Mannheim
Compact Memory

Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-11-01 · Nr. 9 - November · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 9 - November
Date
1907-11-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4864325-6028970-6074158--1184-4865329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

des Herrn Professor Dr. Martin Philppsohn- Berlin über Staatsinteresse nnd Jndenpolitik. Hatte als erster Redner unser bedeutendster Philosoph gesprochen, so hatten wir die Ehre als zweiten Redner einen Bruder zu bewundern, dessen hervorragende Verdienste im die Geschichte der Kulturstaaten und insbesondere um die Förderung der Wissenschaft des Judentums allgemein bekannt sind. Stürmischer Beifall lohnte den Redner, dem .unser Br. Expräsident Rechtsanwalt Dr. Max L o e b - Mainz als Korreferent folgte: Volksredner im besten Sinne des Wortes, durchdrungen von der Wahrheit dessen, was er als sein Innerstes offenbarte, begeistert und begeisternd nahm unser lieber Bruder Max Loeb sofort die Herzen aller gefangen, als er aus dem Gelühl und der Stimmung unserer Zeit heraus die berechtigten Klagen unserer Glaubensgemeinschaft vortrug. Fast unwiderstehlich hatte der Redner seine Gedanken, seine Leidenschaft und seinen Willen in den Geist und das Herz der Hörer übertragen und dort ein begeistertes Echo hervorgerufen. Die Zuhörerschaft war überwältigt! Nicht endenwollender Beifall jubelte ans allen Teilen des Saales nnd der Gallerien dem gottbegnadeten Redner zu. Da war es ein rechtes Wort am rechten Platze, als Herr Landtagsabgeordneter Cohn - Dessan in markanter Weise die von den BBr. Professor Philippson und Dr. Loeb vorgeschlagenen Resolutionen ohne Diskussion zur Annahme empfahl. - Mit begeisterter Zustimmung wurden dementsprechend die folgenden Resolutionen einstimmig angenommen: Die Hauptversammlung des Verbands der Deutschen Juden erklärt: 1. Die durch Reichsgesetz und Verfassung gewährleisteteGleichberechtigung der deutschen Staatsangehörigen jüdischen Glaubens wird sowohl im Heere wie bei der Besetzung öffentlicher Aemter fortdauernd verletzt. Der Verband wiederholt seine Forderung endlicher Durchführung der Gleichberechtigung im Reich und in den Einzelstaaten. Er fordert dies auch im Interesse des Staates selbst, dessen Daseinsberechtigung und wesentlichste Aufgabe, in dem Schutz und der Aufrechterhaltung von Recht und Gesetz besteht. Der Verband erhebt Widerspruch dagegen, dass durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels erfolgt. 2. Der Verband erblickt eine Kränkung auch der deutschen Juden in der Aasweisung von Ausländern n n r wegen ihres Bekenntnisses zum Judentum und in der fast ausnahmlosen Nichtgewährung der inländischen Staatsangehörigkeit an Ausländer jüdischen Glanbens. - 1 3. Der Verband fordert, dass, entsprechend den Grundsätzen des modernen Saatsrechts, der Staat, soweit er den Religionsgemeinschaften Berücksichtigung und Förderung gewährt, diese der jüdischen Religionsgemeinschaft in gleichem Masse wie den christlichen zu Teil werden' lasse. Nach einer kleinen Mittagspause erfolgten dann die Wahlen für den geschäftsführenden Ausschluss. Damit war die Tagesordnung erledigt und der Vorsitzende schloss die offizielle Tagung des Verbands. Aus der Versammlung heraus wurde ihm ein Dank gespendet, und dies mit Recht; denn J.-R. Dr. Lachmann hatte durch seine vornehme nnd geschickte Leitung die volle Bewunderung verdient und würde jeder parlamentarischen Körperschaft als Vorsitzender zur Zierde gereichen. Für den Abend hatte die jüdische Gemeinde Frankfurt die Delegierten zu einem Festmahl eingeladen. Die Frankfurtloge hatte auch hierzu wieder bereitwillig ihre sämtlichen Räume zur Verfügung gestellt. Dem Ortsausschuss — Vorsitzender Sanitätsrat Dr. Jaffe — gebührt das Lob, dass er mit grosser Umsicht und sehr geschickt die sämtlichen Veranstaltungen, nicht zum wenigsten auch das Festmahl, an dem an 400 Personen teilnahmen, arrangiert hatte. Und wenn es mir gestattet ist, aus der Schule zu plaudern, so will ich verraten, dass auch hier wieder Brüder die eifrigsten gewesen sind, nämlich Dr. Benario und I Dr. Mainzer. Im Verlauf des Abends kam die enthusiastische Stimmung der Teilnehmer durch eine Reihe glänzender Tischreden zum Ausdruck. Ein begeistertes Dreimalhoch erschallte auf den vom Vorsitzenden Herrn Justizrat Lachmann ausgebrachten Kaisertoast. Sanitätsrat Dr. Jaffe- Frankfurt widmete dem Verband seine Tischrede, nachdem Rechtsanwalt Dr. Blau - Frankfurt als gern gehörter Vertreter der Gemeinde Frankfurt namens derselben die Gäste begrüsst hatte. Den drei Referenten widmete Jastizrat Dr. Geiger seinen Trinkspruch; Justizrat Dr. Horwitz - Berlin toastete auf die jüdische Gemeinde Frankfurt und Br. Rabbiner Dr. Horovitz- Frankturt auf die Verbandsidee; Prof. Geiger-Berlin sprach auf die jüdische Jugend, Br. Prof. Dr. M. Philippson-Berlin auf die Ewigkeit des Judentums, Br. Charles L. Hallgarten als der "berufenste Vertreter der Humanität wünschte dem Verbände Glück namens der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israilite Universelle und schliesslich widmete Herr! Prof. Dr. Lewy-Mülhausen (Elsass) sein Glas der jüdischen Frau ' Wenn trotz der recht erheblichen Anzahl von Tischgenossen bei der herrschenden Begeisterung und der animierten Stimmung völlige Ruhe während der Reden herrschte, so beweist dies die erfreuliche Disziplin der Zuhörer. Wie die ganze Tagung, so wurde auch das Festmahl in würdiger Weise beendet. Br. Kirchenrat K r o n e r sprach das Tischgebet und Bruder Expr. Dr. Blau brachte auf „unser grosses, gewaltiges Judentum", ein begeistert aufgenommes Hoch aus. So endete der zweite Verbandstag der deutschen Juden. Möge die Begeisterung, die er in den Herzen aller Teilnehmer entflammt hat, fortglühen und stets weitere Kreise unserer jüdischen Gemeinschaft erfassen zum Segen des Judentums und unseres deutschen Vaterlands. ■

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.