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Bericht der Großloge für Deutschland · 1907-10-01 · Nr. 8 - Oktober · p. [Seite]

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Journal
Bericht der Großloge für Deutschland
Volume
1907
Issue
Nr. 8 - Oktober
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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— 9 I — noch christlich, weder sittlich gut, noch sittlich schlecht, in einer ständigen Neutralität gegen alle höheren Lebensanscbauungen, nur auf Erwerb, Besitz, und Genuss zugeschnittenes Familienleben kann eben weder Männer noch Frauen hervorbringen, die für andere als ihre eigensten persönlichen Interessen einzutreten die Kraft haben. Ohne Interesse und ohne Liebe für ihr Judentum aufgewachsen, vermag auch nicht der jüdische Religionsunterricht, der dürftigste und unzulänglichste aller Konfessionen, weil er im Elternhause keinen das Gemüt ansprechenden Widerball findet, im jüdischen Kinde das Bewusstsein zu erwecken, dass ihm sein Leben grössere und ernstere Lebensaufgaben zuweist, als solche, die es zu Hause kennen lernt. Das jüdische Familienleben hat vor dem christlichen heute nichts mehr voraus, hingegen fehlt ihm von diesem so manches, was uns verloren gegangen ist. Im jüdisch-religiösen Sinne, ist das Familienleben förmlich ausgebrannt und die Jugend wächst wie verwildert darin auf. Und so wird dem Kinde, wenn es herangewachsen, in die Welt treten soll, nichts aus seinem jüdischen Elternhause mit auf den Weg gegeben, woran es sich in der Fremde Halt schaff .-n könnte. Ohne lebendes Beispiel als Vorbild — und die Erziehung ist doch nun einmal Beispiel in der eigenen Lebensführung — bleiben alle Lehren und Mahnungen leere Worte und Phrasen/ Und was im Elternhause dem Kinde an feinen Fühlfäden, die es mit seinem Volke fest und innig verknüpfen sollten, vorenthalten bleibt, wird ihm auch beim Religionsunterricht nur sehr notdürftig, nein, überhaupt nicht ersetzt. Denn der Religionsunterricht, dem im Elternhause die Praxis meist schnurstraks entgegensteht, ist an sich schon so unzulänglich und dürftig, dass er eigentlich nur eine „unverständliche Hypothese" bleibt, weil er im Hause kein Echo findet. Wie kann man denn da noch vom jüdischen Kinde erwarten, dass es sich an etwas festhalten soll, was im Vaterhause weder gepflegt noch gehegt wurde! Wie darf man von einem jüdischen jungen Manne oder Mädchen, die in die Fremde ziehen und kein wahres jüdisches Leben vor sich gesehen haben, verlangen, sie sollen sich als Juden führen und fühlen? Hier lif gen die stärksten und die feinsten Wurzeln unseres nationalen Unglücks. Darüber ist schon so viel geschrieben und gesprochen worden, dass sich kaum noch ein neues Argument hinzufügen lässt.1 Des Weiteren liegen die Wurzeln des Verfalls in dem grossen Wandel des jüdischen Gemeindelebens, der sich nicht immer als Fortschritt erwiesen hat, und dem auch nicht mehr die bindende Kraft von ehemals innewohnt. Die mit dem Gemeindeleben untrennbar verbunden gewesenen Institutionen, die alle ohne Ausnahme, der Förderung des Geisteslebens und der Verallgemeinerung der praktischen Nächstenliebe (Gemiluth Chassodim) als Mittel dienten — gemeinhin , Chewras" genannt — waren die mächtigsten Faktoren, jüdisches Bewusstsein zu pflegen. Wenn auch IJ) Siehe Beilage unseres Logenblattes 1906 Artikel von Sanitütsrat Maretzki Dber ,.Mische tun" und „Idealismus und IndifTerentismus" von Arthur Kahn, zu dem die erstgenannte Arbeit die Anregung gab. ebenso wie heute einzelne Männer an der Spitze der Verwaltung standen, so legte dennoch die Zugehörigceit zu diesen „Chewras" ausser der Geldbeitragtp flicht auch noch persönliche Leistungen auf. Und daxi\ lag ihre versittlich ende Kraft; durch d 1 e s e wurde die L|te geschmiedet, die die Juden als einzelne Glieder dessel.