Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 7 - Juni
- Date
- 1908-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 82 — wir kein Unrecht, daneben auch noch jüdische Vereine zu haben. Und ich denke, unsere Vereinswege dürfen and wollen wir beibehalten, denn solchen Vereinen entspringt keine Fremdheit oder ein Gefühl derselben.': Sehen Sie, dass ist auch unser Standpunkt. Die Zugehörigkeit zu uns, sie ist lediglich eine Betätigung des jüdischen Gemeinscbaftsbewusstseins, eiue Abschliessnng von den Andersgläubigen beabsichtigen wir nicht., Gerade Ton Lazarus können wir das Richtige lernen, dass wir die Annäherung und den Verkehr mit den Andersgläubigen auch für uns nützlich erachten und deshalb erstreben, dass wir ihn aber nicht mehr als eine Ehre, als eine Auszeichnung betrachten wollen, sondern als ein selbstTerständliches Anrecht. In unseren Logen wolle» wir den Kampf gegen die Vorurteile der Massen gegen uns Juden aufnehmen durch Selbstemanzipation, durch Aechtung und Beseitigung alles dessen, was der Abneigung gegen uns gerechten, ja auch nur ungerechten Anhalt gibt. Freilich müssen wir alle Ton gleichen Gefühlen beseelt sein, denn, wie Lazarus so richtig sagt: „Nur aas der Gemeinsamkeit des Gefühls' entsteht das Gefühl der Gemeinsamkeit." Solche Zusammenschliessung auf (-irund des jüdischen Kemeinschaftsbewusstseins hat gerade Lazarus gewünscht, indem er ausgeführt hat: „Die Hebung und Erweiterung des Gemeinschaftsbewusstseins ist zu gleicher Zeit-die Bürgschaft für eine ethische Erhebung überhaupt. Denn in dem Masse, als wir zusammenstehen und uns vereint fühlen, steigt für jeden Einzelnen die ethische Verantwortung. Heute schon, meine Herren, heute behaupte ich als Psychologe ganz kühn: unter den Juden wird jetzt Vieles nicht getan, was vielleicht zu einer andern Zeit getan würde. Gegenüber der Agitation fühlt sich jeder Terpdichtet, weil er ein Jude ist. Jeder fühlt sich Terpflichtet, nicht nur seinem eigenen Gewissen zu genügen, sondern dem Gesamtgewissen, nicht nur seine eigene Ehre zu wahren, sondern die Ehre der Gesamtheit. Jeder--fühlt sich Terpflichtet, das Gute, wo er kann, zu stiften, das Arge, wie er kann, zu meiden, damit dadurch zugleich der sittliche Bestand der Gesamtheit wächst und gedeiht." Klingt dies nicht ganz, meine Terehrten Herren, als wäre es eine Programmrede für uns, und wenn Sie hier einzelne Kreise für ans nicht haben gewinnen können, weil sich dieselben für vollkommen genug erachten und es demnach für unnötig halten, einer ethischen Vereinigung beizutreten, schade, dass ich diesen Männern das Wort Ton Lazarus nicht zurufen kann: „Alles Menschliche ist unvollkommen, also der Vervollkommnung bedürftig und befähigt", und wenn Sie gerade die akademischen Kreise nicht haben gewinnen können, weil sich diese in ihren Anschauungen für za frei erachten, um einer jüdischen Vereinigung beizutreten, schade wiederum, dass diese Herren unsern Lazarus nicht kennen, der gerade ihnen zuruft: ,,l'nd ganz besonders ist es nötig, dass auch die gelehrten und philosophisch gebildeten Männer in Israel, deren inneres Leben nicht mehr bedingt ist von dem Judentum als Religion allein, sondern welche mit der allgemeinen Kultur und mit der allgemeinen Gedankenwelt zusammenhängen, eben, diese Männer sage ich, müssen nicht desto weniger bei den Ihrigen bleiben, denn Ton solchen Männern geht ein Zurückstrahlen aus auf die Andern. Es ist nicht gleichgültig, ob Einer, der in seinem inneren Leben viel freier und viel höher steht, als irgend eiue Konfession ihn stellen kann, Einer, der im Nationalitätsgeist oder im allgemeinen Menschheitsgeist über den allgemeinen philosophischen Dingen steht, es ist nicht gleichgültig, ob ein solcher zu dieser Genossenschaft gehört oder zu einer andern. Denn die Genossenschaft wird gezählt und gewogen nach ihren Angehörigen, und darum ist es eine Pflicht derer, die trotz ihres Judentums hoch hinauf steigen, irgendwie in bürgerlicher Stellung, in Fähigkeiten, in Leistungen; ihre Pflicht sage ich, ist es, am meisten bei den Ihrigen zu bleiben." Ebenso ungerechtfei tigt wie der Vorwurf der Abschliessung ist der oft gehörte Vorwurf, dass wir durch unsere Vereinigung zeigen, dass wir uns im Deutschen Reiche weniger als Deutsche, denn als Juden fühlen. Angriff und Abwehr verlangen Kenntnis, wer aber das Judentum kennt, der wird dessen inne sein, dass man von ihm nicht abzurücken braucht, um seinem Vaterland ein treuer Sohn zu sein, der wird wissen, dass das Judentum seinen Bekenneru gebietet, den König zu lieben, das Vaterland zu ehren und ihm in Treue anzuhängen, lind auch bei diesem Punkte braucht man nur Moritz Lazarus zu zitiereu, der Folgendes ausgesprochen: „Wir sind Deutsche und nicht die Sprache allein macht uns zu Deutschen, das Land, das wir bewohnen, der Staat, dem wir dienen, das Gesetz, dem wir gehorsam sind, die Wissenschaft, die uns belehrt, die Bildung, die uns erleuchtet, die Kunst, die uns erhebt, sie sind alle deutsch. Muttersprache und Vaterland sind deutsch, hier standen unsere Wiegen, hier sind die Gräber derer, von denen wir stammen in vielen Geschlechtern, unser Anfaug also und unser Ende des Lebens ist hier. Freilich siud wir Juden als Fremdlinge in Deutschland eingewandert, aber nicht sind wir hierher gekommen, um hier Fremde zu sein, um als Fremde einen Aufenthalt zu nehmen, eine Heimat haben unsere Väter gesucht und eiue Heimat haben sie gefunden. Menschenalter hindurch hat sich ihr Wille bewährt durch eine nie versagte treue Pflichterfüllung gegen den Staat, durch eine gemeinsame Arbeit mit dem Volke, durch gemeinsames Schicksal. Stufenweise hat man ihnen den Kreis .der Pflichten erweitert und veredelt, vom Leibzoll bis zum höchsten Taterländischen Dienst mit Leib und Leben. Aber jede neue, jede höhere Pflicht haben wir als unser Recht erworben, als ein hohes Lebensgut gefordert. Abstammung also und Religion hindern den Jaden nicht, im Tollsten Siune der deutschen Nationalität anzugehören. Wir erleben keine andere Geschichte als die Geschiebte des deutschen Volkes, was ihm zu lieb und was ihm zu leid geschieht. Seine Sorgen, seine Kämpfe,