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Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-10-01 · Nr. 8 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 8 - Oktober
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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— 98 — eben auf sich selbst angewiesen, hatten keinen Familienzutritt, keine schützende Hand über sich und mussten ihr ausserberuf lichts Leben eben so gut oder nicht gut gestalten, als es anging. Zu jüdischen Familien wurden sie nicht geladen, und auch in ihrem übrigen Leben des jüdischen Verkehrs entwöhnt, ging ihnen allmählich auch das Bedürfnis eines solchen verloren. Ein „Verhältnis" ersetzt ihnen Freundes- und Familienverkehr. Die Gelegenheit hierzu ist so mannigfach, wie leicht. In der Mehrzahl der Fälle sind es Gelegenheitsbekanntschaften, die bei Ausflügen und Festlichkeiten, in den Verkaufsläden usw. gemacht werden. Eine freundliche Fürsorge für den Mieter von sehen der Logis wüte mit. erwachsenen Töchtern, häufig Leute aus dem kleinen Beamten-, Handwerker- und Bürgerstand, die Heranziehung des jungen Mannes in ihren Familienkreis, ist meist der Anfang zur Mischheirat. Auch wissen junge christliche Mädchen, dass der jüdische junge Mann, wenn er einmal längere Zeit mit ihnen verkehrt hat, und' es schon zu Intimitäten mit oder ohne Folgen gekommen ist, dieser weit eher zu einer Heirat bestimmt werden kann, wie der christliche junge Mann unter gleichen Umständen. Nicht sehr verschieden liegen die Verhältnisse mit jüdischen jungen Mädchen, welche allerdings nicht so schnell zu einem Verhältnis und besonders mit einem jüdischen jungen Manne, zu haben sind, weil sie von der ja auch oft zutreffenden Erwägung ausgehen, dass junge jüdische Männer nur vermögende Mädchen heiraten wollen, und eine Liebeständelei ohne klare Perspektiven d«m Wesen des jüdischen Mädchens meist fern liegt. Hingegen wissen die christlichen jungen Männer, dass die Annäherung an ein jüdisches Mädchen oft erst mit einem Eheversprechen erreicht wird. Auch wukt die Aussichtslosigkeit als mitelloses Mädchen, einigermassen standesgemäss heiraten zu können, für ein jüdisches Mädchen bestimmend auf den Entschluss mit, wenn ihr ein christlicher Mann Gelegenheit zu einer Versorgung in der Ehe bietet. So schwer es mir auch fällt zu sagen, darf ich doch nicht verschweigen, dass nach meinen Wahrnehmungen jüdische junge Mädchen nicht die fraglose Unnahbarkeit an den Tag legen, wie in früheren Jahren. Diese Beobachtung trifft in höherem Masse auf die Grossstadt zu, als auf kleinere Plätze. Immerhin sollten wir uns hüten zu verallgemeinern, wenngleich die immer häufiger werdenden Mischehen, mehr aber noch die leichte Zugänglichkeit, ein bedenkliches Sympton einer veränderten sittlichen Lebensauffassung seitens unserer jüdischen Mädchen bilden, und ich gerne auf die Seite derjenigen trete, die ihren Glauben an die jungfräuliche Unnahbarkeit unserer Töchter sich bewahrt haben. Nun wird man mir entgegenhalten, dass die Verhältnisse für die christlichen jungen Leute, wenn auch nicht ganz so, doch fast gleich liegen. Dem aber ist nicht so, wie ich aus meiner ärztlichen Erfahrung beweisen kann und mancher meiner Kollegen in - der Grossstadt bestätigen wird. Unsere unfertigen und weit hinter den christlichen hintendrein hinkenden sozialen Fürsorgeeinrichtungen bringen es mit sich, dass unsere jüdischen jungen Leute im Nachteil sind. Wie oft habe ich nicht nur