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Bericht der Großloge für Deutschland · 1908-05-01 · Nr. 6 - Mai · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1908
Issue
Nr. 6 - Mai
Date
1908-05-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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- 66 — Ich bin keineswegs ein Gegner dieser Jünglingsvereine; wie ich bereits in meinem früheren Aufsätze betont habe, weiss ich ihren Wert wohl zu schätzen und verspreche mir von gut geleiteten Vereinen viel Erspriessliches für unsere Jugend. Nur müssten sie «in wenig umgestaltet werden. Solche Vereine sollen wohl jüdisch sein, dürften aber nach meinem Dafürhalten keinen religiösen Charakter tragen, wenn sie das Giros der jungen Leute gewinnen wollen. Der junge Mann ist in den Entwickelungsjahren nichts weniger als religiös gestimmt. In der strotzenden Kraftfülle stehend, glaubt er der Religion entraten zu können; er wähnt sich stark genug, ohne die Hüte einer höheren Gewalt das Jahrhundert in die Schranken fordern zu können. In seinem jugendlichen Freiheitsdrange erscheintihm die Religion als eine beengende Fessel und darum ist er in dieser Entwickelungszeit religiösen Gesprächen und religiösen Themen nicht besonders zugänglich. Mit dem Fortschreiten des Alters und der Reife denkt ja bekanntlich der Mensch anders: in den Jugendjahren aber empfindet er religiöse Vorträge furchtbar fad und langweilig. Aus dem Grunde sollte ein gut geleiteter Jugend verein das religiöse Moment nach Möglichkeit in den Hintergrund rücken: dadurch wird er recht viele junge Leute als Mitglieder heranziehen können. Auch die Vorträge in solchen Vereinen müssten sowohl in Bezug auf die Art als auch in Bezug auf die Auswahl anders gestaltet sein. . Man pflegt gewöhnlich den einen oder den anderen Redner von Namen für einen Jugendvortrag zu gewinnen und glaubt damit etwas Grosses getan zu haben. Aber der Wert solcher Vorträge ist gar oft recht fraglich. Denn einmal sind nicht alle Jugendvorträge auch für die Jugend berechnet; nicht jeder Redner denkt an die Jugend, er hält eben einen Vortrag, den er auf Lager hat und mit dem er eine Kunstreise machen kann. Zum zweiten sind Vorträge, bei denen die jungen Leute nur passiv zuhören, nichts anderes als Ohrenschmaus. Die jugendlichen Zuhörer haben eine angenehme halbe Stunde verbracht und sonst nichts. Ganz anders und nachhaltiger durfte die Wirkung sein, wein von den IMitgliedern der Vereine selbst Voi träge mit anschliessender Diskussion gehalten würden. Und das uäre sehr leicht za bewerkstelligen. In jedem Jugendvereine müsste ein geistiges Komitee eingesetzt werden, bestehend aus aktiven Mitgliedern des Vereins, d. h. aus jungen Leuten und aus Gönnern des Vereins, aus älteren gebildeten Herren, die gleichsam die Beiräte wären. Dieses geistige Komitee hätte die Aufgabe, am Anfange der Saison den befähigten Mitgliedern Themata zu Referaten vorzuschlagen und ihnen die nötige Literatur anzugeben. Solche Referate würden sicherlich die nötige Zugkraft haben, denn die jungen Leute werden schon aus Neugierde» in den Verein kommen, um zu hören, wie der eine oder der andere ihrer Altersgenossen die ihm gestellte Aufgabe gelöst hat. Dadurch, dass die Themata und die Literatur allen Vereinsmitgliedern bekannt gemacht werden, dürfte dieser oder jener sich angeregt fühlen, über diese Themata nachzulesen oder nachzudenken, um dann an der Diskussion sich beteiligen zu können. Die Diskussion müsste einen sehr grossen Spielraum haben. Sie soll jedem, der in sich den Drang fühlt, Gelegenheit bieten za Worte zu kommen. Freilich soll jedem Vereine nach wie vor unbenommen bleiben, sich zwei oder drei Glanzredner in der Saison kommen zu lassen, um durch gediegene Vorträge die jungen Leute hinzureissen und zu begeistern. Dies soll aber nicht die Hauptaufgabe des Vereins sein; mehr Wert und Gewicht muss er auf die von den Mitgliedern gehaltenen Referate legen und auf die an diese sich anschliessenden Diskussionen. Dadurch würden unsere jungen Leute sich einen grossen Schatz von Wissen auf -jüdischem Gebiete aneignen und sich zu Rednern heranbilden, die gegebenenfalls in der Lage wären, das Judentum zu verteidigen. Was die Auswahl der Themata anlangt, so wird ein jüdisch'!' Verein in erster Linie jüdische Stoffe zu Referaten wählen. Um aber die Einseitigkeit und Eintönigkeit zu vermeiden, würde es sich empfehlen, über Themata aus dem Gebiete des allgemeinen Wissens sprechen zu lassen. Eine geschickte Leitung wird es sicherlich verstehen, auch bei solchen Vorträgen in der Debatte irgend w elche Beziehungen zoin Judentum herauszufinden. ■ Spricht z. B. ein Redner über Wagner'sche Musik, so könnte in der Aussprache hervorgehoben werden, bei welchen Musikern jüdischer Abstammung Wagner zur Schule ging, und wie jüdische Künstler als Musikdirigenten oder Säuger Interpreten Wagnerscher Musik waren. Dadurch wird das judenfeindliche Urteil Wagners über das jüdische Musik Verständnis auf das beste bekämpft und zurückgewiesen. Wenn oben bemerkt wurde, dass jüdische Jünglingsvereine den religiösen Charakter nicht besonders hervorkehren sollen, um auch solche Elemente zu gewinnen, die nicht religiös veranlagt sind, so wollte ich damit nur sagen, dass ein Verein, der der Allgemeinheit dienen w ill, sich auf Bibel-, Talmud- und Raschivorträge nicht beschränken darf, und dass es ferner nicht ratsam w äre, in einem Vereine, in dem junge Leute verschiedener religiöser Anschauungen und Richtungen zusammenarbeiten sollen, Referate über spezifisch religiöse Themata halten zu lassen. Vorträge oder Referate über Gebetbuchreform, Zeremonialgesetz etc. könnten leicht die Gemüter erregen; in der Debatte würden die Geister aufeinanderplatzen und so einen Misston in die Verhandlungen bringen und den Bestand des Vereins bedrohen. Dagegen sind Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Religionswissenschaft aufs wärmste zu empfehlen. Unsere Jünglinge hören und lesen in öffentlichen Blättern die Urteile eines Wellhausen, Delitzsch, Harnack, Bousset u. a. m.; sie erfahren von den Angriffen auf das Judentum, aber nicht davon, wie man diese Angriffe wissenschaftlieh zurückweisen kann. Denn von den Schriften jüdischer Gelehrter nehmen die Zeitungen nur in sehr geringem Masse Notiz; aus dem Grunde wäre es die Aufgabe jüdischer Jünglingsvereine, Referate über das Wesen und die Ethik des Judentums halten zu lassen, und die Gedanken, die in den Werken jüdischer Forscher niedergelegt sind, den Mitgliedern zu eigen zu machen. Schriften wie die von Bäck, Elbogen, Eschelbacher, Güdemann, Schreiner, kurz, Schriften apologetischen Inhaltes müssten in solchen Vereinen unter kundiger Leitung gelesen und eingehend besprochen werden. Daraus werden die jungen Leute das Judentum und das Christentum kennen

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