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Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-10-01 · Nr. 8 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 8 - Oktober
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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— 92 — doch zur Erholung besuchen. So lange hat man keine Zeit, bis der Tod in unsre Mitte tritt. Ja, dann hat man auf einnul Zeit, and man erinnert sich auf Standen, dass man selrer auch einmal ans Sterben kommt; häufig genug, wenn rr.m gerade am wenigsten dazu Zeit hat, und Freunde and - Verwandten zufällig ebenfalls nicht. Es wird keiner so leicht beweisen können, dass unser heutiges Gemeindeleben und Vereinswesen auf unser jüdisches Stammesbewusstsein vertiefend wirkt. Beiden fehlen die individuellen Züge, das subjektiv Anziehende und Verpflichtende, und bleibt daher ohne nachhaltigen Eindruck auf das Familienleben und die Einzelperson. Also auch hier, in diesem Wegfall zusammenhallender intellektueller und moralischer Kräfte liegt zweifellos ein das jüdische Gemeinschaftsgefühl lockerndes und die Jugend von uns abziehendes Moment. Hier vollzieht sich an uns der Fluch einer materialistischen Lebensauffassung, die vermeint, sich mit Geld von ihren Menschenpflichten entbinden zu können, and dass es bei uns Juden genügt, in einer flachen Wohltätigkeit, die mehr den Geldbeutel beansprucht, als an das Herz appelliert, allen Anforderungen Genüge getan zu haben. Begleiten wir nun einmal ein jüdisches Kind auf seine ersten Lehr- und Wanderjahre in die Fremde und wir werden dann bald auf die Ansätze der grossen Kalamität — Mischehen und Taufen — stossen und begreifen, warum gerade die Grossstädte die Brutstätten des Renegatentums sind. Kommt ein junger Mensch nach absolvierter Lehrzeit oder zwecks derselben in die Grossstadt, wo er des bisherigen Familienlebens entraten muss, so ist er bis auf wenige Ausnahmefälle auf sich selber angewiesen, ohne dass sich Prinzipal und Kost- und Logisgeber sonderlich am ihn kümmern. Das noch an kleinen Plätzen zuweilen herrschende patriarchalische Verhältnis, wo sich der Prinzipal moralisch verpflichtet fühlte, auch ausserhalb der Geschäftszeit den ihm anvertrauten Lehrling zu überwachen, ist in den Grossstädten, wo der Lehrling und Kommis mit dem Prinzipal auch nicht am selben Tische essen, nicht anter demselben Dache wohnen, völlig unbekannt. Eine unübersteigliche Schranke trennt Arbeitgeber und Arbeitnehmer, eine Dis'anz der sozialen Abstufung, die im Interesse der geschäftlichen Disziplin möglicherweise wünschenswert sein mag, aber für den ohne familiäre Beziehungen auf sich selbst angewiesen dastehenden jungen Menschen oft verhängnisvoll wird. Findet er glücklicherweise in einer Familie nebst Kost und Wohnung zugleich freundschaftliche Aufnahme, so erspart ihm dies häufig, sich abends und an gescbäftsfreien Tagen nach Zerstreuungen umzusehen, bei denen er, auch ohne Absicht, auf Elemente stösst, die gleich ihm kein bestimmtes Programm, vielleicht aber andere Absichten haben. Meist aber fällt auch der glückliche Zufall, in einer jüdischen Familie nebst Pension ein anziehendes Familienleben zu finden, hinweg. Der junge Mann mietet sich ein möblirtes Zimmer, isst tagsüber und bevor er nach Hause geht, in einem Restaurant. Der Gedanke, den ganzen Abend allein vor seiner Lampe zu sitzen, hat wenig Verlockendes für ihn; im Winter scheut er die Ausgaben des Einheizens, im Sommer treibt es ihn ohnehin ins Freie. Von niemand begehrt, aof in gleicher Lage befindliche Altersgenossen angewiesen, vermisst er bald nicht mehr, wonach er sich anfänglich .vielleicht gesehnt haben mag. Die Ungebandenheit an Haus and Familie, die UnVerantwortlichkeit über sein Tan and Lassen ausserhalb seiner Arbeitszeit wirken besonders in diesem Alter verlockend und lockernd auf die Selbstdisziplin. Das Strassen- und Wirtshausleben, von keiner erzieherischen Hand' korrigiert, erzeugen in nur allzu vielen Fällen eine Zwangslosigkeit der Manieren, die später nur noch schwer korrigierbar sind, anangenehm, besonders dem Nichtjuden auffallen, und dann als spezifisch jüdische Eigenschaften proklamiert werden, während sie tatsächlich mit dem jüdischen Charakter so wenig Gemeinsames haben, wie etwa Mord und Totschlag. Es sind eben diese kleinen und grossen Manierlosigkeiten nur die Folgen einer der Selbstkontrolle entzogenen Bewegungsfreiheit, andererseits auch Mängel der häuslichen Erziehung, in der ja bekanntlich gerade in unseren modernen Familien so viele Unterlassungssünden begangen werden. Das ist aber immerhin noch das kleinere Uebel. Schlimmer ist folgendes: Der jüdische junge Mann findet nicht wie seine nicht jüdischen Berufs* und Altersgenossen ein seinem Stande und seiner Erziehung angemessenes, geselliges Vereinsleben, und auch keinen Zutritt zu solchen für christliche Kaofleute resp. Handwerker, die noch obendrein ihre bestimmten Lokale haben, die dem Sport, dem Vergnügen, der Musik, der Lektüre und Geselligkeit bestimmten Räumlichkeiten besitzen, und durch verschiedenartige Veranstaltungen die jungen Männer von fragwürdigen Vergnügungsplätzen eher fernhalten. Aber nur die letztgenannten stehen für den Juden offen, die übrigen sind ihm nicht zugänglich, und wir haben keine den christlichen ähnlichen Einrichtungen. Was liegt da näher bei einem jungen Menschen, als dass er sich auf andere Weise zu zerstreuen sucht! Und was ist natürlicher, dass er in seiner verantwortungslosen Freiheit Mass und Ziel verliert und gerade das, was ihn am meisten reizt kennen zu lernen und zu geniessen, und ihm im Elternhause ängstlich ferngehalten wurde! Und wo fände er nicht in der Grossstadt auf Schritt und Tritt einen Altersgenossen, der nicht bereit wäre, ihn in Geheimnisse des Lebens einzuweihen, denen sein Alter noch weit voraus liegt! So lernt, oft noch im Knabenalter stehend, der junge Mensch Dinge und Unsitten kennen, die ihm selten schlimme Erfahrungen ersparen und nicht nur Gemüt und Seele, sondern auch häufig den Körper vergiften. Wem von uns wären nicht schon in den Nachtcafes oder Vergnügungsplätzen sehr junge Männer in Begleitung fast ebenso junger Mädchen begegnet, die sich in gleicher Lage befinden? Und was das Peinlichste für den Beobachter ist, es sind grossenteils jüdische junge Leute, wenigstens der männliche Teil, die auf diese Weise ihre freien Abende» aber auch die Sonn- und Festtage, in bedenklicher Vertraulichkeit miteinander verbringen. Wer von ans Aerzten in der Grosstadt jemals innigeren Anteil an diesen jungen Leuten, die sich in seinem Sprechzimmer einfinden, genommen hat, hat oft genug die gleichlautende Auskunft über ihre Lebenseinrichtung erhalten. Die jungen Menschen waren

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