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Bericht der Großloge für Deutschland · 1908-05-01 · Nr. 6 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1908
Issue
Nr. 6 - Mai
Date
1908-05-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— 67 - lernen and in der Lage sein, selbst Vergleiche zwischen Matter and Tochter zu ziehen. Sie werden finden — was den Eingeweihten and Kundigen langst bekannt ist —, dass die erhabenen Lehren and ethischen Grandsätze, die von den Christen als unvergleichlich im Christentum hingestellt werden, dem Judentum entlehnt sind, dass somit die Mutter von der Tochter nicht überstrahlt und in den Schatten gestellt wird. Auf die ägyptische Finsternis, lesen wir in der Bibel, folgte ein Sterben der Kinder Auch unsere Kinder gehen für uns verloren, weil sie in Finsternis wandeln and das wohltuende Licht ihrer Religion zu sehen keine Gelegenheit haben. Werden aber die Strahlen dieses Lichtes unsere Jünglinge in Jünglingsvereinen erwärmen und erleuchten, so werden sie sicherlich dem angestammten Glauben treu bleiben wie unsere Ahnen. Und somit haben wir wieder eine Materie berührt, die für Jugendvorträge sehr geeignet wäre: das unvergleichliche Martyrium der Juden. Unsere Jünglinge sollen ans der Leidenszeit Israels erfahren, dass unsere Väter schwerer zu kämpfen hatten als wir und dennoch bei ihrem Volke und ihrem Gotte treu ausharrten. Tmmer und immer wieder müssen die Worte Leopold Zunzens, des Altmeisters und Begründers der jüdischen Wissenschaft, den jungen Leuten ins Gedächtnis gerufen werden: „Wenn es eine Stufenleiter der Leiden gibt, Iso hat Israel die höchste Staffel erklommen und wenn die Geduld, mit der Schmerzen getragen werden, adelt, so können wir Juden es mit den Hochgeborenen unter, allen Völkern aufnehmen." Die jungen Leute sollen aber in den Jünglingsvereinen nicht nur mit jüdischem Bewusstsein erfüllt, sondern auch zur sittlichen Reinheit erzogen nnd angehalten werden. Gipfelt ja doch die Ethik des Judentums in der Forderung: „Heilig sollt Ihr werden." Die sittliche Reinheit und Keuschheit war es ja auch, die unsere Glaubensgemeinschaft trotz Druckes uud Verfolgung erhalten haben, während andere Völker, unter günstigeren Verhältnissen lebend, vom Erdboden geschwunden sind. Wollen wir unseren Bestand für die Zukunft sichern, müssen wir unsere Söhne an Keuschheit und Sittenreinheit gewöhnen. Die laxe Moral, die früher fast nur in nichtjüdischen Kreisen anzutreffen war, hat leider auch bei uns Platz gegriffen. Auch der jüdische junge Mann glaubt jetzt sein „Verhältnis" haben zu müssen, um sich .ausleben" zu können. Aber durch dieses Sichaasleben lebt er sich tatsächlich aas und geht zu Grande. Es wäre daher eine schöne Aufgabe jüdischer Jünglingsvereine, auch nach dieser Richtung eine segensreiche Tätigkeit zu entfalten und durch Vorträge über sexuelle Fragen auf den sittlichen Halt seiner Mitglieder zu wirken. Die Besprechung solcher Themata wünsche ich nicht etwa, weil die Aufklärung über sexuelle Fragen jetzt zu den modernsten Forderangen gehört; sondern, weil wir dieser Aufklärung bereits in dem Buche der Bücher begegnen. Neben den erhabenen prophetischen Reden, die noch jetzt uns durch ihren Schwung begeistern, finden sich in den didaktischein Büchern Stellen, die ohne jede Prüderie sexuelle Fragen behandeln. Wie aber die Propheten, so haben auch die Verfasser dieser Schriften