Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 9 - November
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 118 — Unsere Toynbeehalle. Was uns vor mehreren Jahren bewogen hat, hier in Berlin eine jüdische Toynbeehalle zu errichten, ist unseren Brüdern hinreichend bekannt. Wir wollten im Sinne unserer Ordensprinzipien ein soziales Logenwerk schaffen, das Segen verbreiten soll unter den ärmsten unserer Glaubensgenossen, eine Institution, die Freude tragen soll in die Herzen derer, die auf der Walstatt des Daseins freudlos dahinwallen, ein Institut, das das Kulturniveau derer heben soll, die in den Niederungen des Lebens wandeln. Hier in der Toynbeehalle soll der von Fortuna Vernachlässigte auf einige Stunden sein Leid und sein Mühsal, seine Entbehrungen und Enttäuschungen vergessen; hier soll sein Mut gestärkt, sein Gemüt gehoben werden. Hier soll der Geplagte und Zurückgesetzte sich als Mensch fühlen, sein Menschheitsbewusstsein wieder erlangen: hier soll er Anregungen erhalten, seine Bildung erhöhen, sein Wissen mehren; hier soll er reine, höhere Freude gemessen und einwandsfreie Zerstreuungen suchen und finden. Der arme Mann oder die bedürftige Frau, der einsame junge Mensch und das alternde Fräulein, die draussen im Leben sich abhärmen und an der Menschheit fast verzweifeln, sollen hier erfahren, dass es noch warm fühlende Menschenherzen gibt, denen das Los ihrer Mitmenschen nicht gleichgültig ist, dass sie vielmehr bestrebt sind, den Dürftigen und Armen nicht nur ihre Existenzbedingungen zu erleichtern, sondern ihnen auch höhere Genüsse zu verschaffen. Haben wir das erreicht, was wir wollten? Darüber zu urteilen sind wir, Brüder, nicht in der Lage; wir sind zu parteiisch. Ist doch die Toynbeehalle unser Kind, Fleisch von unserm Fleische, Blut von unserm Blute! Und welchem Vater erscheint nicht sein Kind als ein Ausbund von Vorzügen und Tugenden! Willst du die Wahrheit erfahren, so frage beim Nachbar an: Nur der Unparteiische, der Nichtbruder, kann hier ein ungeschminktes, ungetrübtes Urteil fällen. Von dieser Ansicht geleitet, lud ich vor kurzem einen intelligenten Menschen in unsere Toynbeehalle, und ersuchte ihn dann beim Nachhausegehen mir die- Eindrücke wahrheitsgetreu zu schildern, die er in der Toynbeehalle empfunden hat. Mein Bekannter kam meinem Ersuchen nach und das Urteil, das er mir über unsere Institution schriftlich mitteilte, dürfte sicherlich jeden Logenbruder mit edlem Stolze erfüllen. Er habe, so schreibt er mir, mit Absieht die Gesichter der Zuhörer während des Vortrages studiert und ein nicht zu schilderndes Gefühl bemächtigte sich seiner, als er sie in heller Freude erstrahlen sah. Welch eine Andacht und Stille trotz des gemischten Publikums, wie hingen doch die Hörer an den Lippen des Redners, und wie lauschten sie gespannt und interessiert, damit ihnen kein Wort entgehe! Mein Gewährsman unterhielt sich auch mit einem älteren Fräulein über den Abend und sie erzählte ihm, dass sie seit Eröffnung der Toynbeehalle Stammgast sei und fast täglich denselben Platz bekomme, als wäre sie auf ihn abonniert. „Wenigstens weiss ich, wo ich, armes Geschöpf, des Abends hingehöre und der Genuss dieser Stunden bietet mir Labsal und Stärkung für den ganzen Tag." Von diesem Fräulein erfuhr mein Gewährsmann auch, dass die Logenschwestern nicht nur in der Toynbeehalle Ihr freundlich begegnen, sondern ihr auch ausserhalb wohlwollend entgegenkommen und ihr Arbeit zuweisen. Der Brief; meines Bekannten schliesst mit den Worten: »Man verlässt die Halle und pilgert den heimatlichen Penaten zu mit dem schönen Bewusstsein, einen anregenden Abend verlebt zu haben, und mit der festen Absicht, die Toynbeehalle bald wieder zu besuchen." Dieses Urteil eines Fernstehenden wollte ich dem Redaktionskomitee unserer Monatsberichte zur Veröffentlichung einsenden, um unseren Brüdern eine Freude zu bereiten. Aberein beschämendes Gefühl beschlich mich, als ich einige Tage später den zweiten Jahresbericht unserer Toynbeehalle gelesen, und aus demselben zu meinem grossen Leidwesen ersehen habe, dass noch nicht der dritte Teil unserer Brüder "mit Beiträgen an dieser s e g e n b r i n g e n I n s t i t u t i o n beteiligt | ist. Soll für ein philantropisches, erziehlich wirkendes Werk, das aus Logenkreisen hervorgegangen ist, kein genügendes | Verständnis in unserer Mitte sein? Soll eine Logenschöpfung : wegen ungenügender Mittel nur klein bleiben und nicht aus-! gestaltet werden können? Die Berliner Logen sind auf ihre Toynbeehalle stolz und mit Recht. Es ist daher Ehrenpflicht all unserer Brüder, dieselbe■ zu fördern, ihren Wirkungskreis immer mehr zu erweitern und ähnliche Hallen: auch in anderen Stadtteilen nach Bedürfnis zu eröffnen. Im jeder Bruder mache sich zur Aufgabe, wenigstens e i irMitglied der Toynbeehalle zuzuführen, dann werden die Mittel reichlich fliessen und der Ausschuss wird dann in der Lage sein, diese Institution der Grösse unseres Ordens entsprechend auszubauen. Helfen Sie uns daher, liebe Brüder, den Aermsten und Gedrückten angenehme und sorgenbannende Stunden bereiten und das gedrückte Gemüt, das in der Toynbeehalle freudig und heiter gestimmt wird, wird Sie segnen 1 F. Installation der Leopold Zunz-Loge, Braunschweig. Am 6. Oktober d. J. wurde die Leopold Zunz-Loge in Braunschweig installiert. Den eifrigen Bemühungen der Schwesterlogen in Hannover und Halberstadt, besonders der BBr. Frensdorf, Dr. Catzeflstein und G. Hirsch, und nicht zum 'mindesten des nunmehrigen Präsidenten der L. Z.-L., Br. Mielziner, war es gelungen, alle Schwierigkeiten, die sich der Begründung einer B. B. L. in Braunschweig entgegenstellten, zu besiegen und die nötige Anzahl Mitglieder für die neue Loge zu gewinnen. Nachmittags am 3 Uhr entwickelte sich in den Räumen des Hotels Schräder ein reges Leben. Mit den zu installierenden Mitgliedern fanden sich die Gäste ein, die Mitglieder der Grossloge und die Delegierten der Schwesterlogen. In überraschend grosser Zahl, aus allen Gegenden Deutschlands waren sie der Einladung der L. Z.-L. gefolgt, und dem Neuling bot sich nicht nur ein überwältigendes Bild von der Macht und Blüte des Ordens, dem er nun bald selbst angehören sollte, sondern er empfand auch in 'dem Verkehr der Brüder unter