Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 10 - Dezember
- Date
- 1907-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 124 — Bedeutung für die Erziehung der Menschen nichts eingebüsst hat und auch für die Zukunft Geltung haben wird, ist sie nicht mehr einzige Bildungsgrundlage, gibt sie nicht mehr allein das Fundament einer Weltanschauung. Die Religion warnt vor der Gefahr, aber sie schützt nicht vor der Gefahr. Sie muss noch ergänzt werden durch einen Moralunterricht, wie er schon vielfach geübt wird. An der Hand von Beispielen aus den täglichen Vorkommnissen des Lebens wird die Richtschnur gelegt für ethisches i Denken und Handeln. Das jugendliche Gemüt ist besonders empfänglich, es ist noch nicht abgestumpft durch Enttäuschungen und Konflikte, es ist ein jungfräulicher, ergiebiger Boden. Für die Charakterbildung des Kinde«, für die Erziehung zum sozialen Fühlen und Händeln müsste | viel mehr, als es bis jetzt geschehen, getan werden. In der heutigen Zeit, wo der Kampf um die Existenz viel schärfere, rücksichtslosere Formen angenommen hat, ist die Ausrüstung der Jugend mit festen, moralischen Grundsätzen noch bedeutsamer geworden. Das Leben ist eben schwerer geworden, darum muss die Jugend in richtiger Weise zum Kampf ums Dasein vorbereitet werden. So gering der äussere Schutz, den man der Jugend mitgeben kann, um so stärker muss der innere Schutz beschaffen sein. Moralische Schulung mit häufiger Uebung führt zur Beherrschung hässlicher Neigungen. Deshalb muss als unabweisliche Forderung hingestellt werden ein methodischer, regelmässiger Unterricht in der ethischen Lebensführung. Die heutige Familie vermag allein eine solche Ausbildung nicht zu geben, sie hat viel zu viel mit der Existenzfrage zu tun. Der Unterricht ist stufenweise zu erteilen, soll solche Punkte hervorheben, wie Wahrhaftigkeit, Liebe zum gerechten Denken und Handeln, Güte, Mitgefühl, Mässigkeit. Zufriedenheit, Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung und Bescheidenheit, Vaterlandsliebe, Natursinn. Diese ethischen Züge müssen so lebendig wie möglich veranschaulicht werden durch Erzählungen, Gedichte, Sprichwörter, Beispiele aus; der Geschichte oder Lebensbeschreibungen. Darum sollte unseren Kindern ein Moralunterricht gegeben werden, darum sollten Zirkel geschaffen werden, in denen dieser Unterricht erteilt wird. Die bisher bekannt gewordenen Erfolge in Frankreich, Belgien, England, Portugal Schweiz und Japan sind durchaus aufmunternd. Keine Schiebt der Gesellschaft sollte sich so hoch dünken, dass sie glaubt, diesen Moralunterricht für Kinder entbehren zu können. Die Zukunft der Kinder ist nicht an materielle Güter allein geknüpft, sie muss auch sittliche Ideale haben. Auch die Kinder der Reichen müssen durch solchen Unterricht lernen, die sittliche Ehre hoch zu halten und vollends die Kinder, die später als Erwachsene in den schweren Kampf um das Dasein eintreten müssen, wo ihnen allseits Konflikte begegnen. Da heisst es, sie früh zu stählen gegen Verführung und Entgleisung. — Der heranwachsenden Jugend müssen ausser geeigneten Jugendschriften ethischen Inhalts, Biographien, Lebensbilder hervorragender Männer und Frauen aus der alten Zeit und der Gegenwart, aus allen Berufen in die Hand gegeben werden, in denen die ethischen Charakterzüge besonders hervorgehoben sind. .Ein Jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet." Die Jugend begeistert sich gern an guten Beispielen, rankt sich mit Lust hinauf an edlen Menschen. Auch Novellen, in denen ethische Fragen für Kinder in leicht fasslicher Form, sollten bearbeitet werden. Br. Dr. Heinemann hatte schon in dankenswerter Weise ähnliches für die Religionswissenschaft angeregt. Auch Aufsätze aus dem weiten sozialen Gebiete dürften so manche gute Anregung für die jugendliche Seele bieten. Aber was hilft es, wenn die Jugend durch alle Erziehungsmittel, welche Religion und Pädagogik bieten, zu ethischem sittlichen Leben herangebildet wird, wenn das spätere Leben, in dem sich die Erziehung bewerten und durchsetzen Söll, die gegenteiligen Erfahrungen bringt, dass unsittliches Handeln nicht verpönt wird? Hier muss die zweite Stufe, die Familie einsetzen. Ist unser Familienleben noch ganz rein und heilig? Ist unser Sexualleben noch ganz fleckenlos? Gibt es nicht Unfrieden in den Familien, geben nicht die mehr und mehr zunehmenden Ehescheidungen Anlass zu schmerzlichen Empfindungen? Familie und Haus gehen einer Umwandlung entgegen, das Alte vergeht und das Neue ist noch nicht gefunden Statt dessen treten die bässlichen Seiten hervor. Die Familie ist keine Summe von Individuen, die durch Ehe und Geburt zusammengeführt werden, sie ist ein organisches Gefüge zu geistig-sittlicher Gemeinschaft. Die Lebensführung in der Familie muss eine sittlich gehaltvolle sein, in Benehmen und Sprache, in Denken und Handeln muss das Hässliche vermieden, dap Gute, Schöne gepflegt werden. Schlechte, verderblich? Sitten zerstören die Familienbande, treiben die Familienmitglieder auseinander, führen zu beklagenswerten Zuständen, zur Lockerung der Moral, laxer Auffassung ethischer Grundsätze. Gar häufig stösst man auf Familien, denen die Gesetze der Ethik fremd sind, die wenig oder gar keine Kenntnis von sittlichen Normen haben. Da muss die Belehrung eingreifen. Es müssen Vorträge über Ethik und ethische Fragen gehalten werden, nicht in hochwissen'schaftlicher Form, sondern in Anwendung für das Leben. Zu diesen Vorträgen muss die erwachsene Jugend herangezogen werden. Die Söhne und Töchter unserer Brüder werden nicht versagen. Daneben befindet sich eine grosse Schar junger Leute ohne Familie, ohne häuslichen Verkehr. Hier liegt ein unermesslicher Schaden, hier liegt ein unwiederbringlicher Verlust an ethischer Bildung. Hier gilt es, die Jünglinge von der Strasse und den zweifelhaften Genüssen abzulenken durch Zusammenfassung in gut geleitete Vereine und Heime, hier gilt es zu ergänzen, was in der Familie verfehlt, vernachlässigt, was die Familie oft gar nicht leisten kann. In manchen Logen ist dieser Gedanke schon verwirklicht, aber ea sind ihrer nur wenige. Die Notwendigkeit, Jünglingsvereine zu gründen, wird in allen Logen ernsthaft betont, aber warum werden sie nicht geschaffen? Aus mannigfachen Gesichtspunkten werden Jugendvereine dringend gefordert, aber es ist die höchste Zeit, dass sich die Logen zur Tat aufraffen. In sehr ernsten, eindringlichen Worten schildert Br. Kahn (Monatsbericht Okt. 07) den grossen Wert der ■