„ Stammes miteinander verband. Allerdings haben wir het» anstelle der Chewras eine Legion von Vereinen, von dere -Tätigkeit die Mitglieder durch Jahresberichte unterrichtet werden, deren Existenz ihnen aber erst wieder in Erinnerung kommt, wenn der Beitrag eingezogen wird. Die Hälfte der Mitglieder empfindet ihre Zugehörigkeit als Fessel, die Beiträge als Last, sogar als Brandschatzung, die man sich nur widerwillig gefallen lässt, wenn man sie nicht schon nach drei oder vier Jahren überhaupt verweigert. Eine natürliche' Folge der unzulänglichen Fernwirkung. Es war früher ein sich von selbst verstehender Akt der Pietät, dass Söhne und Töchter nach dem Tode der Eltern wiederum diesen „Chewras" oder Vereinen beitraten, damit das Werk, das Ureltern geschaffen,' die Eltern und Kinder weiter erhalten, auch in seinem zukünftigen Bestand nicht gefährdet werde. Und diese Chewras feierten Zentenarfeiern ohne Generalversammlungen, ohne weitschichtige Statuten mit Dutzenden von Paragraphen. Das moralische Pflichtgefühl, alle Wohlfahrtseinrichtungen, die den Kern des Judentums in sich trugen, zu unterstützen, war\in den Mitgliedern zu lebendig, als dass es vieler Anregungen bedurft hätte. Dann war ihnen noch ein Imponderabile eigen, das unsere Vereine leider nicht besitzen: das Gefühl der gegenseitigen Solidarität und der unbedingten Pllicht, von seiner eignen Zeit und Arbeitskraft einen Teil in den Dienst werktätiger Nächstenliebe zu stellen.13) Aber wer von uns modernen Juden hat denn heute noch Zeit, solche von wahrer Menschenliebe und tief sittlicher Kraft diktierten Liebesweike zu verrichten': Man hat ja keine Zeit: Geschäft, die Entfernungen der. Grossstadt, Soupers, Diners, Theater, Konzerte muss man ___ | ■ •. "... - , - . >'i Und gerade in dieser Beziehung war es — und ist e* auch glücklicherweise heule noch in zahlreichen jfldischen Gemeinden — besonders eine Institution, die in ihrer-eindrucksvollen Aufgabe auf das Empfinden der Umgebung nachwirkte. Kine Institution, die durch die Gegenwart und, dank der ewigen Reformern —,'eine fast krankhafte jüdische l'ntugend — des ihr innewohnenden ethischen Gehalt« gänzlich beraubt ist, n.imlich der in der ganzen Welt als „Chev-ra kadispha" verbreitet gewesene Verein, dessen Aufgabe darin bestand, nicht nur Kranke zu besuchen, -ondern au^li den Toten noch pers önliche Zeichen deiEhrung- und Nächstenliebe zuteil! weiden zu lassen, was man heute in- Bausch und Bogen hu der Beerdigung abmacht. Selbstverständlich w*r es, dass die vertrautesten Freunde an das Lager des Sterbenden gerufen wurden,- und, nachdem jüdische Frauen gemeinsam das Totenkleid genäht, währenddem die Männer* den einfachen.1 prunklosen Sarg zimmerten, wiederum Br.tfderhände den Toten einkleideten, in den Sarg legten, diesen an die Gruft trugen und hinabsenkten und zudeckten. Von den tiefen Eindrücken, die Vatei oder Mutter von diesen persönlichen Handlungen der Nächstenliebe, die der Reichst* mit dem Aermsten zugleich verrichtete, mit nach 1 lause brachten, übertrug fcich auf die Kinder das Gefühl der persönlichen 'Verpachtung, die die Tradition dem Juden auferlegt. I>as waren sogar die allerst irksten Nachwirkungen auf die Gemtltssphäre aller Beteiligten und hielt das Bewnsslsein de/ Zusammengehörigkeit und gegenseitigen Ptlichtlebens lebhafter rege, als alle Vereinstümelei in ihrer jetzigen Fapon je erreichen wird.

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