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Bericht der Großloge für Deutschland · 1908-02-01 · Nr. 3 - Februar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1908
Issue
Nr. 3 - Februar
Date
1908-02-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Es gehören den Vereinen in der Regel, wie mir ein christlicher junger Mann in der Unterhaitang spöttisch bemerkte, nnr diejenigen Jünglinge an, die „arm an Geist sind" nnd die für die Schönheit der,Welt, für das irische pulsierende Leben infolge einer eigenartigen Gemütsstimmung kein Verständnis haben. Der junge Mann aber, der noch Leben in * sich fohle, schliesse sich solchen Vereinen nnr selten an nnd suche vielmehr frohe GeselligKeit und angenehmen Familienanschluss. Und Familien anschluss wäre nach meinem Dafürhalten das .geeignetste Mittel, unsere jungen Leute sittlich und moralisch rein zu erhalten. Der .Zauber der Familie", sagt Gutzkow in seinem „Uriel Acosta", war es, der Israel trotz -Druckes und Verfolgung lebensfrisch nnd kräftig erhalten hat In der Atmosphäre der Familie gedieh der Baum des Judentums; aus derselben zog er seine besten Säfte und Kräfte. Und zur Familie sollen auch wir zurückkehren; von ihr ist am sichersten Heil zu erwarten. Freilich haben sich die sozialen Verhältnisse geändert; unsere Jünglinge und Jungfrauen verlassen frühzeitig das Elternhaus und ziehen in die Fremde, um sich für den späteren Lebensberuf vorzubereiten; dort stehen sie einsam und verlassen da, niemand kennt sie, niemand kümmert sich um sie, sie sind sich selbst überlassen. Allein wie leicht wäre es, diesen sich selbst Ueberlassenen die Fremde zur Heimat zu machen, ihnen durch geeigneten Famihenanschluss das Elternhaus einigermassen zu ersetzen. Wie soll das geschehen? Zunächst müssten die geeigneten Persönlichkeiten und Institutionen wie die Herren Rabbiner, Lehrer, Gemeindevorstände und Logen dahin wirken, dass das Verhältnis der Prinzipale zu ihren Angestellten ein intimes, familiäres werde. Die Herren Chefs sollten nicht nur die Brotgeber der bei ihnen in Stellung sich befindenden jungen Leute sein, sondern dhre väterlichen Freunde und liebevollen Berater. Zu den Gesellschaften im Hause des Chefs müssten die jungen Leute herangezogen werden; dort sollen 'sie die feineren Manieren, die ediere Lebensart kennen lernen. Es brauchen bei diesen Abenden der Wein und Sekt nicht in Strömen zu fliessen; die jungen Leute werden sich mit einem einfachen Tee begnügen und froh und dankbar sein, wenn sie im Hause des Prinzipals, zu dem sie wie zu etwas Höherem emporblicken, familiär verkehren dürfen. Bei solchen Gesellschaftsabenden wird in der Regel musiziert, deklamiert; man unterhält sich über Literatur, Kunst und Wissenschaft. Das wird den jungen Mann anregen und in ihm den Ehrgeiz wecken: er wird seine freie Zeit benutzen, nicht wie bisher zum Herumschlendern auf den Strassen, zum Besuch von Kneipen, Varietes und Tanzböden, sondern zur Erweiterung und Vertiefung seiner Kenntnisse und seines Wissens, am in Gesellschaft nicht teilnahmlos sitzen zu müssen, sondern auch mitsprechen zu können. Von dem biblischen Joseph sagen unsere Weisen, ■ dass ihm in der Stande der Versuchung die Gestalt seines Vaters erschien und ihn vor der Sünde bewahrte. Auch der junge Mann im Hanse seines Brotherrn als Familiengenosse verkehrend, würde durch die weibliche Anmut der Hausfrau, durch die Keuschheit and Züchtigkeit der Haastochter an seine eigene Matter and Schwester za Hause erinnert werden. Er wird in der Frau, wie er es im Elternhause gewöhnt war, etwas Höheres, Heiliges sehen, und einen Absehen vor solchen Frauen haben, 'die' auf den Strassen der Grossstadt ihr Unwesen treiben. Auf diese Weise könnten nicht nur der Chef, sondern auch seine Fran and Tochter, ohne Lärm und Aufhebens in den vier Pfählen ihres Hauses echt sozial wirken and sich die Familien der Angestellten, die sie durch Beispiel und Einfluss moralisch und sittlich stark erhalten, zu ewigem Danke verpflichten. „ Welch versittlichenden Einfluss die Tochter des Hauses auf junge Leute ausüben kann, hat uns Gustav Freytag in seinem, allerdings antisemitisch angehauchten Romane „Soll und Haben" lebenswahr geschildert. Das junge Mädchen Sabine, die Schwester des Prinzipals Schröter, wird von den im Geschäfte tätigen jungen Leuten abgöttisch verehrt; sie ist die gute Fee im Hause, an sie wenden sich die Buchhalter, Kommis und Lehrlinge, ihr vertrauen sie die innersten Geheimnisse ihres Herzens an und jeder von ihnen ist bestrebt, sich ihr im besten Lichte zu zeigen. Sie wird von allen wie ein Ideal umschwärmt und der Zauber, der von ihr ausstrahlt; wirkt veredelnd auf alle. Dass der junge Mann gerade in den Entwicklungsjahren sich nach einem Ideal sehnt, um es anzubeten, wird jeder zugeben, der an seine Jugendjahre noch zurückdenken kann. Fast jeder von uns, Wenn er nicht von Hause aus hölzern veranlagt war, besass eine schwärmerische Neigung für ein Mädchen, das er vergötterte. Unsere Vererhrung für eine solche Jugendliebe ging so .weit, dass wir „die Königin unseres Herzens" nicht einmal mit einem unkeuschen Gedanken zu entweihen wagten. Dieses Jugendideal war unser guter Geist, der ans über manche Enttäuschungen hinweghalf. Der Gedanke an dasselbe stählte unseren Mut, befeuerte und beflügelte unsere Kraft, spornte uns zu rastloser Arbeit und Ausdauer, an, und beschützte uns vor Torheit und vor Abwegen. Im Geiste fühlten wir uns von den Augen dieser Jugendliebe stets bewacht und bei allen unseren Schritten fragten wir uns, ob wir uns nicht dadurch ihrer unwürdig machten. Diese Jagendliebe war ein 'Talismann für so manchen jungen Mann und schützte ihn Vor Ausschweifung und Unsittlichkelt. Unseren jungen Leuten fehlen jetzt in der Grossstadt diese „Ideale" in Bürgerkreisen infolge des geringen Familienanschlusses. Und weil sie keine passenden Ideale finden, schaffen sie sich auf dem Tanzboden Idole, die sie körperlich zugrunde richten, geistig niederdrücken und sittlich verderben. Meine Ansicht ist daher: wollen wir unsere jungen Leute sittlich rein erhalten, so müssen wir vor allem ihnen einen passenden Familienanschluss schaffen. In erster Linie müssten dafür die Herren Chefs sorgen durch Heranziehung der jnngen Leute za den Gesellschaftsabenden. , Wie dies in der Grossstadt möglich.wäre, zumal bei solchen GeschäftshäusernL die eine grosse Zahl von Angestelltenhaben, wie ferner die Jugendvorträge nnd die Jugendvereine, deren Wert ich keineswegs verkenne, ausgestaltet werden müssen, wie wir schliesslich für unsere weibliche Jugend zu sorgen haben, darüber soll ein Schlussartikel näheres bringen.

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