Bericht der Großloge für Deutschland
- Journal
- Bericht der Großloge für Deutschland
- Volume
- 1907
- Issue
- Nr. 7 - September
- Date
- 1907-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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— 85 — haft religiös and Ton strenger Observanz sind. Unsere osteuropäischen Glanbensgenossen haben n&mlich ein gewisses Vorurteil gegen die moderne Bildung; sie sind der Ansicht, das8 die Bildung mit der Religion nicht in Einklang zn biibgen sei, dass beide sich gegenseitig ausschlössen, darum ziehen sie es vor, bei ihren alten Unarten .und ihrer alten Unwissenheit zu verharren. Wenn sie aber Männer von aufrichtiger, lauterer Frömmigkeit kennen lernen, die eine gediegene und moderne Bildung besitzen, dann werden sie von ihrem Vor- , urteil geheilt sein, sich gegen die Kultur nicht mehr absperren, vielmehr der neuen Umgebung wich anzuschliessen suchen. Dieses soziale Hilfswerk durfte uns sicherlich gelingen und von schönen Erfolgen begleitet sein. Es wird uns ja auch viel leichter sein, unter diesen bei uns ansässigen osteuropäischen Juden erspriesslich zu wirken, als in deren Heimatländern. Denn dort spielen viele Momente mit, die sich unserer sozialen Arbeit hindernd in den Weg stellen, wie z. B. die chassidische Umgebung, die geringe Zahl zuverlässiger und geeigneter Vertrauensmänner u. a. m. Dies alles fällt hier weg, denn diese Jnden würden bei uns stets unter unserer Obhut sein, und wir könnten durch entgegengebrachte Liebe und Milde leicht ihr Vertrauen und ihre Dankbarkeit uns erwerben. Die Alten, ganz besonders aber die Jungen worden sich uns freudigst anschliessen und zu nützlichen, lebensfrohen und arbeitsfreudigen Menschen heranwachsen. Wahrlich, ein schönes Feld sozialer Fürsorge und menschenfreundlicher Arbeit, auf dem unsere lieben Brüder; Schwestern und deren Angehörige segensreich wirken und sich betätigen könnten! Sitzung des Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, Berlin, den 25. August 1907 In den Logenriumen. Den Reigen der Logenarbeiten ei öffnete das Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels mit einer Sitzung, die Sonntag vormittag 11 Uhr in den Logenräumen stattfand. Zu dei f elben waren nur, da viele Mitglieder noch auf Reisen sind, folgende Brüder erschienen: Br. Maretzki, Paul Laskar- Hambmg, Dr. Landsberg-Stettin, Katschinsky-Kattowitz und Dr. med. Friedberg-Berlin. Br. Maretzki, der den Vorsitz führte, referierte ausführlich über die Ursachen, die die Grossloge bewogen hatten, die bisherige Tätigkeit des in Hamburg arbeitende Komitees einzuschränken. Die Grossloge habe 8. Zt. beschlossen, dass die wirtschaftliche und ethische Aufrichtung in Galizieu der Tätigkeit des Zweigkomitees entzogen und dem Hilfsverein der deutschen Juden überlassen werden solle, gemäss der zwischen der Grossloge und dem Hilfsverein getroffenen Vereinbarung. Das Zweigkomitee in Hamburg sei von dem gewiss richtigen Gedanken ausgegangen, dass nicht nur der Mädchenhandel als solcher, sondern auch die Ursachen desselben, die in Galizien herrschende soziale Armut und der kulturelle Rückstand zu bekämpfen sei. Dieser Gedanke sei an und für sich ganz richtig. Denn überall, nicht nur bei den Juden in Osteuropa, sondern auch bei der nichtjüdischen Bevölkerung in Süditalien und Nordafrika, wo Unbildung nnd Unkultur vorhanden sind, existierten ungesunde soziale Verhältnisse und Mädchenhandel sei daselbst anzutreffen. Aus dem Grunde habe das Zweigkomitee in Hamburg seine Grenzen weit gezogen und eine Sanierung der galizischen Verhältnisse herbeiführen wollen; eine Aufgabe, die allerdings sehr löblich und des Schweisses der Edlen wert sei, die aber unsere Kräfte übersteigen, ungeheure Kosten verursachen würde und viele Jahrzehnte zur Ausführung bedürfe. . ■/', Es seien Sendbotinnen nach Galizien. abgesandt worden, von denen nur eine eine längere Zeit in Galizien eine umfassende Tätigkeit entfaltete. Indessen seien Schwierigkeiten eingetreten, deren Tragweite sich mehr und mehr vertiefte, sodass die Arbeit der Sendbotin, die das Vertrauen der massgebenden Personen verloren habe, eine schwere Hemmung erlitt/ Man war genötigt, die Sendbotin aus persönlichen Gründen zurückzuziehen. Dazu kam, dass die Galizianer aus national-politischen Rücksichten sich gegen eine Führung und Leitung von deutscher Seite sträubten. Zu dieser Gegenströmung hielten sich, die führenden Persönlichkeiten für berechtigt, weil auch von österreichischer Seite die wirtschaftliche Hebung betrieben wurde. Indessen lehnten die österreichischen Herren jede Tätigkeit auf moralischem, sozialem Gebiete wiederholt . und entschieden ab; alles Mahnen und Drängen unsererseits hatte keinen Erfolg. Möglich, dass die Heiren vor dieser schwierigen Arbeit zurückschreckten, möglich auch, dass sie sich nicht viel von solchen Aktionen versprachen. In jüngster Zeit hat Br. Bergel versucht, ein neues galizisches Komitee aus Delegierten der deutschen und der österreichischen Grossloge sowie aus Vertretern des österreichischen Hilfsvereins für Galizien und der Krakauer und Lemberger Loge zu bilden; um alle Kräfte für eine ethisch-soziale Beeinflussung in Galizien zusammenzufassen. Die Verhandlungen sind noch nicht zum Abschluss gelangt. Aus diesen Erwägungen und infolge dieser allerdings bedauerlichen Tatsache'ist die Grossloge zu dem Beschluss gelangt, dem Zweigkomitee aufzugeben, sich lediglich auf die Bekämpfung des Mädchenhandels zu beschränken. In diesem Sinne sollte fortan das Zweigkomitee seine Tätigkeit auffassen und durchführen. Dadurch aber fühlte sich das Hamburger Komitee beengt und trat zurück. Br. Tuch, der sich mit grossem Idealismus und anerkennenswertem Eifer der. ganzen Sache eine Reihe von Jahren hingab, und der keineswegs, für den Misserfolg in Galizien verantwortlich zu machen ist, fühlte sich durch dieses Vorgehen der Grossloge verletzt. Trotz vieler Briefe und Vorstellungen beharrten die Hamburger Mitglieder bei der Ablehnung jeder Tätigkeit, bis es durch persönliche Rücksprache zwischen Br. Tuch, Cohn' einerseits und Bergel und Maretzki anderseits gelang, die differenten Anschauungen auszugleichen und Br. Tuch dem Zweigkomitee zu erhalten. Inzwischen wurde das Komitee reorganisiert. Es wurden zu den bisherigen .Mitgliedern noch mehrere kooptiert, die alle ihre Bereitwilligkeit zur Mitarbeit erklärten. Nach diesen Ausführungen hat sich das neue Komitee