Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1908
- Issue
- Nr. 1 - Januar
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wie Herbart, Diesterweg,') Ziller Dörpfeld, Dittes, neuerdings Natorp"" und"7Rein~ hatten nur insoweit Einfiuss auf die Gestaltung des Unterrichtswesens, als ihre Ideen von Lehrern, die"den Polsschlag ihrer Zeit fühlten, iu die Schule geradezu eingeschmuggelt wurden. 3_Inzwischen ist Deutschland ein Industriestaat geworden, und die Unzufriedenheit mit der Volksschule, die vom Bürokratismus auf agrar-konservativer Basis erhalten wurde, mehrte sich zusehends. Von den 60 Millionen Deutschen lebt heute der grösste Teil in Städten. Das ganze Erwerbsleben hat sich geändert und mit ihm unsre ganze Lebenshaltung. „Dem l 'ebergewicht der Maschine und des Grossbetriebes sind zahllose Existenzen des früheren Kleingewerbes erlegen. Anstatt in die eigene Werkstatt geht der Vater in die Fabrik, in der Hunderte und Tausende sein Los teilen. Auch die Mutter sieht sich nicht selten durch des Lebens Not gezwungen,!in der Fabrik oder als Tagelöhnerin Verdienst zu suchen. Eltern und' Kinder sehen sich oft nur zur Abend- .zeit, wo Abspannung und Müdigkeit zur Ruhe zwingen. Kommen die Kinder aus der Schule nach Hause, so finden sie: hier nicht selten verschlossene Türen, zumeist ein ödes enges Heim, das ihnen weder Anregung noch Gelegenheit zu jugendgemässer Beschäftigung und Unterhaltung bietet. Ja, selbst wirtschaftlich besser gestellten Eltern erlauben die Wohnverhältnisse der Stadt nicht, ihren Kindern im Hause ilie Mussestunden durch ansprechende Beschäftigung auszufüllen. Darum hinaus ins Freie! Aber o web! Verschwunden sind die idyllischen Zustände der früheren Zeit. Die Strassen \md Gassen hat der geschäftige Verkehr ausschliesslich in Besitz genommen Für kindliches Treiben ist kein Raum mehr. Verschwunden sind grösstenteils die brachliegenden Plätze im Innern und in der l'mgegend der Stadt, einstens das unbestrittene Tummelfeld jugendlicher Unternehmungs- und Tatenlust: sie sind überbaut oder als Schmuck- und Zierplätze angelegt; ein Tritt vom Wege und der Hüter der Ordnung hat dich, armen Jungen, ain Schöpfe und meldet dich der Schule, die dich in Strafe nehmen soll, weil dich die Natur mit dem Tätigkeitstrieb ausgestattet hat, die Betätigung dir aber auf Schritt und Tritt untersagt ist." -) Das Haus und die übrigen Erziehungsfaktoren neben der Schule sind nicht mehr imstande, die praktischen Anlagen und Kräfte des heranwachsenden Geschlechtes zu wecken uud zu pflegen. Darum muss die Volksschule hier eintreten uad das zu ersetzen suchen, was anderseits ausser acht gelassen werden muss. So sehen wir als Bestandteile der »rosstädtischen Elementarschulen Kinderhorte, Schulküchen, Brausebäder und andere Wohlfahrtseinrichtungen entstehen, tie die sozialen Schäden unsrer Zeit tunlichst auszugleichen )estrebt sind. ') verpt. Briefe A. Dieeterwegs, herausg. von Adolf Rebhuhn, besonders die Briefe an Hacker und Wander vom Jahre 1856. Sickinger. Dr. A. .Einrichtung und Bedeutung der Knabenarbeitsschule im Rahmen des Volksschulwesens grösserer Städte." Dem verehrten Autor, dem bewährten Mannheimer Stadtschulrate, sei an dieser Stelle für die Freundlichkeit, mit der er mir seine reichhaltige Bibliothek zur Ausarbeitung des Referats zur Verfügung stellte, Dank gesagt.) 