Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 6 - Mai
- Date
- 1908-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4864325-6028974-6074172--1285-4865424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 70 — damit nicht der Mangel an guter Gesellschaft sie der schlechten in die Arme treibe. Ein Verein, wie Br. E. F. ihn ihm Aage hat, der um zehn oder elf die Türen schliesst, erfüllt nicht die Hauptaufgabe der Jngendvereine. Bei guten Zeitungen, billigen Erfrischungen, Schachspiel mögeu die Mitglieder solange, dort bleiben, dass der Abend nicht „angebrochen", sondern ausgefüllt ist. t ' Aber auch der Einfluss der Vorträge auf das sittliche Leben der jungen Leute darf nicht ausser Betracht bleiben. Trauriger noch als die Lebensführung mancher jungen Männer ist es, dass ausser Geschäft und fragwürdigen Zerstreuungeft. nichts ihr ernsthaftes Interesse findet. Lenkt dieses Interesse auf geistige, religiöse und künstlerische Ideale: und Ihr werdet verhindern, dass in dem Sumpfe der Unsittlichkeit auch der Geist der jungen Leute seine Reinheit und Frische verliert. Gleichzeitig mit dem Aufsätze des Br. E. F. erhielt ich eine Widerlegung — eindringlicher als diese Entgegnung, nur zu umfangreich zum Abdruck an dieser Stelle. Es war der Jahresbericht des Frankfurter Vereins „Montefiore". Von den Bedenken unsers lieben Bruders wussten seine Verfasser nichts. Sie erzählten nur. dass der Verein, der vor etwa 10 Jahren mit 700 Mitgliedern gegründet wurde, jetzt deren 1200 hat. wiewohl jedes Jahr etwa 10—15 pCt., fast durchweg infolge Wegzugs ausscheiden! Die Vortragsliste weist Redner auf, die von hiesigen jüdischen und nichtjüdischen Vereinen sehr begehrt sind. Tarnen, Stenograhie, fremde Sprachen werden in Kursen gelehrt, und — last not least —"Freitag Abend wird in gemütlichem Beisammensein begangen. Chanuka- und Purimfeier waren stark besucht, ein gemeinsamer Sederabend ist — diesmal zum ersten Male — geplant. Was hier möglich ist, muss — iq gleichem oder kleinerem Umfange — auch anderwärts ausführbar sein. Und eine Kritik, die die l I, -f - |'t; . Möglichkeiten des Erfolges zu gering einschätzt, kann, wenn sie auch noch so gut gemeint ist, zu einer Lähmung der Arbeitsfreude führen, die gerade im Hinblick auf das alljährliche Ausscheiden zahlreicher Mitglieder notwendig ist. In erster Linie wird die Arbeit den jungen Leuten selbst zufallen; uüd ich glaube, dass hier wie überall die Selbsthilfe vor der Förderung durch andere den Vorzug verdient. Sache der Chefs, die für die geistige und sittliche Weiterbildung ihrer Angestellten ein Herz haben, wiid es sein, durch Beitritt als ordentjliche Mitglieder finanziell die Vereine zu fördere und neu eintretende junge Leute auf deren Leistungen aufmerksam zu maehen. Mögen sie ausserdem den Ange. stellten dann und wann ihr Haus öffnen — nur wenn sie es ihnen auch erleichtern, sich selbst ein Heim zu schaffen, können sie gewiss sein, .für unsere Jugend etwas getan zu haben." Eine beachtenswerte Anregung. Br. Nathan Marx hat,, wie uns die w. Friedrich-Loge in Heidelberg mitteilt, in einer der letzten Sitzungen die Anregung gegeben, es mögen durch die Monatsberichte oder sonstwie die Brüder, die Söhne in Universitätsstädte, wo Logen bestehen, schicken, veranlasst werden, dies den betreffenden Logen mitzuteilen, .damit dieser Nachwuchs zu unseren Veranstaltungen herangezogen werden kann. Wir bringen diese Anregung zur Kenntnis der lieben Brüder und wünschen, dass dieselbe in Logenkreisen die verdiente Beachtung finden möge, weil dadurch die Söhne unserer Brüder in vielfacher Beziehung gefördert werden könnten. Der junge Student, der das Elternhaus verlässt, um seinen Wissensdurst zu stillen, seine Kenntnisse zu mehren und sich für den von ihm gewählten Beruf vorzubereiten» steht gar oft in der Stadt, in de/ er seine Studienzeit zu bringen muss, fremd und verlassen da. Die Alma mater sorgt wohl für seine geistige Nahrung, aber der junge Mensch kann nicht immer arbeiten und bei den Büchern sitzen, er sehnt sich auch nach Erholung, Zerstreuung und Geselligkeit. Wohl sind in manchen Universitätsstädten jüdische Verbindungen und andere Studentenvereine, die noch nicht von der judenfeindlichen Strömung durchsetzt sind, in denen auch der jüdische Student liebevolle Aufnahme findet, und in denen er mit gleichgesinnten, mit gleichstrebenden Altersgenossen sich verbinden kann, um Freundschaft zu pflegen und die harmlosen Freuden der wonnevollen Jugendzeit zu geniessen. Allein es gibt viele Universitäten, die solche vorurteilslosen Vereine nicht be- . * sitzen, wo der jüdische Student seines Glaubens und seiner Abstammung willen gemieden wird und dadurch die Bitternis der Fremde gar schmerzlich empfindet. Da wäre ein Anschluss an die dort bestehende- Loge für den jungen Musensohn wahrlich eine Wohltat. Aber selbst dort, wo der jüdische Student Gelegenheit hat, sich einer jüdischen oder nichtjüdischen Verbindung anzuschließen, dürfte es ihm wohltun, in einer vornehmen Vereinigung wie die, Loge verkehren zu dürfen. Die geselligen oder sonstigen Veranstaltungen, zu denen er herangezogen wird, unterbrechen die Eintönigkeit seines Lebens, bringen ihm Abwechslung und Erholung. Auch lernt er bei solcher Gelegenheit passende Familien kennen, die ihm Liebe und Gastfreundschaft gewähren können. Ein solcher Familienanschluss kann, wie in diesen Blättern (No- 3 Seite 27 und folgende) ausgeführt worden ist, auf jnnge Leute, und somit auch auf den jungen Studenten nur veredelnd und fördernd wirken. Denn abgesehen davon, dass er durch Pflege edler Geselligkeit davor bewahrt wird, Zerstreuungen nicht ganz einwandsfreier Natur zu suchen, lernt er „im Buche des Lebens" manches, von dem er in seinen Studienbüchern und in seinen Vorlesungen nichts erfährt, nämlich den Umgang und den Verkehr mit Menschen, eine Disziplin, die gar nicht zu unterschätzen und für die Entwicklung eines jungen Menschen von grosser Bedeutung ist. Aber auch für die Logen könnte die Anregung des Br. Marx von Nutzen sein. Haben tlie jungen Leute einmal unsere Freundschaft genossen, haben sie durch ihren engeren Verkehr mit uns unser Streben und Arbeiten kennen gelernt, so dürften sie sicherlich später, wenn sie zu selbstständiger Stellung, zu Amt und Würden gelangt sind, sich unseren Reihen anschliessen. Halten wir die Anregung des Br. Marx nach dem bisher Ausgeführten für empfehlenswert, so möchten wir diese nicht auf die Söhne der Brüder allein beschränkt wissen, die i. .* ' \