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Bericht der Großloge für Deutschland · 1908-05-01 · Nr. 6 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1908
Issue
Nr. 6 - Mai
Date
1908-05-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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— 68 — und die Prostitution''. "Welch gewaltigen Eindruck gerade diese Vorlesung auf die jungen Musensühne gemacht hat, „ haben mir nach Jahren Augenand Ohrenzengen geschildert. Mit seinem lichtrollen Ausrahrungen hat Ziegler das Gewissen der Studenten geschärft und die guten Elemente unter ihnen zur Organisation gegen die Unsittlichkeit aufgerufen. Vielleicht gab die Behandlung .dieses Themas an einer deutschen Universität die Anregung zur Gründung der Sittlichkeitsvereine, die keineswegs zu unterschätzen sind. Ob die strenge Enthaltsamkeit den jungen Leuten vom hygienischen Standpunkt zu empfehlen sei, kann ich als Laie nicht beurteilen." Dartiber könnten erfahrene Aerzte, die wir in unserm Kreise in stattlicher Zahl besitzen, uns des näheren belehren. Ziegler allerdings verweist in der genannten Vorlesung seine jungen Zuhörer auf das Kantische Wort: .Du kannst, denn du sollst". Jedenfalls, das wird jedermann zugeben, müssten die jungen Leute vor Ausschweifungen gewarnt werden, und die Unsitte mit Dämchen zweifelhaften Rufes sich in öffentlichen Lokalen zu zeigen, oder gar mit der Zahl der „Verhältnisse" vor Freunden zu protzen, müsste aus besseren Kreisen schwinden. Dafür soll der Jünglingsverein seinen Mitgliedern Ersatz bieten in edler Geselligkeit, durch musikalische und deklamamatorischeDarbietungen, durch Spiel- und Unterhaitungsabeude. Mehrmals im Jahre müssten Tanzvergnügen und gemeinsame Ausflüge veranstaltet werden, zu denen junge Damen aus den Bekanntenkreisen der Mitglieder sowie aus denen der Gönnerschaft des Vereins Einladungerperhalten. Die jungen Leute sollen Bekanntschaften mit Damen machen, aber mit guten und wohlerzogenen. Vielleicht wird bei solchen Veranstaltungen der wunderwirkende Amor seine Kraft ausüben und das eine oder das andere Paar in die Arme seines Kollegen I Hymen fahren. Es durfte so mancher über mich lächern und sagen, der Schreiber dieses wolle die Jünglings vereine zu einer Art von Heiratsvermittlungsbareaus machen. Aber das schadet nichts, wenn nur der gute Zweck erreicht wird. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele jüdische junge Leute Hagestolze bleiben ans Mangel an passender Damenbekanntschaft, und dass andere wiederum die Ehe meiden, weil sie die allzu grossen Ansprüche der jüdischen Töchter befürchten. Und nicht mit Unrecht. Unsere jüdischen Mädchen sind leider in den meisten Fällen so erzogen, dass sie glauben, ihre Mission als verheiratete Frau bestehe nur darin, sich von dem schwerarbeitenden Manne in die Theater, Cafes oder zu sonstigen Vergnügungen gefuhrt zu werden. Werden aber unsere jungen Leute auch Gelegenheit haben, schlichte Bürgermädchen kennen zu lernen, die eine höhere Auffassung von der Würde der Frau besitzen, die den Ernst des Lebens kennen und wissen, dass die Frau nicht blos dazu da ist. das Leben zu gemessen, sondern auch die Lasten des Lebens zu tragen, dass sie nicht dazu verheiratet wird, um das vom Manne mühsam Erworbene zu verprassen, sondern es zu mehren durch Sparsamkeit, Ordnungsliebe und Einfachheit, dann werden unsere jungen Leute auf ihren Junggesellenstand mit Freuden verzichten. Dadurch dürfte vielleicht die Zahl der M i s c h e h e n zurückgehen und die der jüdischen Geburten steigen, was wir zu unserm Fortbestande sehnlichst herbeiwünschen müssen. Auch im alten Israel, so erzählt uns eine talmudische Notiz, pflegten zweimal des Jahres die Jünglinge und die Jungfrauen Feste mit Spiel und Reigentanz zu feiern, die zur Schliessung von Ehen führten. Diese Art, wie sich damals Gatte und Gattin fanden, ist immerhin edler und ästhetischer als die auf dem nicht gauz ungewöhnlichen Wege des Inserats oder durch den Heiratsvermittler. Die Familie ist und bleibt die Grundlage eines Staates und die einer Gesamtheit. Insbesondere hat uns Juden die Familie mit ihren anerkannten und sprichwörtlich gewordenen Tugenden die unschätzbarsten Dienste geleistet. Aus dem Grunde müssen wir auf recht viele Familiengründungen bedacht sein. Freilich wird es nüti» sein, den jungen Leuten ab und zu einen Vortrag über Bescheidenheit halten zu lassen, das z. B. zur Gründung einer Familie nicht bald eine grosse Wohnung in einem vornehmen Viertel einer Grossstadt gehöre, dass vielmehr „Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar". Ein Erlebnis wird mir unvergesslich bleiben, das die Unbescheidenheit unserer Söhne und Töchter in Bezug auf Familiengründungen so recht deutlich illustriert. Ich habe während meiner Studienzeit in einer grösseren Stadt ein junges Paar bald nach seiner Hochzeit besucht. Dasselbe zeigte mir die stattlich eingerichtete Wohnung, in der auch iu der Vorahnung des Kommenden eiu grosses Kinderzimmer nicht fehlt«. Nach fünf Jahren kam icli wieder in diese Stadt und wurde von dieser Familie zu einem Besuche aufgefordert.. Ich kam der Aufforderung nach, und als ich in der Wohnung war, fragte ich bei der Unterhaltung spasseshalber: „Reicht noch das grosse Kinderzimmer aus':"4 Der Hausherr führte mich in dieses Zimmer, und siehe da, der Storch hat sich im Laufe der Jahre nicht erbitten lassen, auch ein einziges Kind in das geräumige Kinderzimmer za bringen. Später erfahr ich, dass dieses Pärchen auch sonst über die Verhältnisse gelebt hat, in Konkurs geraten ist, und dass der Mann später einen sehr unbedeutenden Posten eines Reisenden annehmen musste. Hätten diese Eheleute klein begonnen, uud bescheiden sich eingerichtet, — zu einer grossen Wohnung gehört bekanntlich auch mehr Personal —, sie ständen jetzt vielleicht gross da. Audi die Bescheidenheit wäre somit ein Thema, das in solchen Jüngliogsvereinen des öfteren besprochen werden könnte. Vielleicht würde dadurch die Scheu vor dem Heiraten bei vielen jungen Leuten schwinden. Ob in solchen Vereinen auch Kurse für Sprachen, Stenographie, Buchführung und dgl. m. einzurichten wären, darüber könnte die Leitung je nach den örtlichen Verhältnissen entscheiden. Ich für mein Teil bin nicht für die völlige Absonderung. Wo wir mit unseren Mitbürgern friedlich zusammengehen und zusammenarbeiten können, sollen wir es auch tun. Ich will nun das bisher Ausgeführte zusammenfassen. Für unsere jungen Leute ist in erster Linie ein passender Familienverkehr notwendig. Durch denselben werden«sie sich veranlasst sehen, auf ihr sittliches Verhalten, auf die Mehrung

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