Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 5 - April
- Date
- 1908-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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der wohl vorwiegend orthodox genannt, werden darf, in seinen Satzungen vor, dass religiöse und politische Parteifragen nicht erörtert werden dürfen. Auch dieser Verein ist vor 8 Jahren auf die Initiative der dortigen Loge gegründet worden, die sich dem Verein gegenüber auf eine beratende und helfende Stellung beschränkt, ohne in seine Selbständigkeit einzugreifen. Das Vorhandensein und die Wirksamkeit der bereits bestehenden, zumeist erfolgreich arbeitenden jüdischen Jugendvereine sind der beste Beweis und das beste Argument für die Existenzfähigkeit deraitiger Vereinigungen. Aber gerade die Schwierigkeiten, denen viele Jugendvereine begegneten, zeigen, dass erst nach Durchführung des vorliegenden Antrags in die überaus wichtige und weittragende Frage System hineinkommen würde, erst dann kann an der Hand einer umfassenden zielbewussten Organisation die Bewegung in die rechten Bahnen1 gelenkt und ihre Entwickelung, Fortführung und Ausgestaltung in die rechten Wege geleitet werden. Der vorwärts strebenden Jugend wird jetzt auf allen Seiten die grösste Aufmerksamkeit zugewandt. Politische Parteien sind emsig bemüht, sich für ihre Parteizwecke der Jugend zu versichern ünd sie hierfür schon früh zu organisieren. Um wieviel mehr sollten wir daran denken, für unsere jüdisch-ethischen Zwecke,auf die .Tugend Einfluss zu nehmen. Jmposant sind die Erfolge, die auf christlicher Seite mit christlich-konfessionellen Jugendorganisationen erzielt werden. Ueber das umfassende Netz christlicher Vereinigungen nur einen Hinweis. Dem Jahrbuch des chiistlichen ostdeutschen Jugendbundes ist zu entnehmen, dass dieser evangelische Jugendverband über 2000 Einzelvereine mit 110000 Mitgliedern zählt in 80 eigenen Vereinsgebäuden. Ebenso gibt es über 1000 allein katholische Jünglingsvereine mit 85000 Mitgliedern. Die einzelnen katholischen Jünglingsvereine zählen 80 bis 100, die evangelischen 50 bis 60 Mitglieder. Den Rückhalt der christlichen Jugendvereinigungen bilden kirchlich-religiöse Instanzen, Pastoren, geistliche Herren, die sich um die Leitung bemühen. Unsere jüdischen Jugendvereine könnten einen um so besseren Rückhalt an unseren Logen finden, als das Logenwesen vor Einseitigkeit bewahren -und doch den treu jüdischen Standpunkt einhalten lässt. Die Logenorganisationen können leicht Redner, Berater, Führer stellen und den Jugendvereinen materiell und ideell eine gedeihliche Entwickelung*gewährleisten. An dem Prinzip müsste aber unbedingt festgehalten werden, dass die Jugendvereine selbständig zu arbeiten haben, beeinflusst und gefördert von den Logen. Je mehr wif uns für unsere idealen Ordenszwecke der Jugend zuwenden, desto mehr verjüngen wir uns selbst. Das Interesse der jüdischen Jugend am jüdischen Leben war immer sein geistiger Barometerstand,' denn wasnützen alle Mittel der Konservierung jüdischen Geistes, wenn wir nicht der Jugend für die Zukunft sicher sind. Unsere Väter und Grossväter kannten noch allenthalben die „Jeschibas" und „Talmud-Thora"-Schulen, in denen die jungen Leute, auch wenn sie nicht gerade Theologen werden wollten, auch die jungen Kaufleute, mit Feuereifer jüdisches Wissen in sich aufnahmen und Geist, Herz und Gemüt an biblischen und talmudischen Quellen labten. »' ■ '* ■ ' : , " ■ Welcher Zauber und welch' erhaltende Kraft lag in jener alipatnarehalischen Att, in der die Jugend mit dem Judentum zusammenwuchs, jene alten Schulen und jener alt jüdische Stil sind bis auf Ausnahmen hinweggefegt, aber sie sind nicht ersetzt, und unsere Jugend wächst fremd und kalt und unwissend dem Judentum« gegenüber auf. , Schaffen wir unserer Jugend einigen Ersatz in jüdischen Jugeudvereinen als Pflanzstätten jüdischen Geistes im Zusammenhange mit moderner Kultur. Es trfrV jetzt eine" Bewegung zutage, Moses Mendelssolin, dem Schöpfer und Interpreten des modernen Judentums ein Denkmal zu setzen. Unser Orden schafft vielleicht am wirksamsten und lebendigsten an einem solchen mit, wenn wir für die zu begründenden Jugendvereine den Namen Moses Mendelssohn empfehlen. Jedenfalls wäre die Förderung von jüdischen Jagendvereinen an sich schon ein würdiges Denkmal für Moses Mendelssohn. . / Verband der jüdischen Krankenpflegerinnen-Vereine. Am 8. März 1908-fand im Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde ein Delegiertentag des Verbandes der deutschen jüdischen Krankenpflegerinnen-Vereine statt, der eine grosse Anzahl von Teilnehmern und Teilnehmerinnen versammelte. Vertreten wären folgende Vereine, die sich mit der Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen befassen: Grossloge für Deutschland VIII L', 0. B..B. Berlin, ferner die Vereine Berlin. Beuthen O.-Schl., Breslau, Hamburg, Köln, Mannheim, Metz, München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt a.M. Ein erfreuliches Einverständnis wurde namentlich in bezug auf die gründliche Ausbildung der Schwestern erzielt, welche künftig mindestens eine 1jährige Lehrzeit zu absolvieren haben werden. Die staatliche Prüfung der Schwestern wurde als obligatorisch festgesetzt. Eine Anzahl von Bestimmungen zu gunsten der Schwestern und Schülerinnen wurde getroffen. Vom 1. Januar 1909 an erhalten die älteren Schülerinnen ein erhöhtes Taschengeld und die Schwestern ein Anfangsgehalt von 360 M, das mit den weiteren Dienstjahren steigt. Auch die Pensionsverhältuisse sollen eine Aufbesserung erfahren, doch soll diese Frage erst auf dem nächsten Verband&tage definitiv geregelt werden. Berlin wurde zum Verbandsvorort bestimmt, doch, sind Anfragen wegen Aufnahme; von Schülerinnen und dergl. nicht dahin, sondern an die einzelnen Vereinsvorstände zu richten. Die sehr eingehenden Debatten währten von 10—6 Uhr. Wir können dieses einmütige Bestreben, gebildete jüdische Mädchen und unabhängige Frauen in immer grösserer Zahl dem schönen Beruf der Krankenpflege zuzuführen, nur mit Genugtuung begrüssen, ebenso den Eifer, mit welchem die bestehenden Vereine den. grössten Wert sowohl auf eine vorzügliche Ausbildung, als auch auf eine geachtete und auskömmliche Stellung der jüdischen. Krankenpflegerinnen legen, wie dies in der Delegierten-Versammlung zum Ausdruck gebracht worden ist. Eine Fülle reichsten Segens strömt aus der Wirksamkeit der jüdischen Schwester, nicht nur auf die armen Mitglieder