung und doch abgeklärt und weise'in der Erfahrung! Der Talmud sagt: „Neid, Hass und Missgunst führen einen frühen Tod herbei." Br. Hallgarten konnte an die 70 Jahre alt werden, und er hätte um vieles älter werden können, denn Neid, Hass und Missgunst, fürwahr, sie lagen ihm fern, ihm, dem selbstlosesten Philantropen grossen Stils, dem das Wort zum Leitstern diente: „Glücklich sein heisst glücklich machen." Wir haben ihn heute schildern hören als grosszügigen Organisator einer systematisierten Humanität, als einen Mann, der die Wohltätigkeit zu seiner Wissenschaft gemacht hat, und der Kopf, Herz und Hand auch für die kleinsten Bedürfnisse der Bekümmerten zu bekunden Zeit fand, als einen Führer, um den eine ganze Welt sich gruppierte, als eine abgeschlossene, harmonische Persönlichkeit, die doch alle Nuancen des vielgestaltigen Lebens auf sich wirken Hess. — Br. Charles Hallgarten war ein guter Mensch, ein guter Jude, verehrt auch von zahlreichen andersgläubigen Freunden, denen er wie. Nathan der Weise antworten konnte: „Was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch uns zu Juden". So viele ihn auch zu den ihrigen zählen durften, er war seinem ganzen Bilde, seinem ganzen Wesen, seinem Stil und seiner Art nach ein vollkommener Ben Briss. Er verkörperte die Ordenstugenden und die Ordenssehnsucht nach einem vollendeten harmonischen Judentum und nach einem lauteren und gerechten Menschentum. Er war unserm Orden Schüler und