nichts anderes im Auge, als das Volk zur höchsten Stufe der sittlichen Reinheit f. und Veredelung zu führen. Darum hält es z. B. der Spruchdichter für angemessen, die Jugend vor den buhlerischen Künsten eines verwerflichen Weibes zu warnen (Spr. Sal.. Kap. 7). Die Art, wie er das tut, die lebhafte Schilderung der Buhlerin, die bald aaf den Strassen, bald auf den Plätzen, an jeder Ecke auf einen unbesonnenen Jüngling lauert, den sie durch ihr eifriges Zureden verführt, und der ihr dann betört folgt, wie ein Vogel zur Schlinge eilt und nicht weiss, dass es sein Leben gilt, könnten sicherlich noch jetzt in einem Jünglingsvereine Eindruck machen. Und vollends die Mahnung: „Nun denn, Ihr Jünglinge, höret mich an und horcht aaf die Reden meines Mundes. Euer Herz weiche nicht auf ihre Wege und verirre sich nicht auf ihre Pfade. Denn viele sind derer, die sie zu Tode gefällt hat und ihre Opfer sind zahlreich. Ihr Hans liegt am Wege nach der Unterwelt, das führt zu den Kammern des Todes." Nicht minder deutlich spricht sich der Verfasser des-Kohelet-Buches über die Folgen der Sinneslust aus. Er, der die Jugend ermahnt, die Jugend zu geniessen, ihr gleichsam das „carpe diem" empfiehlt (Kohelet-11, 9). belehrt sie bald darauf (Kap. 12) in einem drastischen Bilde, dass man mit dem Verbrauch der Kräfte haushälterisch umgehen müsse, da man sonst vorzeitig alt wird, und die körperlichen Organe den Dienst versagen, wenn man sich dem unmässigen Genüsse -und der Ausschweifung hingibt. Nach dem Beispiel unserer alten, aber ewig jungen Bibel möchte ich daher wünschen, dass in den Jugendvereinen neben Vorträgen über die höchsten Wahrheiten des Judentums, die neusten Erscheinungen der Literaturen und die neusten Errungenschaften der Kultur auch solche über die Gefahren des geschlechtlichen Sinnesgenusses gehalten würden. Allerdings bin ich nicht so naiv zu glauben, dass die Unzucht durch Vorträge allein gebannt, werden könnte. Die sozialen Verhältnisse — das ist ein offenes Geheimnis —, die unseren jungen Leuten in vielen Fällen es nicht gestatten, frühzeitig eine Frau heimzuführen, sind zum grossen Teil daran schuld, dass die Prostitution im Schwange ist. Wenn aber auch die überhandnehmende Unsittlichkeit durch Vorträge nicht ganz auszurotten ist, so könnte sie doch wenigstens einigermassen eingedämmt werden. Ein guter Vortrag eines Arztes, der auf Grund persönlicher Erfahrungen und wissenschaftlicher Daten den jugendlichen Zuhörern die Gefahren der Ausschweifung schildern und erzählen würde, wie viel Lebenskraft zerstört, wie viel Lebensmut gebrochen wird, and der vielleicht in Lichtbildern ihnen die Verheerungen vorführen würde, die die Unzucht nicht nur bei dem ausschweifenden Jüngling allein, sondern auch bei ganzen Familien, anrichtet, dass da das Wort der Schrift , zur Wahrheit wird, die Sande der Väter rächt sich an Kindern und Kindeskindern bis zum dritten und vierten Geschlecht, ein solcher Vortrag dürfte sicherlich nicht ohne Wirkung bleiben, und so manchen jungen Menschen vom Laster abhalten. Theobald Ziegler, der Strassborger Philosoph, der unsere Literatur mit manchen Schätzen seines vielseitigen and tiefen Wissens bereichert hat, hielt vor einigen Jahren an der Strassburger Universität Vorlesungen über den „Deutschen Studenten". Eine dieser Vorlesungen betitelte sich: „Die akademische Ehre

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