2 _ Gar viele Zumutungen werden an die moderne Schule gestellt. Bei jeder Neuerung, die in den Volkskörper eindringen soll, bei jedem Misstand, der beseitigt zu werden gewünscht wird, wird die Hilfe der Schule angerufen. Man verlangt von ihr so vielerlei, dass es 'nottut, an den Eingang eines jeden Schulhauses ein grosses Plakat mit der Aufschrift anzubringen: Akquisiteuren für neue Unterrichtsfächer ist der Zutritt verboten. Nur ein Unterrichtsfach hat sich mit Erfolg den Weg in die grosstädtische Volksschule gesucht und ihn auch gefundene Die Knabenhandarbeit. Sie ist zwar nichts Neues. Alle bedeutenden Pädagogen haben ihr entweder' in theoretischen Erörterungen das Wort geredet oder in den von ihnen geleiteten Schulen gepflegt. Es sei I hier an Rousseau, Salzmann und den Schöpfer des Kindergartens, Friedrich Fröbel, erinnert. Der Schulbürokratismus hat das Bedürfnis für diesen Unterrichtszweig als nicht vorhanden angesehen. Er musste indessen die Köpfe der Jugend mit totem Gedächtniskram füllen. Erst die Notwendigkeit zwang ihn, auch diesen Bestrebungen Aufmerksamkeit zu schenken. Deutschland ist ein an Rohstoffen verhältnismässig armes Land; will es sich mit Vorteil den Weltmarkt erobern, so kann das nur durch Qualitätswaren geschehen. Die Weltausstellungen in Päris und Wien (Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre vorigen Jahrhunderts) brachten aber der deutschen Industrie keinen Ruhm. „Billig und schecht," das war das Urteil, das man über die ausgestellten deutschen Erzeugnisse fällte. Matt dachte damals allen Ernstes über! den Misserfolg der deutschen Arbeit nach und folgerte richtig: | Wollen wir wirkliche Qualitätswaren erzeugen, so kann dies I nur durch einen intelligenten Arbeiterstand geschehen, der | schon von Jugend an neben geistiger Ausbildung in der Handj geschicklichkeit geübt ist und guten Geschmack zeigt. So j entschloss man sich zur Pflege der Knabenhandarbeit. Die preussische Regierung sandte darum eine Kommission nach Schweden und Dänemark, um den dort schon längst betriebenen Slöjd, d. i. Handarbeit, kennen zu lernen. Ein dänischer Rittmeister, Clauson-Kaas, bereiste damals Deutschland, um für diese Tätigkeit Propaganda zu machen. Seine Bestrebungen wurden zunächst zur Hebung des Hausfleisses angesehen. Aber bald erkannte man den erziehlichen Wert der Handarbeit, und gerade dieser Umstand hat ihr zu immer weiterem Vorwärtsdringen verholfen. Besonders gefordert wurde dieses Unterrichtsfach durch den Deutschen Verein für Knabenhandarbeit, der seit 1831 besteht, und unter seinem derzeitigen Vorsitzenden, dem preussischen Landtagsabgeordneten von Schenkendorff, durch Wort und Schrift für Einführung der manuellen Betätigung in den Schulen gewirkt hat und noch wirkt. Praktisch hat dieser Verein die Bestrebungen dadurch gefördert, dass er in Leipzig ein Seminar zur Ausbildung von Lehrern für die Knabenhandarbeit ins Leben rief.' I Neuerdings hat noch ein weiterer Umstand zur Förderung des Arbeitsunterrichts beigetragen. Durch Reichsgesetz ist die Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben eingeschränkt worden. „Allein durch Hintanhaltung nachteiliger Arbeit ist nicht zugleich zweckmässige Arbeitsbetätigung geschaffen, vielmehr wird durch deren Unterdrückung in den allermeisten