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Bericht der Großloge für Deutschland · 1908-02-01 · Nr. 3 - Februar · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1908
Issue
Nr. 3 - Februar
Date
1908-02-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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- 28 - "Welche von diesen beiden Ansichten die richtige ist, wird jedermann ohne Schwierigkeit angeben können. Von dem letztgenannten Heilverfahren dürfte sich kaum jemand irgend welche Erfolge versprechen. Denn wie können wir Juden, eine verschwindend kleine Minorität, eine Umgestaltung und Gesundung der politischen und sozialen Verhältnisse herbeiführen? Liegt dies denn im Bereiche unserer Fähigkeit? Haben wir denn nicht alles getan und versucht, um uns der Gleichberechtigung würdig zu zeigen? Haben wir etwa an Treue zu Kaiser und Reich, oder an Erfüllung unserer bürgerlichen Pflichten es jemals fehlen lassen? Und kämpfen wir denn nicht seit einer Reihe von Jahren mutig und unverdrossen für unsere verbrieften Rechte? Sind wir aber mit unseren Bemühungen und Anstrengungen, die Gleichberechtigung de facto zu erringen, sehr weit vorwärts gekommen? . " Da Wir nun die Verhältnisse ausser uns nicht so leicht und nicht so schnell werden umgestalten können, da wir nieht die Macht besitzen, die Regierungen zu zwingen, uns die Pforten zu öffnen, die sie bis jetzt nur für Abtrünnige und C'eberläufer offeu hielt, müssen wir unsere Häuser gegen die Proselytenmacherei massgebender Stellen und Behörden widerstandsfähig machen. Dem Staate können wir nicht verbieten, die Bakterien der Taufe zu züchten und sie gegen uns loszulassen. Es bleibt uns somit nichts anderes übrig als unsere Häuser und Kinder zu immunisieren. Wir mttwen ein Serum erfinden, mit dem wir unser e^JJ i n d e r frühzeitig impfen, damit sie gegen die Bazillen des Abfa11esgeschütztseien. Ein solches Heilserum wäre — nennen wir es mit einem den medizinischen Mitteln ähnlich klingenden Namen — Juda'in. Mit anderen Worten: wir müssen eine sittlich starke, jüdisch denkende und jüdisch lühlende Jugend erziehen, eine wetterfeste Jugend, die nichts in der Welt, weder Zurücksetzung nnd Bedrückung, noch Verlockungen und Versprechungen von Aemtern und Würden sie bewegen könnten, das heilige Erbe der Väter preiszugeben, die Fahne des Judentums treulos zu verlassen. Welche Wege aber sind nun einzuschlagen, um auf die schulentlassene Jugend religiös-sittlich einzuwirken und sie uns so heranzubilden, dass wir auf sie mit Stolz blicken und durch sie eine Gewähr für den sicheren Fortbestand des Judentums haben könnten? Auch über die Mittel und Wege herrschen verschiedene Ansichten. Die einen preisen als allein seligmachendes Heilmittel die Jünglingsvereine und Jagendvortäge an, andere wieder glauben durch eine Zeitschrift für die Jagend alle die Mängel und Schäden, die sich in unserer Mitte zeigten, mit einem Schlage zu beseitigen. Gewiss sind beide Vorschläge, wenn auch -nicht neu, so doch beachtenswert. Es lässt sich nicht leugnen, dass Jugendvereine, in denen sich gleichgesinnt«, freundschaftlich einander nahestehende Glaubens- und Berufsgenossen zusammenfinden, Gutes stiften, dass die dort gehaltenen Vorträge Begeisterung für das Judentum wecken können, und dass auch eine Jugendzeitschrift unseren Jünglingen und Jungfrauen manche Belehrung und Anregung bieten wurde. Wird aber durch Jünglingsvereine auch alles, was wir anstreben, erreicht werden? Gesetzt den Fall, ein Netz von Jünglingsvereinen wurde alle in der Grossstadt lebenden jungen Leute umfassen undf alle jungen Leute würden diesen Vereinen nicht bloss dein Namen nach, sondern mit ganzem Herzen angehören und iln ihnen eifrig tätig sein; werden diese Vereine in der Law sein, ihre Mitglieder vor den Verirrungen und Gefahren den Grossstadt zu schützen? Ein Jugendvortrag dauert in der Regel bis 10 oder 11 Uhr; der junge Mann begibt sich dann nach Hause, steuert aber nicht direkt den heimatlichen Penaten zu, sondern lustwandelt, da nun einmal der Abend angebrochen ist, durch die Strassen, um noch ein wenig frische Luft zu schnappen. Und auf dem Wege wie lauert da die Versuchung auf Schritt und Tritt! Wird ihn der im Verein gehörte Lehr-Vortrag über Raschi u. dgl. m. oder der populär - wissenschaftliche Vortrag aus der jüdischen Geschichte und Literatur Vor Verführung schützen? Wir wollen uns nicht täuschen, die Jünglingsvereine in jetziger Gestalt und Beschaffenheit besitzen nicht die Werbekraft, um alle jungen Leute um sich zu sammeln. Seit dem Jahre 1884 besteht hier in Berlin ein Jünglingsverein, der in richtiger Erkenntnis der Verbältnisse sein ursprüngliches Programm, das dahin ging, jungen Kaufleuten die Möglichkeit zu bieten, sich unter Leitung eines Lehrers in Raschi und Talmud weiter zu bilden, wesentlich erweitert hat. Dieser Verein besitzt bereits seit Jahren ein eignes, wenn auch bescheidenes Heim, eine Bibliothek und eine Lesehalle, zu der auch Nichtmitglieder Zutritt haben. Die Leiter des Vereins sind sehr eifrig und rege, sie veranstalten für die hohen Festtage eigene Gottesdienste, arrangieren ausser den religösen Feiern am Simchas-Tora Chanuka- und Purimfeste Wintervergnügungen und Sommerausflüge. Und welches ist der Erfolg so vieler Mühe? Wie wenige hier in Berlin lebende junge Leute haben eine Ahnung von der Existenz dieses Vereins, der bald ein Vierteljahrhundert hier wirkt! Er ist ein Veilchen, das im Verborgenen blüht. Dasselbe gilt auch von den ähnlichen Jünglingsvereinen in den verschiedenen Städten. Aber nicht nur bei uns Juden, sondern auch bei den Christen haben die Jünglingsvereine die Hoffnungen, die man auf sie gesetzt hat, in keiner Weise gerechtfertigt. Es gibt jn Deutschland 1800 evangelische Jünglings vereine, für die 25 Sekretäre und Agenten tätig sind, und für die 14 Zeitungen erscheinen. Man zählt ebenso viele katholische Vereine. Aber die Leistungen derselben stehen in gar keinem Verhältnisse zu dem Aufwand an Mühe, Geld und Zeit. Auch den christlichen Vereinen ist es nicht gelungen, alle Jünglinge um sich zu scharen, und über die geringe Zugkraft dieser Vereine wird in christlichen Blättern gar sehr geklagt. Am besten kann man das geringe Interesse der christlichen jungen Leute für diese Vereine in den kleinen Orten beobachten. Die Vereine der Grossstadt mit ihrer verhältnismässig grossen Mitgliederzahl täuschen das ungeübte Auge gar sehr. Wer aber mit prüfendem Blick genauer hinsieht, wird mit Leichtigkeit finden, dass die Mitgliederzahl verschwindend klein ist im Verhältnisse zu den Jünglingen, die diesen Vereinen nicht beitreten mögen.

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