Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 10 - Dezember
- Date
- 1907-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 122 — x Es ist des Lernens kein Ende. Bei Erwachsenen ist eine erziehliche Zucht, gepaart mit Strenge und Aufsicht nicht anwendbar, sie wird mit Recht zurückgewiesen. Mehr leistet die Vorstellung und Ueberredung. Sie ist aber auf den guten Willen des zu Ueberredenden angewiesen, meist ruft sie Protest hervor. Der Jugend wird kräftiges, gesundes Willensleben, lebendiges, neues Gefühl, sittliches Empfinden in langer, systematischer Erziehungsarbeit anerzogen. Aber selbst für die Jugend, und ganz besonders im Jünglings¬ und Mannesalter ist wirkungsvoller als Regeln und Gesetze in allen Lebenssphären das Beispiel. Es lässt sich nicht in feste, erzieherische Regeln unterbringen, es wirkt vielmehr als stille Beeinflussung, Ueberleitung infolge der Eindrücke und der Einsicht von der Güte des Vorbildes. So übertragen sich nicht nur gute Formen des Benehmens und Auftretens, sondern auch Gefühls-und Urteilsweise, Anschauung und Gesinnung. In diesem Sinne vorbi 1 d lieh zu wirken, bedarf es grosser Persönlichkeiten. Und die grossen Persönlichkeiten erfüllen ihre Aufgabe für die Menschheit am besten dann, wenn ihre Anschauungen auch Einfluss gewinnen, ihr Wesen seine Macht ausübt auf die schwächeren, unselbständigen Naturen, die sich selber keine grossen Ziele schaffen können. Reif werden immer und zu allen Zeiten nur wenige Menschen sein. Aber damit diejenigen, die reif genug sind, wirken können, bedarf es einer willigen, aufmerksamen Gemeinde, Menschen die willens un^ stark genug sind, sich aus der Masse herauszuheben, sich zu Persönlichkeiten auszubilden. Darauf muss unsere Arbeit gerichtet sein. Wenn wir unter uns nicht lauter ideale Persönlichkeiten haben, so mehren sich ihrer von Jahr zu Jahr. Das ist etwas, das ist viel. Es ist vielleicht das Beste, was wir errungen, dass sich solche Persönlichkeiten voll Grösse und Hoheit uns offenbart haben. Darum ist jeder von uns Lehrer und Schüler zugleich. Dieser Einwirkung durch das Beispiel und Vorbild kann und darf sich niemand entziehen. Das Leben bringt der Konflikte von Pflichten genug; zu jeder Stunde tritt der Zwiespalt der Seele an uns heran, die guten und die bösen Triebe ringen um unsere Seele in jeder Lage des verwirrten Lebens. Es giebt zwei Arten, sich das. Leben zu gestalten, sich in der Welt einzurichten. Die eine, materielle Art rechnet mit dem, was vor Augen ist. sie, strebt nach - allem, was wir äussere Güter nennen, Reichtum, Wohlleben, Macht und Ansehen, die andere ideelle, geht den entgegengesetzten Weg, sie taucht immer tiefer ins Innere der menschlichen Seele hinab, und holt aus ihr alles hervor, was sie zum * Besten der Menschheit verwertet. Und jeder, der es unternimmt, aus seinem eigenen Innern die Kraft zu holen, mit der er die Konflikte bezwingt, der Sittenreinheit zum Siege verbilft, der wird spüren und stolz empfinden, dass hier die eigentliche Quelle menschlichen Glückes liegt. Nicht als ob ein solches Leben leichter wäre im gewöhnlichen Sinne des Wortes, nein, es ist viel leichter, ohne Selbstverantwortlichkeit, mit Umgehung aller Konflikte sein Dasein hinzubringen. Soll die Erziehung ihre volle Wirkung bei uns äussern,- so gehört dazu die volle Selbsterkenntnis, die volle Klarheit über unsere Fehler, die volle Einsicht unserer Mängel. So wir es nicht tun, so wir uns scheuen vor der Erkenntnis, werden uns die Fehler und Mängel täglich oder stündlich von den Anderen mit hämischen Mienen vor Augen geführt. Selbst wenn wir es nicht wollten oder könnten — das Protzentum, das Hervortun, die Gewinnsucht, der Wucher, die Kriminalität, die laxe Moral im Handel, der ungehemmte Erwerbssinn wird uns vorgehalten: Ohne auf die Berechtigung der Vorwürfe und der Kriminalität, die uns entgegengehalten werden, einzugehen, sollte das alles uns doch mahnen, alles Mögliche aufzubieten, die Belastung von uns abzuwälzen. Mit Recht sagt Callmann in der Zeitschrift „Im Deutschen Reich": „Richten wir unser Verhalten so ein, dass weder die mangelhafte noch die vollkommene Wissenschaft eine Handhabe bietet, um uns eine übermässige Kriminalität vorzuwerfen. Wir ehren uns um somehr, je höhere sittliche Anforderungen wir selbst an uns stellen. Ueben wir strengste Selbstzucht. Wie schön wäre es, wenn wir sagen könnten, wir haben Tausende von Geschäften geschlossen, aber es war kein betrügerisches, kein wucherisches darunter. Die Statistik stellt uns zehn Meineide frei, aber es fand sich kein Jude, der von dieser Erlaubnis Gebrauch gemacht hätte." Sicher hätte eine grosse Anzahl von Vergehen vermieden werden könnnen, wenn die Menschen schon früher über ein richtiges, klares Verhalten unterwiesen, wenn sie schon in der Jugend belehrt worden wären, die Gesetze zu kennen] und sie gehörig zu befolgen. Das beständige Anwachsen des jugendlichen Verbrechertums ist ein Anzeichen dafür, dass schon für unsere Jugend, das Leben schwerer geworden ist. Ebenso sicher gibt es auch viele Momente, welche eine nachsichtige, entschuldigende Beurteilung zulassen. Aber es sind doch nicht lauter arme Leute, die auf dem Pfade der Sittlichkeit straucheln, man findet sie auch unter den höheren Schichten. Unter glänzender Maske gehen gar oft Habgier und Schwindel, Genusssucht und Selbstsucht einher, Ränkespiel und Treubruch sind die Mittel dazu. Nicht bei nns allein. Gewiss! Aber uns werden sie schwerer angerechnet, bei uns härter beurteilt. Gibt es kein Mittel, auf diese Elemente Einfluss zu üben, ohne sie auszustossen? Sollte es nicht möglich sein, sie zur Ablegung der bösen Triebe zu zwingen? Wir weisen jeden Wucherer von unserem Bunde ab; das ist gut, denn wir wollen dastehen als ein Bund unantastbarer Männer, aber damit ist der Wucher nicht abgeschafft. Wir sind leicht dabei mit Tadel, Vorwurf, Abscheu, aber damit schaffen wir das Böse nicht aus der Welt. Wir schütteln sie von uns ab, aber sie werden uns wieder angeheftet. Wir werden verantwortlich gemacht für die Fehler Einzelner, darum müssen wir intensiv auf einander einwirken. Dennoch möchte ich nicht den Eindruck hervorrufen, als ob die jüdische Gesellschaft von Unmoral, Vergehen oder Verbrechen durchseucht wäre. Wir können getrost von uns sagen, dass wir auch in ethischer Beziehung nicht schlechter sind, als unsere Christ« liehen Mitmenschen, dass der Kern unseres Volkes in allen Schichten gesund und makellos dasteht. Das entbindet uns aber nicht von der Pflicht, nach höherer, feinerer Entwicke« lung in moralischer Hinsicht zu streben. i