Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 10 - Dezember
- Date
- 1907-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dazu kommt, dass unsere Zeit von einem starken, sozialen Empfinden durchdrungen ist. Wenn auch jeder für sich selbst bestimmen und einstehen muss, so muss doch sein Handeln von der Rücksicht auf die Allgemeinheit geleitet sein. Vor allem das sittliche Leben der Menschen beruht auf Nächstenliebe und Altruismus. Alle sittlichen Tugenden entfalten sich auf sozialem Boden, als da sind: Wahrheit, Wohlwollen, Nächstenliebe, Treue, Gerechtigkeit. Der Rechtssinn muss gestärkt werden, der überall für Recht und Wahrheit eintritt, der Unrecht nicht blos nicht tut, sondern soviel an ihm ist, nicht duldet, dass es geschieht. Und die Nächstenliebe, ein uraltes jüdisches Gebot, muss dem Menschen tief zum Bewusstsein bringen, das er sich als Glied eines umfassenden Ganzen, seiner sozialen Mitwelt fühlen soll. Dadurch gewinnt er einen erweiterten Inhalt, er gewinnt für sich den höchsten Lebensinhalt, dass er in Rücksicht für die Gesamtheit arbeitet, kämpft und schafft. Die Selbstsucht wirkt störend und zerstörend aufdas Leben der Umgebung, weil sie zur Ungerechtigkeit, Feindseligkeit, Hass und zur Verallgemeinerung des Hasses führt. Die Selbstsucht wirkt auch zerstörend auf das Leben der Einzelnen; das Leben des Egoisten ist ein armes, verkümmertes Leben, selbst dann, wenn es mit Glücksgütern gefüllt ist. Das Glück des Erfolges macht nicht glücklich. -- Das eigentliche Gebiet, in dem Ethik und Moral vorzugsweise ihre Macht ausüben, ist nicht das Einzelleben als solches, sondern das soziale Leben mit der unendlichen Fülle von Beziehungen zwischen Einzelnen. Die Reglung dieser Beziehungen ist die wahre Funktion der Sittlichkeit. Der Inhalt dessen, was die Morai dem Einzelnen in allen Lebensverhältnissen vorschreibt, ist unendlich verschieden, aber niemals ist der Einzelne seiner eigenen Willkür und Wahl in der Lösung von Lebensaufgaben überlassen, stets ist ihm durch ethische Normen der Weg vorgezeichnet, auf dem allein ihm die richtige sittliche Lösung möglich ist. Das soziale Wirken wird nur dadurch geschaffen, dass ein sittliches Gesetz das Handeln der Menschen reguliert. Durch Sitte und Moral wird ein menschliches Leben überhaupt erst denkbar, menschlich sittliches Leben kann nur in der Gesellschaft zur Entfaltung kommen. — .Die Menschenwürde beruht darauf, dass der Mensch nicht als blosses Naturwesen, wie die Tiere, den Trieben folgt, sondern als Glied der sozialen Welt, als freies Vernunftwesen die Moral zum Bestimmungsgrund seines sozialen Handelns macht. Das Sittengesetz, das der Mensch in sich aufnimmt, ist das eigentliche Weltgesetz, die moralische Ordnung ist die göttliche Weltordnung selbst. Das Sittengesetz schafft die Verbindlichkeit, immer und überall so zu handeln, wie sie durch die Norm der Ethik gefordert wird, ohne Rücksicht auf die zufälligen Neigungen des eigenen Willens, sie muss sich hemmend der Neigung entgegenstellen mit dem „Du sollst nicht" oder antreibend .Du sollst", als missbilligend oder strafend „Du hättest sollen oder nicht sollen* (Paulsen: Ethik). Uns ist das hohe Ideal der zehn Gebote (sie enthalten alle Beziehungen der menschlichen Gesellschaft) zuerst aufgestellt und gegeben worden, und wir müssen sie in voller Reinheit und Gültigkeit unter uns erhalten. Das möchten wir uns stets gewärtig halten, an uns selbst arbeiten, uns anregen zu verständiger Selbsterziehung. Wir müssen die Erziehung zu sozialer, Gesinnung pflegen; sie braucht der Entfaltung der individuellen Kräfte keineswegs hinderlich zu sein. Die soziale Gesinnung erhebt den Menschen über die Enge seiner eigensten ' Antriebe. Die pädagogische Tätigkeit hört bei dem Menschen mit einer bestimmten Zeit auf, die sittliche wirkt in der Stille allmählich weiter, d. h. die Selbsterziehung gewinnt mehr Raum und Gelegenheit im Leben. Gute und sittliche Handlungen werden durch zwei Momente bedingt: die gute Gesinnung und die Gewissenhaftigkeit. Die erste wird bestimmt durch die eigene Ueberzeugung des Menschen von der Notwendigkeit, sittlich zu handeln. Das zweite äussert sich in richtigem Tun. Beides zusammen macht die sittliche Handlungsweise. Das Rechte tun ohne gute Gesinnung, ist blosse Gesetzmässigkeit ohne eigentlich sittlichen Wert, aber ebenso verbürgt die blosse gute Gesinnung nicht das rechte Handeln. In guter Meinung sind die ärgsten Uebeltaten begangen worden, alle Fanatiker handelten in guter Meinung. — Durch sittliche Grundsätze, die der Mensch für seinen Lebenswandel sich zu eigen macht, wird sein Charakter gegen alle Schwankungen der Triebe befestigt, vor allem gegen jene überkluge Sophisterei und Erfolg moral widerstandsfähig gemacht, die eine so grosse Gefahr für eine sittliche Lebensführung bildet. Bei Konflikten im Leben keine Vernünftelei und Deutelei, keine bedenkliche Zerlegung des Falles oder Heranziehen von ähnlichen Fällen, sondern schlichtes Handeln aus Pflicht und mit der bestimmten Absicht, nach besteh Kräften das Gute zu schaffen, das sind die Grundsätze, die sich zum Schutz eines sozialen Tuns durchsetzen müssen. Unser Ideal muss sein: Selbstbeherrschung und Selbstzucht, Stärkung des Willens zur Bewältigung der Triebe. Diese Willensbildung muss erfolgen auf rein sittlicher Grundlage, auf Hebung der vornehmsten geistigen und sittlichen Kräfte durch Lehre und Beispiel, auf Erweckung der Begeisterung.für das Grosse, Hohe und Schöne im Menschenleben. Durch sittlichen Adel, Treue und vornehme Gesinnung wird ein Volk gross, mächtig und stark und ebenso erhalten. Wir müssen die Erziehung dazu selbst in die Hand nehmen. Dazu gehört, die Schäden rückhaltlos aufzudecken, um heilen zu können. Für eben diese grossen, inneren Aufgaben in unserem Orden kann nur das eine uns in die Höhe bringen, das ist Hebung des sittlichen Empfindens in allen Volksschichten. Unser Orden muss das schlagende Herz und das sinnende Hirn für die Veredelung sein. Und auch hier muss man mit der Jugend beginnen. Schon die Jugenderziehung muss kräftiges soziales Fühlen und Pflege desselben zum Ziele haben. Ueberau sehen wir schöne Ansätze dazu, überall dringt diese Erkenntnis durch, sie ist eine der erfreulichsten Erscheinungen im Leben der Zeitgenossen. Wohl ist die Religion ein mächtiger Faktor für die Jugenderziehung, aber sie erfasst nicht das ganze moderne soziale Leben. Wenn auch die Religion von ihrer