Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 5 - April
- Date
- 1908-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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aufgenommen hatten, noch zur Zeit an ihre praktische Befähigung erinnert, waren durch diese natürlich in erster Reihe bei dieser neuen Entwicklung ihres Landes, ernteten ihre ganzen Vorteile, aber auch nicht ungeschmälert ihre Nachteile. Zu schnell in diese neue Phase der Entwickelung hineingewachsen und durch eine noch nicht dagewesene Technik immer weiter hineingebetzt in ein Leben voller Unrast, haben 'wir den allgemeinen Wohlstand wohl rergrössert und mit ihm die Genuasmöglichkeit, nicht aber die Genussfähigkeit für die wahren und hohen Werte des Lebens. 1 So steigern sich die Ansprüche an das Leben ins Ungemessene und der Kampf ums Dasein wird unter viel härteren Bedingungen ausgefbchten, gerade so wie seiner Zeit in Amerika. War es in den Vereinigten Staaten eine noch zu junge Kultur und infolgedessen noch eine gewisse Ursprünglicfikeit und Roheit der Sitten gewesen, welche Tempel der Ethik und Aesthetik notwendig machten, so ist diese Notwendigkeit bei uns gegeben durch Zeichen der Entartung, welche das Aufpfropfen der noch nicht dagewesenen Technik auf die alte Kultur hervorgebracht hat, und an welcher sich unsere Glaubensgenossen nicht am allerwenigsten beteiligen. - War im Mutterlande, das sich der höchsten politischen und religiösen Freiheiten zu erfreuen hatte, das da hatte, was sein Herz begehrte, unerschlossene, ungemessene und ungehobene Schätze, war im Mutterlande kein Ideal vorhanden gewesen, um das sich die Menschen scharen konnten, so ist es bei uns bereits zu den Akten gelegt als etwas Unmodernes, l überlebtes, für das man seine kostbare Zeit durchaus nicht übrig hat. Uebersättigt ist unsere Zeit und doch nicht reich; so reich an gleissendem Golde und doch so arm an Herz und Geist, und wie unsere Glaubensgenossen durch die Lebendigkeit ihres Geistes an der Spitze jeden Fortschritts stehen, so stehen sie auch in der ersten Reihe bezüglich derjenigen Eigentümlichkeiten uuseres Lebens, die keine Fortschritte mehr sind. Keine Verfolgung hat den Juden soviel moralischen Schaden gebracht als die jetzige Ueberkultur und ihre Entartung ihnen zu bringen droht. ■Einem Teile von uns und ganz besonders der Jugend aus den sogenannten besten Kreisen ist die Illusionsfähigkeit, die auch den Mann zu zieren vermag, gänzlich verloren gegangen in der Hetzjagd nach dem vermeintlichen Glück. Viele tragen den Stempel der Greisenhaftigkeit und Blasiertheit an sich und sind von des Gedankens Blässe oder dem Zweifel des l Übermenschen angekränkelt. „Ein hohnlächelnder Skeptizismus, dem Juden angeboren, in früheren Zeiten durch die eisernen Glaubensvorschriften des Talmuds mit Strenge zurückgehalten", macht selbst vor dem Höchsten nicht Halt und giesst die ätzende Lauge seines Spottes auch über das, was anderen als das Heiligste gilt. Die tragischen Konflikte wahrer Menschengiösse aus den Dichtungen unserer Meisterdichter sind den tragikomischen Gestalten nervöser Zerrüttung gewichen, nur geeignet, die Sensationslüsternheit eines in seinem Geschmacke entarteten Publikums zu kitzeln. Schiller hat in wunderbarem Wort und Sinn die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet wissen wollen; * . i . ginge es nach dem Geschmacke eines grossen Teils von unserem Publikum, so wäre sie eine unmoralische Anstalt. Lessing hat in seiner hamburgischen Dramaturgie als Gesetz hingestellt, dass die Fehler eines Helden der Tragödie, an welchen er im tragischen Konflikt zugrunde geht, nie solche Verirrungen sein dürfen, dass sie den Zuschauer nicht doch noch mit ihm versöhnen könnten. j Er hat die Juden in Nathan dem Weisen, Hebbel in den Makkabäern, Gutzkow im Uriel Akosta auf die Bühne gebracht. Schalom Asch aber, der osteuropäische Jude, dessen Talent nicht genug gerühmt werden kann, bringt seine Glaubensgenossen in der Gestalt von lasterhaften Kupplern und Dirnen auf die Bretter, die - die Welt bedeuten. Und nun vergleichen Sie diese Trauergestalten lichtschenen Gesindels mit der Herzensreinheit und Seelenschönheit der Gestalten, wie sie Berthold Auerbach-in seinen Schwärzwälder Dorfgeschichten der Welt geoffenbart hat. Man glaube aber nicht, dass ein Volk, welches die härteste Auslese unter den Völkern der Erde erfahren hat, das, allen blutigsten Verfolgungen trotzend. Kulturvölker hat kommen und gehen sehen und sie [alle überdauert hat, dass ein solches Volk so schnell der Degeneration einer Epoche von Ueberkultur verfällt. '. Noch gibt es unter uns schäumende Lebenskraft und eine blühende Idealität im Gegensatze zur welken Jugend. Jung-Israel, wie ich es nennen möchte, ist sogar nicht ohne poetische Kraft und hat selbst eine junge Kunst, die ans Herz greift und zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Aber ein Kind seiner nervösen, schnelllebigen Zeit ist es von einem Sturm und Drang, der zerstörend wirkt, von einem Sturm und Drang, der uns Jahrhunderte der Geschichte, Väter und Gräber, Erinnerungen und vieles andere vergessen machen und uns mit kühnem Saltomortale von der noch nicht lange abgestreiften Inferiorität der Geächteten zur Sternenhöhe eines Heldentums und womöglich zu einer Königskrone, wie die Davids, zurückführen möchte. Und nun sehen Sie den Gegensatz zwischen dem Erstrebten und den Kampfesmitteln, mit welchem man so hohe Ziele erreichen will! Wie spiegeln^sie uns so recht den Zeitcharakter wieder, den Mangel an Ehrfurcht vor allem Althergebrachten! Man scheut sich nicht, seine innersten Zwistigkeiten vor das allerchristlichste Forum zn bringen, um die für den Urheber ebenso wie für das ganze Judentum beschämende Quittung zu erhalten, so da zu lesen steht in den preussischen Jahrbüchern,/ deren Schriftleiter Herr Delbrück wörtlich sagt: „Aus dem Munde zweier jüdischer Autoren von entgegengesetzter Richtung ist übereinstimmend der Schluss zuziehen, dass das moderne assimilierte Judentum nichts mehr ist als eine ideen- und wesenlose Ruine." Erinpert Sie nicht dieser. Mangel an Zusammenhalt unserer Glaubensgenossen in solchen Zeiten, wo er am nötigsten wäre, an die Kämpfe zwischen den bayrisch-jüdischen . und polnisch-jüdischen Einwanderern in Amerika vor Gründung unseres Ordens! Niemals ist eine Institution, die das ethische Empfinden