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Bericht der Großloge für Deutschland · 1908-05-01 · Nr. 6 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1908
Issue
Nr. 6 - Mai
Date
1908-05-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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- 72 — wecken durch Reminiszenzen aus der Vergangenheit, nicht bei dem reifen Mann durch eine Rede über Tagesereignisse, ich will vielmehr den Jünglingen, eine Botschaft bringen deren Augen und Hoffnungen auf die Zukunft gerichtet sind. Das Ende der Studienjahre ist der Anfang des. Lebens. Eine neue Laufbahn beginnt tür die Jünglinge und Jungfrauen, welche heute ihre Schuljahre beendet haben. Sie stehen am Rande eines Waldes, in welchen sie hineindringen wollen. Schreiten sie vor mit Weisheit oder Thorheit, so werden sie glücklich oder unglücklich sein. Wenn Sie ein Verständnis für die Heiligkeit dieser Stunde haben, so wird das, was ich sage, kein Gemeinplatz für Sie sein, selbst wenn es andern als solcher erscheinen sollte. Jünglinge und Jungfrauen, betrachtet nicht Eure Studienjahre als beendet! Das Ende der Lehrjahre ist der Anfang einer neuen Erziehung, bei welcher das Studium des Mannnes in den praktischen Lebensfächern den Kernpunkt bildet. «Glaubt nicht, dass die Welt die Schätze zum Greifen bereit hegen hat, Ihr müsst danach suchen.* Der Erfolg im Leben hängt nicht davon ab. was die Jugend in der Welt findet, sondern davon, was sie ihr leistet. Beachtet wohl, dass. wenn Ihr blind und in der Irre fortschreitet, Ihr zu spät in j Bitterkeit und Trauer die Wahrheiten erkennen werdet, j welche die Erfahrungen anderer so klar denen darbieten, | welche den Verstand zum Lernen besitzen. Erfolg ist j nicht gleichbedeutend mit Reichtum, Macht oder Ruhm, j Er mag das eine oder das andere oder selbst alle in sich j schliessen; wer aber eines oder alle sich zum ausschliess- ( liehen Zweck setzt, wird krank am Herzen sein, wenn das Lebensende naht. Missverstehen Sie mich nicht, als wenn ich Ihnen ein Evangelium der Armut, der Knechtschaft oder der Gleichgültigkeit predige. Im Gegenteil, ich schätze Reichtum, Macht und Ruhm sehr hoch als Schmuck und Nützlichkeiten des Lebens. Sie sind Hilfstruppen für den Erfolg, dürfen aber mit ihm nicht verwechselt werden. Eine der schlimmsten Krankheiten, welche die Menschheit durchseucht, ist das Bestreben, Reichtümer zu sammeln, als, alleiniges Ziel aller Mühe und Arbeit. Schon in ältester Zeit haben die Weisen die Torheit, das Unglück und die Sündhaftigkeit dieser Neigung gegeisselt. Einstimmig sind alle Weisen in ihrem Urteil, und dennoch sehen wir Männer und Frauen, Gen^alion nach Generation in offenbarer Torheit jeden Preis für alleinigen Reichtum zahlen. Gesundheit, Friede, Zufriedenheit, häusliches Glück, Ansehen und selbst die Ehre, alles wird in die Wage geworfen, um das für den , Reichtum nötige Gegengewicht zu bilden, den Reichtum, der, wenn erlangt, wahrlich nicht zurückkaufen kann, was für ihn geopfert wurde. Wenn Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel seine Kraft erschöpft, seine Gesundheit untergraben und sich jede Erholung versagt hätte, um sich mehr Wohnungen zu bauen als er bedurfte, so würde dies jeder als Torheit bezeichnen; wie wenige indessen erkennen, dass über einen gewissen Punkt hinaus Reichtümer für den fleissigen Menschen genau so nutzlos sind, wie die überflüssigen