Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 10 - Dezember
- Date
- 1907-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 138 — wir erheben die ernste Forderung einer völligen Hingebang an ihren Beruf, ein völliges, verständnisvolles Aufgehen in die Würde ihres Berufes. Wir befreien sie von dem Kampf um das Dasein, wir sorgen für ihre Gegenwart und Zukunft. Sie können im Mutterhause wie im trauten Familienkreise leben, in guter Freundschaft mit ihren Mitschwestern froh und heiter das Leben geniessen, sich an Kunst und Wissenschaft erheben. Wir wollen keine Askese für unsere Schwestern, sondern eine Schwesternschaft mitten im Leben für das Leben, ausgerüstet mit Sanftmut und Energie, Milde und Kraft, Geduld und Festigkeit, ein ganzer Mensch, eine echte Frau, zugänglich für das Gute und Schöne, kraftvoll abwehrend alles Hässliche und Selbstsüchtige, in welcher Gestalt es ihr auch entgegentreten mag. Das Los. unserer Schwestern ist nach jeder Richtung ein glückliches. Einen herrlichen, heiligen Bernf haben sie sich erkoren, der die ganze Seele einer Frau erfüllt; nach treuer, mühevoller Arbeit winkt ihnen ein sorgloser Lebensabend, verklärt dnrch das stolze Bewusstsein, ihr Leben in idealer Weise zum Besten der leidenden Menschheit ausgefüllt zu haben. In solchen Gefühlen sollen unsere Schwestern nicht nur im Mutterhause von der mütterlichen Oberin gestärkt werden, sondern auch die Patrone und Vorstände sollen diese Gefühle in den Schwestern stets wach halten. Darum verträgt es sich auch nicht mit unseren Ansichten über Krankenpflegerinnen, wenn die Schwestern allzubald ihr Mutterhaus verlassen, um einen vermeintlich besser gearteten Fflegedienst zu übernehmen, oder aus welchem anderen Grunde es auch sei. Nur die Heirat soll die alleinige Ausnahme sein, dieser steht nichts im Wege. — Andererseits sollen die Vorstände dem Wandertrieb keinen Vorschub leisten, den Besitzstand der Vereine respektieren und ihren Bestand nicht lockern. Das erfordert schon die Achtung vor der Institution, das Solidaritätsgefühl und die Disziplin. Auch sollten die Vereine mit dem Grundsatz, Schwestern nur für ihr Krankenhaus, für ihren Verein auszubilden, endlich brechen. Das iordert unsere ganze Tendenz, dass man sich nicht von einander abschliesst, hier ist Egoismus am wenigsten angebracht. Von Jahr zu Jahr werden die Meldungen zahlreicher, das frühere Vorurteil gegen den Schwesternberuf ist geschwunden. Wegen Mangel an Plätze muss die Einstellung von Schülerinnen auf viele Monate hinausgeschoben werden. Mit der Zeit verlieren die Mädchen die Lust oder wenden sich anderen Berufen zu. Darunter leidet die Idee der Schwesternschaft ungemein. Und das Bedürfnis nach Schwestern steigert sich zusehends, der Ruf nach jüdischen Schwestern erschallt immer lauter und eindringlicher. Das sollten doch alle Vereine beherzigen, den Zustrom nicht hemmen, sondern liberaler in der Einstellung von Schülerinnen verfahren. Wenn jeder Verein hur eine Schwester zur Ausbildung mehr aufnimmt, so ist das schon ein Gewinn. Und das sollte doch nicht so schwer fallen. Nicht minder notwendig ist es, dass unsere Schwestern sich der staatlichen Prüfung unterziehen. Sie sollen ihre Tüchtigkeit erweisen, und die Behörden sollen erfahren, dass unsere Schwestern die denkbar beste Ausbildung erhalten. Unsere Schwestern müssen jede Konkurrenz mit anderen Schwestern aufnehmen können, auch nicht im geringsten den Anschein erwecken, ols ob sie sich vor dem staatlichen Examen fürchten. Den höchsten Anforderungen müssen sie gewachsen sein. Auch in der Ausbildung von Krankenpflegerinnen hat die Grossloge, die deutsche Judenheit einen tüchtigen Anlauf genommen und haben das Interesse dafür überall im Lande geweckt. Wir alle können mit grosser Befriedigung auf das Erreichte blicken, wenn Wir in einer kurzen Spanne Zeit über - 200 Schwestern im Dienst sehen. Das gereicht dem Orden, der deutschen Judenheit zur Ehre, zum Ruhme. Und wir alle, die wir an dem schönen Werke arbeiten, müssen die Sache nach allen Richtungen fördern. Freiheit in der Zulassung, Gleichheit in Ausbildung, Anstellung, Honorierung - und Pensionierung. Alle Vereine müssten einander in die Hände arbeiten, sich gegenseitig stützen und fördern. Das sind die Forderungen, die wir für die gedeihliche EntWickelung des Ki ankenpfiegerinnenwesen.s unter allen Umständen erheben, und für die alle Verbände eintreten müssen. Um die Idee der Ausbildung jüdischer Krankenpflegerinnen in die breitesten .Schichten unserer Glaubensgemeinschaft zu tragen, Ist folgender Aufruf von unserem Ausschuss der Grossloge an die Logen erlassen: „Sieben Jahre sind vergangen, seitdem wir uns um Ihre Mitwirkung bei der Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen bewarben. Was wir damals anführten, mehr noch aus Vertrauen ais aus Erfahrung, hat inzwischen den festen Boden der Tatsächlichkeit gewonnen. Beseitigt sind die Zweifel der Aerzte an der Gleichwertigkeit einer jüdischen Schwester, behoben ist das alte Vorurteil, dass die Jüdin für solchen Beruf nicht ideal genug geartet sei und besiegt auch die Furcht vor den vermeintlichen Gefahren der Krankenpflege. Wie im Fluge hat sich die jüdische Schwester in ihrem Wirkungskreise dit Herzen erobert, sie hat dem jüdischen Namen Ehre gemacht, und man weiss heute, dass sie tüchtig ist und keiner anderen nachsteht! Im Einklang damit hat sich allmählich die Nachfrage nach jüdischen Schwestern so gesteigert, dass sie längst nicht mehr befriedigt werden kann. Zwar wird jeder Einsichtige berücksichtigen, dass man einer so jungen Einrichtung billig Zeit zur Ent Wickelung lassen muss, allein auf die Dauer würde das Interesse an der jüdischen Schwesternsache doch eine Abkühlung erleiden, 'wenn es nicht gelingen sollte, die nötigen Kräfte zu beschaffen. Zur Abwendung dieser Gefahr bitten wir Sie hiermit von neuem, uns bei der .Gewinnung geeigneter Damen behilflich zu sein! Wir wiederholen : . ,1 ■'• -" 1. die jüdische Schwester ist durch kein Gelübde ge- * bundeu; der Wegj zur Ehe steht ihr immer offen, und auch wenn ihr die Pflegetätigkeit keine innere Befriedigung mehr gewährt, kann, ja soll sie ihr entsagen; 3. die jüdische Schwester nimmt eine bevorzugte soziale Stellung ein; sie wird am Orte ihrer