Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 2 - Januar
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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- 16 — gegen. Charakteristisch für die preossischen Verhandlungen war der Umstand, dass die überwiegende Opposition vom staatskirchlichen Gebiete aasging. Offen wurde dies zwar nicht zugestanden, die Regierung versteckte sich vielmehr hinter den Einwurf des „Dogmas" vom christlichen Staate. In der württembergischen Kammer hatte schon im Jahre 1823 der Minister des Inneren diesen törichten Einwand mit den Worten zurückgewiesen: Man mag unserem Staate den Charakter eines christlichen beilegen, weil seine Genossen sich zum Christentume bekennen, die innere Einrichtung desselben, die Tätigkeit der Staatsgewalt ist durch dieses Bekenntnis keineswegs bedingt. Es giebt keine christliche Rechtspflege, keine christliche Polizeiverwaltnng, keine christliche Staatswirtschaft, sondern alle diese Gegenstände sind dieselben, es mag sich dabei um Christen oder um Juden handeln. ' Die sehr einsichtig abgefassten Gutachten der Regierungen von Posen und Bromberg machten geltend, dass die Gesetzesvorschläge des Ministeriums auch dem Staatsinteresse nicht förderlich sein könnten, weil sie f. zu einer schärferen Absonderung der Juden von den Christen führen, 2. die von der Regierung vorgeschlagene Ueberwachung der aus der Schule entlassenen Jugend durch den Vorstand der Judenschaft ein Eingriff sei in die Familienrechte der Juden und eine Schmach für die 1 unter Vormundschaft gesetzte Bevölkerung, i. die Absicht der Regierung, jüdische Kinder ausschliesslich einer Schule zuzuweisen, könnte indirekt zum Zusammen wohnen nötigen, und neue Ghettos herstellen. Die mittelalterischen Reaktionsgelüste der Regierung wurden sowohl in der Herrenkurie, wie besonders scharf in der Ständekammer angegriffen. Der Abgeordnete Hansemann hob hervor, dass gerade das Christentum die erste Religion gewesen, die sich nicht anf den Staat gegründet habe., ' Abgeordneter Schumann aus Rataywalla in Posen: Ich war in meinen jüngeren Jahren ein Gegner der Juden und gestehe es offen an dieser feierlichen Stelle, dass ich mich damals getäuscht und von.meinem Vorurteile gegen sie zurück gekommen bin. In meiner langjährigen Erfahrung habe ich, der ich inmitten von kleinen Städten mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung wohne, gefunden, dass sie, was Sittlichkeit und Bildung betrifft, im allgemeinen unserer christlichen Bevölkerung nicht nachstehen, dass sie die durch den Gesetzentwurf bezweckte Zurückstellung nicht verdienen. Erlangen die Juden dasjenige, was ihnen von Gottes- und Rechtswegen gebührt, Gleichstellung mit den übrigen Bewohnern des Staates, so werden schlechte Juden ebenso gebrandmarkt dastehen, wie es bei Nichtjuden der Fall ist. v. Gottberg auf Mahnwitz in Pommern: So weit ich die Juden kenne, sind sie mässig in ihren Genüssen, nicht ausschweifend, tugendhaft in Heilighaltung der Familienbande. Ich wüsste keinen Fehler, den ich unter meinen christlichen Mitbürgern nicht ebenso fände. Der einzige Vorwarf, den man ihnen mit einem gewissen Schein von Wahrheit macht, ist der, dass sie in ihren Geschäften mit ihren christlichen Mitbürgern zu Betrag and Eigennatz geneigt sind. Aber ist dies ein Fehler, der mit der jüdischen Nationalität and dem jüdischen Glauben notwendig verbunden ist? Ist es nicht vielmehr eine Folge der Behandlung, die ihnen bisher zuteil geworden ist? Aendern Sie das bisherige System. Denn wie können sie sich einer edleren Geistesanstrengung hingeben, wenn die edleren Berufsarten ihnen verschlossen sind. Man gebe ihnen die Staatsämter, zu denen sie durch ihre hohen Geistesgaben befähigt sind, and lasse sich ohne Vorurteil nur leiten durch die Gesetze der Gerechtigkeit, der allgemeinen Menschenliebe und der Wohlfahrt der ganzen Nation. Graf Renard auf Gross - Strehlitz: Die Absicht des Gesetzentwurfes ist es, die Juden in Judenschaften abzusondern. Der Jude soll Jude bleiben, in der ganzen gehässigen Nebenbedeutung des Wortes, und weil er Jude bleiben soll, kann er keine Ansprüche machen auf gleiche Rechte mit den Christen. So verstehe, so erkenne ich aber mein Christentum nicht, so löst der Staat, der sich so gern ein christlicher nennt, seine Aufgabe nicht. Die Gesetzgebung soll es herbeiführen, dass wir nicht mehr Juden und Christen, sondern nur Menschen und Bürger und Brüder sind. Milde aus Breslau verlangt gleiche Rechte bei gleichen Pflichten. Naumann aus Posen: Durch die Zurücksetzung der Juden halte ich die Gerechtigkeit für verletzt. In dieser Verletzung sehe ich einzig den Grund des Zurückbleibens der Juden hinter den Ansprüchen der Zivilisation. v. Sauken aus Tarputschen: Welche Rechte werden denn für die Juden verlangt. Es sind die Rechte, die jeder Berliner Eckensteher hat, das Recht, wenn des Einzelnen eminentes Talent alle Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen, zu überwinden vermag, wenn er Vertrauen zu erwecken, Fähigkeiten sich anzueignen weiss, um einen Posten zu übernehmen, wollen sie ihm dieses Recht nicht geben, weil seine Standesgenossen in der Allgemeinheit es nicht verdienen. Baron von Gaffron zu Kuhnern: Ich bekenne gern, dass ich in meiner Ueberzeugnng dahin gelangt bin, dass ich die bürgerliche Gleichstellung der Juden mit den Christen in einem höheren Grade für zweckmässig und notwendig halte, als ich es in meiner früheren Ansicht mit dem Wohl des Vaterlandes vereinbar hielt. Winkler aas Lübbenau: Wenn die Jaden beschuldigt werden zu wenig Vaterlandsliebe zu haben, so muss ich bekennen, sie haben keine zeigen können. Wer,nicht das Recht hat seine wissenschaftlichen und sittlichen Kräfte in jeder Stellang dem Vaterlande widmen zu können, der kann auch kein eigentliches Vaterland haben. Deshalb trage ich darauf an, den Gesetzentwurf zurückzuweisen and die völlige Gleichstellung zu erbitten.