in Europa, sondern auch in Amerika die warme Fürsorge bewundert, die sich in christlichen kaufmännischen Kreisen, ebenso im Handwerkerstand, für den fremd in die Grossstadt gekommenen jungen Mann, bezw. für das jungealleinstehende Mädche^ kundgibt. Kaum ist ein junger Mensch kurze Zeit in meiner neuen Stellung, so erscheint auch schon bald darauf irtncj ein Mitglied eines humanitären Vereins, oder ein Geistlic»r usw, um die jungvn Leute aufzufordern, in ihren Kreis >, treten. In dieser Art Werbung liegt etwas auf die jungen Leute moralisch Wirkendes. Es hebt ihr Selbstbewusstsein. indem sie wahrnehmen, dass es Menschen gibt, die sich um ihr Wohl bekümmern, dass ihnen daran' gelegen ist, sie für ihre Kreise und Bestrebungen zu gewinnen, und dass ihre Person nicht ganz gleichgültig übersehen wird. So empfinden die jungen Menschen, dass sie trotz ihrer sozial noch ganz unbedeutenden Stellung schon jetzt als künftige Faktoren im Gemeinwesen betrachtet und behandelt werden und sie halten dann auch darauf, diese Reputation weiter zu vervollkommnen und das ihnen voraussetzungslos entgegengebrachte Vertrauen zu rechtfertigen. Diese, mit dem kaum den Kinderschuhen entwachsenen jungen Menschen beginnende Werbung hat die „Gesellschaft christlicher junger Männer" zu einer weltumspannenden Vereinigung gemacht, wie es kaum eine zweite in der christlichen Kulturwelt gibt, und, wie ich gleich aus eigener Beobachtung hinzufügen möchte, zu einer so segensreichen Institution, wie wir sie uns nur selber wünschen sollten. Demgegenüber muss man sich doch fragen, was ist bis heute dem jüdischen jungen Mann unsererseits nur halbwegs Aehnliches geboten worden? Welcher Vereins- oder Gemeindevorstand oder Rabbiner hat sich noch je der Aufgabe unterzogen, sich* in ähnlicher Weise um das Wohl und Wehe des jüdischen Kaufmanns¬ oder Handwerkslehrlings oder Schülers, Kommis usw. zu kümmern, oder zur jüdischen Geselligkeit heranzuziehen? Wo sind bei uns in Deutschland djf jüdischen Prinzipale, die, wie drüben in Amerika, und in England, sich die Mühe geben, ihre bei ihnen in Stellung befindlichen jungen Leute zuweilen in ihren Familienkreis zu ziehen, sich um ihr geistiges und sittliches Weiterkommen zu kümmern? Könnten wir auf diese Fragen positive Antworten geben, könnten wir auf gleiche soziale Wohlfahrtseinrichtungen hinweisen, so hätten wir, dessen bin ich vollkommen überzeugt, nicht die uns mit Vernichtung bedrohende Entmischung unseres Stammes zu beklagen und zu fürchten. Von der Kindheit, von der Schule an bis zum Mannesalter und bis zur Gründung einer eigenen Existenz, geschieht so wenig für die Erhaltung des Judentums, dass es nicht Wunder nehmen kann, wenn der jüdische Nachwuchs aus unserem Lager flüchtet, an das ihn so wenig festhält, weil ihm so wenig Positives von seinem Judentum beigebracht wird. Nicht jene, die uns heute in hellen Haufen den Rücken kehren, durch Mischehe, Austritt und Taufe uns treulos verlassen, sind -die eigentlich Schuldigen an unserem Niedergang, sondern Eltern, Lehrer, Gemeinde, Familie und Schule, wir alle sind die Schuldigen und wir sollten ehrlich genug sein, nicht nur den „Zug der Zeit", die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und den Staat für die Zersetzung unseres Stammes verantwortlich zu machen, sondern den Blick nach innen richten und uns fragen, was w i r getan haben, um solchen Erscheinungen .vorzubeugen. Da werden

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