Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 9 - November
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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— 107 —. massiger, gemeinsamer Anerkennung können wir Befriedigung, in unwiderruflicher Gleichstellung das Ende unseres Schmerzes finden. Erziehung, Glaubensgemeinschaft und Familienbande sind unantastbares Eigentum des Einzelnen, sie sind vielleicht des Juden einziger Wunsch, höchstes Lebensglück, und weil er sie nicht mit Füssen tritt, wird er bestraft". Eine Abscbliesung von den Andersgläubigen strebe der Orden nicht an, nicht nur weil eine solche eine Versündigung gegen den Geist unserer Zeit bedeutete, sondern auch weil der Orden wisse, wie sehr die Ghettomauern den Juden im Laufe der Zeit geschadet hätten, wie Zunz seinem Schmerze über die erzwungene Abschliessung Ausdruck verleiht mit den Worten: „Man schloss die Juden von aller Gemeinschaft, von Amt und Ehrenstellen, von Gewerbe und wissenschaftlichem Verkehr völlig aus, sodass es nicht be- . remden darf, wenn dem so planmässig Ausgesonderten und überall nur auf die eigenen Kräfte Angewiesenen der deutsche Buchstabe ein Schrecken und wenn ihm Europas Wissenschaft ein Fremdling und sein Christentum ein Greuel wurde: Kenntnis und Sitte, Sprache und Glaube wurden bei der Menge zu versteinerten Gebilden. Seit jener Zeit blieben die deutschen Juden hinter ihren christlichen Brüdern in wissenschaftlicher Ausbildung zurück und dieser Rückschritt, wenn auch nur Stillstand, äusserte seine nachteiligsten Wirkungen." Deshalb erachteten die B. B. mit Zunz den Verkehr der Juden mit den Andersgläubigen für nützlich und förderlich und strebten ihn an, aber durch das in ihnen geweckte jüdische Selbstbewusstsein wollten sie diesen Verkehr nicht mehr als eine Ehre und besondere Auszeichnung betrachten, sondern als ein selbständiges und selbstverständliches Anrecht. Mit ihren Mitbürgern sollten die Juden nach den Tendenzen und Anschauungen des Ordens friedlich und bürgerlich zusammengehen, an das Vaterland, das teure sich mit allen Gefühlen und Empfindungen des Herzens anschliessen, dessen Wohl fördern, dessen Bestes kräftigen; wetteifern sollten die Juden mit den Andersgläubigen auf dem Gebiete des Wohltuns und der Nächstenhebe, in der Uebung alles Schönen, Guten und Nützlichen, nur in religiöser Beziehung von ihnen gesondert sein. Hier auf dem Gebiete der Religion gebe es kein Miteinandergehen, sondern ein Nebeneinandergehen. Aber dieses Nebeneinandergehen sei ein friedliches. Weder hassten noch verachteten die Juden die' Andersgläubigen, im Gegenteil, stets schätzten sie bei allen Menschen wahre Religiosität und aufrichtige Frömmigkeit, worauf, Zunz in 1819 bei einer Eingabe an die Regierung, in welcher er Bürgerrechte für seine Glaubensgenossen verlangte, hinweisen zu müssen glaubte. Diese Stelle, die noch heute dem Christentum ins Gedächtniss gerufen zu werden verdiene, lautet: „Ich kann es nicht unterlassen, die Bemerkung zu machen, dass der Hass und die Abneigung zwischen Juden und Christen in einem merkwürdigen Missverhältnis steht. Der Christ hasst den Juden, aber der Israelit hasst den Christen nicht, er scheut nur seinen Hass und seine Verfolgung, er zürnt über seine Verachtung, er verabscheut die rücksichtslosen Judenhasser und verachtet die oberflächlichen anti-jüdischen Schriftsteller, aber er hasst den Christen nicht. Diese meines Wissens noch nie ausgesprochene Bemerkung wird jeder in seinen Erfahrungen bestätigt finden.-' Mit Zunz wisse sich, der Orden eins, wenn er Fahnenflüchtige in seiner Mitte nicht duldet und sie wegen ihres verwerflichen Schachers mit dem Heiligsten der Menschen verabscheut. Die beliebten Gründe, die man zur Beschönigung der Fahnenflucht anführe, halte der Orden für Scheingründe. Darum rufe er noch heute den Juden die Worte zu, die Zunz in einer Predigt gegen den Abfall gebraucht hat i »Der Eine sagt: er wolle einem beschwerlichen Leben entgehen. Wie aber, fragen wir einen solchen: wie Freund? wird dir dein Lebensunterhalt sauer, und die Schuld hegt nicht an deiner Trägheit, sondern an äusseren, unsere Familie drückenden Umständen; warum willst du dich denn an uns, den Unschuldigen rächen? warum uns verlassen, zwischen denen du aufgewachsen, uns, die wir auf deine Hilfe für unser Wohl schon gerechnet haben? und wenn du, um deine Umstände zu verbessern, zu» stehlen dich scheuest, und zu betrügen und zu hintergehen, weil es Sünde, ist und Verrat an der menschlichen Gesellschaft, warum scheuest du dich denn der Lüge, des Abfalls,- der Verstellung nicht? Auch das ist Sünde, eigenen Gewissens wegen, mit halber oder gar keiner Ueberzeugung sich aus den Seinen herausstehlen, um sie zu vergessen, und fortan an sich zu denken! Auch das ist Verrat an der menschlichen Gesellschaft, unter ihr herumwandeln mit erheuchelter Gesinnung, den Schein feilbieten für gediegenen Vorteil! Möge der Allbarmherzige mild auf die niedersehen, die, von einem grossen .Missgeschick verfolgt, den Untergang der Ihrigen vor sich sehen, und sich nicht anders zu retten wissen, als durch die Flucht! Möge der Gott des Himmels, der Vater der Schwachen und Irrigen, von seiner reichen Gnade auf das Haupt derer giessen, die in unglücklichen Augenblicken beim 'Anblick des Todes, in Angst zwischen. Liebe und Gewissen, die Wahrheit verleugneten! Sie richte ich nicht, die Verzweifelnden und die Unglücklichen; richtet auch ihr nicht! Wer weiss, ob ihr an gleicher Stelle nicht ein Gleiches getan. Aber du, der du mit kaltem Blute, unbedroht, weggehest, um ein gemächliches Leben mit deiner Verstellung einzutauschen, und uns von Pflichten erzählst, die du den Deinen schuldig seiest; wisse, dass die unbedingte Pflicht der Treue und der Wahrheit grösser ist, als die bedingte der Selbsterhaltung." — •;— — „Ein Zweiter spricht: er wolle der bisherigen Zurücksetzung entgehen, aber mein Freund, auch dieser irrt sehr. Du also, so könnten wir zu ihm sagen, du beklagst dich, dass mandich zurücksetzt, oh, so untersuche doch, an wem die Schuld liegt. Setzt man uns, zu denen du gehörst, mit Unrecht zurück, so darfst du ja durch deinen Abfall das Unrecht nicht zum Recht erheben, da begehst du an uns eine Sünde und machst die Leute glauben, wir verdienen solches. Liegt aber die Schuld an uns, nun so veredle dich zwischen uns und zeichne dich aus, von deinem Glänze wird etwas auf uns zurückleuchten und deine Treue wird dir doppelt so viel eintragen als die Untreue. Hilf den Deinen, das wird deine Ehre sein.