Wohnräume für den berühmten Verschlagenen gewesen wären. Reichtum ist wünschenswert als ein Mittel, ihn indessen zum Ziel des Lebens zu machen, ist die höchste Torheit. Ein starker Arm ist auch wünschenswert, ihn indessen durch Tränieren abnorm stark zu machen, bedeutet Zeit- und Kraftverschwendung unter Verminderung der übrigen Kräfte. Viele sehen dies sehr wohl ein, aber sie täuschen sich und suchen andere zu täuschen durch die Bemerkung, dass sie den Reichtum als Sprungbrett für höhere Dinge betrachten. Von diesen sind die meisten Macht und Ruhm, jene Zwillingsnichtigkeiten welche die Menschen abirren lassen von den Pfaden der Tugend und der Glückseligkeit. Die Macht drückf schwer genug den. der sich ihrer durch seine Tüchtigkeit bemächtigt hat, sie überwältigt den, welcher hochmütig sie sucht. Ein weiser König sagte einst: .Wer das Gewicht eines Szepters kennt, wird sich nicht bücken, es aufzunehmen, selbst wenn er es auf dem Boden liegen lindet"; und weshalb soll der Mensch den Ruhm suchen, wo doch die Geschichte so klar lehrt, dass der wahre Ruhm diejenigen flieht die ihm nachjagen und denen zufliegt, deren Tun ihre Quelle nur im Pflichtgefühl findet? Ich halte es für wahr, dass derjenige, welcher die gute Meinung seiner Mitmenschen verdient, sie auch wünscht. Im Lob erkennt er die Anerkennung seines Wirkens durch die, welche von ihm beeinflusst sind. Aber ein solcher Mann richtet seinen Kurs nicht darauf, die Volksgunst zu erhaschen. Er hält sich auch nicht für gross, dass er eine eintägige Berühmtheit oder ein öffentliches Amt erlangt. Er verlässt nicht die Friedenspfade und die Freuden seines Heims nur dann, wenn die Pflicht ihn ruft. Nur durch Erfassung der wahren Mission des Lebens, indem man sich mit aller Energie ihrer Erfüllung widmet und ihr' alle niedrigen Dinge unterordnet, ist Glück erreichbar, und Glück ist Erfolg. Die wahre Mission des Weibes ist; Galtin und Mutter zu werden, die des Mannes Gatte und Vater. In diesem Satze sind alle die Rechte und Pflichten der beiden Geschlechter enthalten und der Schlüssel zum menschlichen Glück. Er ist das Gesetz det lebendigen Natur, die Richtschnur der Philosophie, der Befehl der Reügion. Die Erhebung der Frau aus der schimpflichen Stellung, zu welcher sie in älteren und düsteren Zeiten verurteilt war, ihre Einführung in die Gebiete der Wissenschaft, in Literatur und Kunst, ihre Tätigkeit in der Industrie haben sie nicht ihrer Verpflichtungen enthoben oder sie ihrer Vorrechte beraubt, welche sie heiligen und krönen. Die Frau wird nicht länger als Sklavin des Mannes, als sein Spielzeug oder Gottheit betrachtet. Die Zivilisation der Neuzeit hat ihre Fesseln gesprjengt. Aber ihre Emanzipation darf nicht missverstanden oder \falsch angewandt werden. Sie beleidigt ihre eigene WürdeX durch jede Nachahmung der besonderen Gewohnheiten und des Benehmens des Mannes, denn dadurch erkennt sie seine Ueberlegenheit an, gegen welche sie so eifrig protestiert. In der höchsten Entfaltung ihrer eigenen Fähigkeiten, in den natürlichen Grenzen liegt ihre Mission zür Ehre, zur Nützlichkeit und zum Glück. Obgleich ihre wachsende Geistes- und Körperstärke ihr neue Pfade eröffnet, trotz des Glanzes der gelehrten Wissenschaften, trotz des Lorbeerpreises auf dem Gebiete der Schriftstellerei, der Malerei und Skulptur bleibt sie doch ein Weib, gleich ver-

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